Pazifik: „Glück im Unglück“

Wie Gemeinschaften im Pazifik gestärkt aus der Pandemie hervorgehen

Von Regina Scheyvens, Apisalome Movono und Jessie Auckram
Frau auf Fahrrad mit Kind
© Pedram Pirnia

Seit Dezember 2021 haben die pazifischen Inselstaaten nach und nach ihre Grenzen geöffnet und Touristinnen und Touristen bevölkern wieder die Ferienanlagen an den Stränden. Das Leben scheint wieder seinen gewohnten Gang zu gehen. Doch nicht alle Einheimischen sind vom Tourismussektor noch so begeistert wie vor der Pandemie.

Fehlende Tourismuseinnahmen

Die Corona-Pandemie hat den Tourismus weltweit in Mitleidenschaft gezogen. Das gilt besonders für kleine Inselstaaten, die stark vom Tourismus abhängig sind. In Ländern wie Fidschi, Samoa, den Cook-Inseln und Vanuatu hat die für ein bis zwei Jahre andauernde Schließung der Grenzen für Linienflüge zu Verschuldung in der Wirtschaft geführt und in vielen pazifischen Inselgemeinschaften eine erhebliche Finanzlücke hinterlassen.

Als die Grenzen geschlossen waren und die meisten Inselregierungen auch keine Lohnkostenzuschüsse zahlen konnten, verließen viele Tourismusbeschäftigte die einst florierenden Touristenzentren und kehrten in ihre Dörfer und zu ihren Familien zurück. Hier fanden sie sowohl sozio-kulturelle Unterstützung als auch Alternativen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Menschen, die jahrelang an der Rezeption, in der Küche, als Servicepersonal oder als Animateurinnen und Animateure in Hotels und Ferienanlagen gearbeitet hatten, mussten sich an das dörfliche Umfeld anpassen. Für ihren Lebensunterhalt mussten sie sowohl neue als auch herkömmliche Strategien anwenden und von ihrem "Vanua" leben.

Vanua – mehr als Land

„Vanua“ ist ein Begriff aus Fidschi, der das Land, die Menschen und die Verbundenheit zwischen dem Land und seinen Menschen beschreibt. In vielen pazifischen Ländern gibt es ähnliche Begriffe, z. B. "Fonua" in Tonga, "Enua" auf den Cook-Inseln und "Whenua" bei den neuseeländischen Maori. “Vanua“ ist ein sehr viel komplexerer und umfassenderer Begriff als die westlichen Vorstellungen von Land. Er beinhaltet kulturelle, gesellschaftliche und spirituelle Werte und Vorstellungen, Traditionen, Geschichte und Bräuche und stellt eine Verbindung zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Welt dar.

Zum “Vanua“ zurückzukehren bedeutete für die Menschen oft einen physischen Ortswechsel von einem stärker urbanisierten, touristisch geprägten Umfeld aufs Land. Für diejenigen, die in einem Dorf in der Nähe einer Ferienanlage leben, die pandemiebedingt geschlossen wurde, bedeutete die Rückkehr, sich spirituell, kulturell und physisch wieder mit dem “Vanua“ zu verbinden. Sie fanden einen Ort, der in schwierigen Zeiten ein wirtschaftliches, gesellschaftliches und ökologisches Sicherheitsnetz bietet.

Erfolgreiche Anpassung

Viele Völker im Pazifik haben sich erfolgreich an die Pandemie angepasst. Zwar gaben über 73 Prozent der von unserem Team Mitte 2020 befragten Personen an, dass ihr Haushaltseinkommen „erheblich zurückgegangen" sei, doch im Laufe der Pandemie berichteten sie auch von vielen positiven Aspekten, die die Grenzschließungen mit sich gebracht hätten.

