Lernen auf Reisen

Schon Kurt Tucholsky war sich bewußt, daß Auslandserfahrung zwar dringend notwendig, interkulturelles Lernen jedoch zugleich an Vorausetzungen gebunden ist und nicht "automatisch" erfolgt. Vor mehr als einem halben Jahrhundert empfahl er, seine "bornierten Landsleute" gezielt der Erfahrung der Fremde auszusetzen: "Man sollte jedem Deutschen noch fünfhundert Mark dazugeben, damit er ins Ausland reisen kann. Er würde sich manche Plakatanschauung abgewöhnen, wenn er vorurteilslos genug ist, die Augen aufzumachen".

Bei den meisten deutschen "Dritte-Welt"-Reisenden steht zwar der Wunsch im Vordergrund, beim Urlaub unter Palmen Erholung und unbeschwertes Badevergnügen zu genießen. Aber immerhin 40 Prozent davon sind nach einer Umfage im Rahmen der Reiseanalyse 1998 an den sozialen, kulturellen und politischen Problemen des Gastlandes interessiert. Gute Voraussetzungen also für interkulturelle Verständigung und Dialog zwischen Nord und Süd - sollte man meinen.

Viele Reisende machen jedoch die ernüchternde Erfahrung, daß gerade die wichtigsten und eindrücklichsten Reiseerlebnisse den Daheimgebliebenen hinterher nur schwer vermittelt werden können und vielleicht sogar für den Reisenden selbst Episoden ohne Einfluß auf das weitere Denken und Handeln bleiben. Dies hängt damit zusammen, daß oft nicht oder zu wenig berücksichtigt wird, daß dauerhafte Lernprozesse sich nur entfalten können, wenn sie an vorhandenes Wissen und an vorhandene Bewußtseinsstrukturen anknüpfen, die sich vor der Reise und in ständiger Ausein-andersetzung mit den Positionen und Meinungen von anderen herausgebildet haben.

Entwicklungspolitisches und ökumenisches Lernen ist in erster Linie ein sozialer Bildungsprozeß. Er spielt sich in der Kommunikation zwischen Menschen ab und kann sich nicht auf die Aneignung von möglichst viel Wissen über Geschichte, Politik und andere Aspekte ferner Länder beschränken. Nur wo es verbindliche zwischenmenschliche Begegnungen gibt, die auch Elemente des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit umfassen, kann Verständnis für eine fremde Kultur entwickelt und die Erfahrung grenzüberschreitender Gemeinschaft gemacht werden - dies gilt sowohl für Reisen in ferne Länder als auch für den Umgang mit Migranten/Migrantinnen und Flüchtlingen im eigenen Land.

Bei aller Faszination und Neugier, die Fremdes zunächst auszulösen vermag, gelingt der Versuch der Annäherung oft nicht oder nur unzulänglich. Die Erfahrung des Fremden begnügt sich oft mit dem Reiz des Exotischen - oder sie scheitert an Mißverständnissen. Konstruktive Begegnungen zwischen Nord und Süd setzen voraus, daß sich alle Beteiligten ihres kulturellen Bezugsrahmens bewußt und dazu in der Lage sind, die Perspektive zu wechseln. Dann besteht die Chance, daß die Fremden nicht nur als interessant und exotisch, mitunter auch als bedrohlich erfahren werden, sondern sich wechselseitiges Verständnis füreinander entwickelt. Begegnungen können dann darauf zielen, an einer gemeinsamen Perspektive zu arbeiten. Entsprechend besteht interkulturelles Lernen nicht darin, daß sich Menschen aus verschiedenen Kulturen neugierig betrachten, sondern daß sie gemeinsam auf ein Drittes blicken - so könnte man in Abwandlung eines schönen Aphorismus von Antoine de Saint-Exupéry sagen, der ursprünglich auf die Liebe gemünzt war.

(Aus "Voneinander lernen", Handreichung zur Gestaltung Ökumenischer Lernreisen nach den Kriterien des Ausschusses für Entwicklungsbezogene Bildung ABP; zu beziehen gegen Einsendung von DM 6,00 in Briefmarken bei: Tourism Watch, Postfach 10 03 40, 70747 Leinfelden-Echterdingen)

(2871 Zeichen / 47 Zeilen, März 2000)

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