Malediven: Inselstaat mit Schuldenberg

Kreditfinanzierte Entwicklung des Tourismus

Von Peter Lanzet
Insel im Meer
© Shifaaz shamoon_Unsplash

Schon seit 1972 setzen die Malediven auf Tourismus. Um die Jahrtausendwende wurde er zum wichtigsten Wirtschaftssektor. Mit über 7.000 US-Dollar Pro-Kopf-Einkommen gelten die Malediven seit 2015 als Land mit mittleren Einkommen. Weltbankdirektor Faris Hadad-Zervos hebt in einem Blog hervor, dass der Tourismus und die damit verbundenen Dienstleistungen zu ca. 40 Prozent der Wirtschaftsleistung und 80 Prozent der Exporte der Malediven beitragen. Um das Einkommen besser zu verteilen, dürfen seit 2009 auch Gästehäuser auf bewohnten Inseln Reisende beherbergen. Das war zuvor nur in Resorts erlaubt. Heute stellen die Gasthäuser etwa ein Fünftel der Bettenkapazität.

Die Lieferung von Gemüse, Obst, Fisch und Baumaterialien sowie eine Vielzahl von Dienstleistungen bilden die Existenzgrundlage vieler Malediverinnen und Malediver. Mehr als 60.000 Migrantinnen und Migranten – zumeist aus Bangladesch – arbeiten in der Bauwirtschaft, im Tourismus und in der Fischerei. Sie kämpfen um einen Mindestlohn, den man ihnen bislang aber nicht gewährt.

Tourismus als störanfälliger Sektor

Der Anfälligkeit des Tourismus für externe Schocks ist man sich auf den Malediven nicht erst seit der Corona-Pandemie bewusst, als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 um 29 Prozent zurückging. 2004 hatte der Tsunami erhebliche Zerstörung angerichtet. Damals war die Wirtschaftsleistung sogar um 62 Prozent eingebrochen.

Die aktuelle Krise infolge des Kriegs in der Ukraine wirkt sich auf die Ankunftszahlen und in dieser Hinsicht auf die Wirtschaftsleistung der Malediven weniger aus. Der Malediven-Tourismus war schon immer Premium-Tourismus. Etwaige Preiserhöhungen führen hier nicht in jedem Fall zu einem Rückgang der Nachfrage. Die Ankunftsstatistik für 2022 bis Oktober zeigt, dass die aktuell ausbleibenden russischen und ukrainischen Gäste durch betuchte indische und chinesische Touristinnen und Touristen ersetzt wurden.

Investitionen in Ferienanlagen auf den Malediven blieben ein lukratives Geschäft, erzählte ein in Male ansässiger australischer Tourismusmanager bei einem Telefongespräch über die Lage. Die Renditen seien traumhaft, trotz Korruption und hoher Lizenzgebühren.

Treiber der Verschuldung

Der Tourismus war von Beginn an kreditfinanziert. Durch den Ausbau der Infrastruktur sollten die Voraussetzungen für weiteres Wachstum verbessert werden. Doch die Kreditaufnahme nahm überproportional zum Wirtschaftswachstum zu. Seit der Demokratisierung 2008 engagierte sich der Staat zunehmend in der Sozialpolitik. Wasserversorgung, Post, Telekommunikation, Stromerzeugung, Häfen und Flughäfen sind in Händen staatseigener Firmen. Für ihre Defizite muss weiterhin der Staat aufkommen.

Chinesische und indische Kredite

2013 nutzte der autoritär regierende Präsident Abdullah Yameen die Kreditbereitschaft Chinas. Er ließ den Flughafen auf Hulhumale erweitern und die chinesische Freundschaftsbrücke zwischen Male und Hulhumale bauen. Der stärker demokratisch regierende Präsident Ibu Solih vollzog nach seiner Wahl 2018 zwar eine geopolitische Neuausrichtung in Richtung Indien, nahm aber dennoch 2019/20 weitere 172 Millionen US-Dollar von China in Anspruch.

Hohe Rückzahlungslasten

Die Regierung war schon vor der Pandemie mit hohen Rückzahlungslasten für fällige Kredite konfrontiert. Während der Pandemie musste sie nun noch die Wirtschaft stabilisieren und die Versorgung der Bevölkerung sichern. Mit Indien wurden 2018 und 2020 Kreditrahmen von 800 Millionen und 750 Millionen US-Dollar vereinbart. Das Finanzministerium begann verstärkt Staatsanleihen auf dem Finanzmarkt auszugeben. Insgesamt stieg die Verschuldung zwischen 2010 und 2020 um 220 Prozent, die Wirtschaftsleistung aber nur um 145 Prozent.

Glücklicherweise konnten die Malediven wegen der Pandemie von einem Schuldenmoratorium der G20 sowie von chinesischen Sonderrückzahlungskonditionen profitieren. Bis 2026 stehen gut eine Milliarde US-Dollar zur Rückzahlung an. Die Rating-Agentur Fitch verweist darauf, dass die Fremdwährungsreserven von September 2021 auf September 2022 von einer Milliarde US-Dollar auf 540 Millionen geschrumpft sind – ein Resultat der global gestiegenen Kosten für Energie und Lebensmittel, von deren Import die Malediven abhängig sind.

Unter anderem deshalb hat sie im Oktober das Rating der wirtschaftlichen Aussichten der Malediven von „stabil“ auf „negativ“ gestellt. Finanzminister Ibrahim Ameer und Staatspräsident Solih halten dagegen, dass für 2022 ein Wirtschaftswachstum von zehn Prozent vorhergesagt und das Bruttoinlandsprodukt für 2023 auf 6,5 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Die Regierung geht davon aus, dass die Schulden wie immer pünktlich bedient werden.

Klimawandel

In Folge steigender Meeresspiegel drohen die heute ca. 580.000 Einwohner der über 1200 Inseln ihre Heimat zu verlieren. Fast alle Inseln haben mit Erosion zu kämpfen. Landbefestigungen und Aufschüttungen verursachen hohe Kosten. Im Haushalt 2022 sind nur 61 Millionen US-Dollar für den Umweltschutz vorgesehen, davon etwa ein Drittel für die Recyclinginsel Thiulafushi, um das hohe Müllaufkommen von etwa drei Kilo pro Gast und Tag zu bewältigen.

Die 2015 eingeführte Ökosteuer von sechs US-Dollar je Gast und Tag erbringt im Durchschnitt ca. 60 Millionen Dollar pro Jahr. Seit 2020 wird dieses Geld aber mehr zur Finanzstabilisierung herangezogen, als um Umwelt- und nachhaltige Energieprojekte zu fördern. Nur vier Prozent der Energie stammt aus nachhaltigen Quellen, Dieselgeneratoren produzieren den Strom. Viele Kosten des Tourismus werden externalisiert – in Form von Umweltschäden, schlechten Arbeitsbedingungen, niedrigen Löhnen und geringer sozialer Absicherung des Personals.

Der ehemalige Präsident und Klimaaktivist Mohamed Nasheed fordert in einem Interview mit der Zeitschrift „Südasien“ (3/2021) von Deutschland und der EU dringend, die Pariser Klimaziele rechtzeitig zu erreichen und sich besonders für eine nachhaltige Luftfahrt zu engagieren. Auch er sieht für sein Land vorerst keine Alternative zum Tourismus.

Peter Lanzet war 18 Jahre lang Politikberater von Brot für die Welt zu Entwicklungsfinanzierung und Entschuldung und schreibt seit 2014 die Quartalsnachrichten aus den Malediven für das Magazin „Südasien“.

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