Zweifelsohne war der Anbau von Nahrungsmitteln auf angestammtem Land eine wichtige Überlebensstrategie. „Was die Umwelt betrifft, so sehe ich, dass die Menschen das Land jetzt respektieren – sie wissen, dass das Land sie versorgen und ernähren kann“, sagte eine Angestellte eines Resorts in Fidschi im Februar 2021. Neu erlernte oder wiederbelebte Fertigkeiten wie der Anbau von Yamswurzeln, der Fischfang nach traditionellen Methoden, die Weberei sowie die traditionelle Öl- und Seifenherstellung haben es den Menschen ermöglicht, sich unabhängiger von den Supermärkten zu machen. Einige nutzen diese Fertigkeiten, um ein Einkommen zu erzielen und mit Nachbargemeinden Tauschgeschäfte zu tätigen.

Die Befragten nannten zudem verschiedene Beispiele für soziale und gemeinschaftliche Unterstützungsmechanismen. Frauengruppen organisieren Spendenaktionen, um Produkte für diejenigen zu kaufen, die kein Bareinkommen haben. Jugendgruppen helfen älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern. „Ich war in den letzten zwei Monaten im Dorf und habe festgestellt, dass wir tatsächlich miteinander kommunizieren. Wenn andere Familien ein Problem haben, helfen wir ihnen auch. Wir geben ihnen das Wenige, das wir haben. Wir kümmern uns umeinander“, sagte ein ehemaliger Angestellter einer Ferienanlage in Fidschi in einem unserer Interviews 2021.

Erhöhte Widerstandsfähigkeit

Ein Mitarbeiter der Tourismusbehörde von Vanuatu beschrieb die Pandemie als Glück im Unglück: „Wir sind jetzt auf so vielen Ebenen geeinter". Ein ehemaliger Tourismusangestellter in Fidschi empfand es ähnlich: „Die Pandemie gab uns die Gelegenheit, uns auszuruhen. Ich habe das sehr geschätzt, denn ich wusste gar nicht, wie viel psychischen und körperlichen Stress ich mir mit der Arbeit im Tourismussektor gemacht hatte“.

Die Rückbesinnung auf das Land und das Meer als Nahrungsquellen hat sich in der Pandemie in vielen Dörfern im Pazifik als unglaublich wertvolle Überlebensstrategie erwiesen. Die Schnittstelle zwischen dem sozialen und natürlichen Umfeld ist wichtig für die Widerstandsfähigkeit und das Wohlergehen der Menschen. Darin zeigt sich, dass es kulturelle Werte, soziale Vorteile und nicht-monetäre Aktivitäten gibt, die den Menschen helfen, ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Silberstreifen am Horizont

Die Pandemie wurde zum Katalysator für eine Anpassung der Lebensgrundlagen im Pazifik. Sie führte zu einer Wiederbelebung traditioneller Wissenssysteme und der Beziehungen innerhalb von Gemeinschaften. Dies zeigt, wie beständig kulturelle Systeme sind und eröffnet viele Möglichkeiten für die Erholung des Tourismus nach der Pandemie. Es zeigt, dass sich die Menschen auf ihr kulturelles Wissen und ihre lokalen Ressourcen verlassen können, um die Herausforderungen zu meistern, wenn weitere Schocks den Pazifikraum treffen. Diese Chancen können als Silberstreifen am dunklen Pandemiehorizont betrachtet werden.

Dieser Artikel fasst Erkenntnisse aus dem Asia Pacific Viewpoint-Artikel Silver linings around dark clouds: Tourism, Covid-19 and a return to traditional values, villages and the vanua (Movono, Scheyvens und Auckram, 2022) zusammen.

  • Regina Scheyvens ist Professorin für Entwicklungsstudien an der Massey University, Neuseeland, mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in der Forschung zu Tourismus, Nachhaltigkeit und dem Wohlbefinden der Völker im Pazifik.
  • Apisalome Movono ist Dozent für Entwicklungsstudien an der Massey University. Er forscht zur Resilienz und dem Wohlbefinden der Völker im Pazifik, insbesondere in Zusammenhang mit dem Tourismus.
  • Jessie Auckram ist Forschungsassistentin an der Massey University. Sie hat einen Hintergrund in Psychologie und Entwicklungsstudien.
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