Kreuzzug gegen die Umwelt

Drei Fragen an den kanadischen Kreuzfahrtexperten Ross A. Klein

Christina Kamp

Sie werden immer größer, luxuriöser, moderner und auch die Umweltstandards steigen. Warum Kreuzfahrtschiffe aber für die Umwelt noch immer so problematisch sind und ihr Nutzen für Entwicklungsländer sich in Grenzen hält, wollten wir von Dr. Ross A. Klein wissen. Er ist bekannt als "cruise junkie" und Autor mehrerer Bücher über die Kreuzfahrtschifffahrt. Als Professor für Sozialarbeit arbeitet er an der Memorial Universität von Neufundland, Kanada.

TW: Wirkt sich eine Kreuzfahrt stärker auf die Ökologie der Meere aus, als wenn man am Strand Urlaub machen würde?

Ross Klein: Der Kreuzfahrttourismus ist für die Umwelt unter verschiedenen Aspekten problematisch. Dazu gehören die Abwässer (sowohl Schmutzwasser, 32 Liter pro Person pro Tag, als auch Grauwasser, 350 Liter pro Person pro Tag), feste Abfallstoffe (2,5-3 kg pro Person pro Tag), Klärschlamm und, öliges Bilgenwasser (jeweils 28.000 Liter pro Schiff pro Tag) sowie die Emissionen, die die Motoren in die Luft blasen (entsprechen 350.000 Autos). Dazu kommen noch die Abgase der Müll­verbrennungsanlagen. Jede dieser Arten von Abfall hat negative Folgen für die Umwelt.* Als "Kleinstädte" verursachen Kreuzfahrtschiffe riesige Mengen an Schadstoffen und ein großer Teil davon wird im Ozean entsorgt oder in die Luft geblasen. Allein was die festen Abfallstoffe angeht, sind Kreuzfahrtschiffe für 24 Prozent der Gesamtmenge der Hochseeschifffahrt verantwortlich.

Im Gegensatz zu den Kreuzfahrern produzieren Strandurlauber unter Umständen die gleiche Menge an Abfällen, doch können diese Abfälle besser entsorgt werden. Die Abfallentsorgung an Land ist fortschrittlicher, feste Abfallstoffe werden mit größerer Wahrscheinlichkeit recycelt oder ordentlich verbrannt. Anders als an Land, wo die Müllverbrennung durch Gesetze vor Ort geregelt ist, sind die Müllverbrennungsanlagen auf Kreuzfahrtschiffen nicht reguliert.

Alle neuen Schiffe haben fortschrittliche Systeme zur Abwasserreinigung und viele andere wurden nachträglich damit ausgestattet (wenngleich es große Unterschiede bei den einzelnen Gesellschaften gibt). Das Hauptproblem besteht darin, dass diese Abwassersysteme mit einigen Schadstoffen (Ammoniak, Nickel, Kupfer, Zink) nicht wirkungsvoll umgehen können. Auch das Problem des Nährstoffgehalts bleibt außen vor. Verglichen mit Entwicklungsländern, wo Abwässer kaum oder gar nicht geklärt werden, sind die Abwassersysteme auf den Schiffen ein Fortschritt. Im Vergleich aber mit entwickelten Ländern, wo die Abwasseraufbereitung ziemlich streng gehandhabt wird, halten die Schiffe nicht mit. Es besteht auch das Problem, dass die Kreuzfahrtgesellschaften in Entwicklungsländern oft Schiffe ohne fortschrittliche Abwassersysteme einsetzen, so dass viele Schiffe in diesen Regionen die kaum behandelten Abfälle ins Meer kippen. Dieselben Gesellschaften entsorgen in entwickelten Gegenden sehr viel sauberere Abfälle.

Auch die verkehrsbedingten Emissionen sind ein Problem. Kreuzfahrtschiffe verwenden, wo es erlaubt ist, Treiböl mit einem Schwefelgehalt von drei Prozent. Diese Treibstoffe sind wesentlich umweltschädlicher als die Kraftstoffe in PKWs, modernen Bussen oder anderen Verkehrsmitteln. Wo erforderlich, wie z.B. in Kalifornien und einigen Gegenden Norwegens verwenden sie allerdings schwefelarmen Treibstoff mit einem Gehalt von 0,5 Prozent.

TW: In Hinblick auf die Klimawirkungen des Tourismus ist insbesondere der Flugverkehr in der Kritik. Sind Kreuzfahrtschiffe ähnliche "Klimakiller"?

Ross Klein: Kreuzfahrtschiffe verursachen einige der gleichen Probleme wie Flugzeuge. Zum Beispiel ist der CO2-Fußabdruck eines typischen Kreuzfahrtschiffes pro Passagier­kilometer 36mal größer als der CO2-Fußabdruck einer Eurostar-Bahnreise und mehr als drei Mal so groß wie der eines Fluges mit einer typischen Boeing 747 oder einer Personenfähre. Außerdem hat die Entsorgung von Abfällen und Abwasser ins Meer schädliche Wirkungen auf die marinen Ökosysteme und die Gesundheit unserer Ozeane. Insbesondere wirkt sich der Nährstoffgehalt des Abwassers negativ auf die Korallen aus. Andere Abfälle haben Auswirkungen auf die Gesundheit von Fischen und anderen Lebensformen im Meer. Nach aktuellen Studien wird durch eine Verringerung der biologischen Vielfalt der Ozeane deren Fähigkeiten, Kohlenstoff zu binden, aufs Spiel gesetzt. Dies wiederum verschärft den Klimawandel. Zwar hat die Kreuzfahrt­industrie begonnen, durch technologische Fortschritte auf Kritik zu reagieren, doch dies sind langsame Veränderungen. Mit bis zu 8.000 oder 9.000 Personen auf einem Kreuzfahrtschiff sind die Umweltauswirkungen erheblich.

Als weiterer Punkt ist zu berücksichtigen, dass viele Kreuzfahrtpassagiere mit dem Flugzeug anreisen. Der CO2-Abdruck des Kreuzfahrttourismus beinhaltet also nicht nur die Umweltauswirkungen des Schiffes, sondern auch die An- und Abreise sowie Landausflüge.

TW: Inwiefern könnte ein Entwicklungsland wie Haiti vom Kreuzfahrttourismus profitieren?

Ross Klein: Der Nutzen des Kreuzfahrttourismus für Haiti ist begrenzt. Ohne Infrastruktur und Touristenattraktionen wird es dem Land wahrscheinlich nicht besser ergehen als dem dort an die "Royal Caribbean Cruises Limited" verpachteten Ort Labadee. Das Unternehmen nutzt den besten Standort direkt am Strand (mit Sicherheitszäunen, um Einheimische fernzuhalten) als "Privatinsel", wo die Passagiere an Land gehen und einen Tag am Strand genießen. Eine Privatinsel ist eine wichtige Geldquelle für die Kreuzfahrtgesellschaft, denn alle Ausgaben der Passagiere fließen an (oder durch) das Unternehmen. Der wirtschaftliche Nutzen für die haitianische Wirtschaft ist begrenzt.

Das Problem für Entwicklungsländer im Allgemeinen ist noch größer. Kreuzfahrtschiffe sind Unternehmen, die unterwegs sind, um Gewinne einzufahren. Sie tun dies "auf dem Rücken" der Häfen. In den Terminals werden Anlegestellen und Infrastruktur für Kreuzfahrtschiffe gebaut, die für gewöhnlich nur einen kleinen Teil der Investitionen wieder hereinholen. Außerdem bekommen die Händler vor Ort nur einen Bruchteil dessen, was die Passagiere ausgeben. Von dem, was Passagiere auf Landausflügen ausgeben, behalten Kreuzfahrtschiffe 50 Prozent und mehr als Provision ein. Außerdem kassieren sie saftige Gebühren von Geschäften, die an Bord als bevorzugte Einkaufsmöglichkeiten angepriesen werden, und erwarten unter Umständen auch Provisionszahlungen von Läden, die nicht beworben werden. In einer aktuellen Studie in Belize wurde festgestellt, dass die Kreuzfahrtpassagiere zwar 75 - 80 Prozent der ausländischen Gäste ausmachen, dass aber nur zehn Prozent der Arbeitsplätze im Gastgewerbe auf dieses Segment entfallen.

Ganz aktuell haben die Kreuzfahrtunternehmen begonnen, Kreuzfahrthäfen zu kaufen oder zu bauen. Der Vorteil ist, dass die Kreuzfahrtschiffe und ihre Passagiere moderne Anlagen bekommen. Der Nachteil ist jedoch, dass der wirtschaftliche Nutzen für die einheimische Wirtschaft noch weiter sinkt, da das Einkommen aus diesen Häfen an im Ausland registrierte Offshore-Unternehmen fließt. Einheimische Händler, die ihre Waren verkaufen wollen, müssen nun Ladenflächen von den Kreuzfahrtgesellschaften mieten, wenn sie Zugang zu den Kreuzfahrtpassagieren haben wollen, die an Bord oder von Bord gehen.

*Siehe ausführlich in "Getting a Grip on Cruise Ship Pollution". Von Ross A. Klein für Friends of the Earth, Dezember 2009. www.foe.org/getting-grip-cruise-ship-pollution

Weitere Informationen: www.cruisejunkie.com

(7.463 Anschläge, 100 Zeilen, März 2010)

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