Horror-Szenarien alpiner Zerstörung und Verkommenheit in Tirol

Ski, Sex & Suff im Ötztal - Gefahr durch Stauseen
Hans Haid

Thema Nummer 1: Die Gletscher

Es ist ein Faktum: unsere Gletscher, die Trinkwasser-Reservoire Europas, schmelzen in rasantem Tempo davon. Die Skilauf-Horden im Winter und im Sommer müssen zufriedengestellt werden. "Wenn die Gletscher unten schmelzen, müssen wir halt nach oben nachrücken", erklärte der Tiroler Landeshauptmann van Staa. Damit die Masten und die Pisten nicht davonschwimmen, werden seit 2004 Spezialrettungen durchgeführt. Mit Fleece abgedeckt, soll das Eis konserviert werden. In heißen Sommern hilft die touristische Erschließung. "Hitze lockt ins ewige Eis" hieß einer der Slogans im Sommer 2003 und Tausende kamen, brachten Dreck und Mist, zogen wieder ab und hinterließen Geld und Dreck. Der Kreis schließt sich. Im harten Konkurrenzkampf der sogenannten Sommer-Skigebiete ist der "Streit ums weiße Gold" ausgebrochen.

Aber es lauern dramatische Gefahren. An der Universität Innsbruck wurde nachgewiesen, dass allein im Einzugsbereich der Ötztaler Ache durch Auftauen der ehemals gefrorenen Böden (Phänomen "Permafrost") bisher 180 Millionen Kubikmeter "Sediment", also Geröll und Schutt, locker geworden sind. Bei extremen Starkniederschlägen werden - wie beispielsweise 1987 und 1999 - riesige Muren niedergehen, schreckliche Schäden anrichten und Dörfer zerstören. Das ist programmiert.

Tsunamis in den Alpen

Die Sorgen ungezählter Talbewohner vor gewaltigen Berg- und Feldstürzen (Abbrüche), Erdrutschen und Muren (schnelle Schlamm- und Gesteinströme, die häufig in Bachbetten entstehen) sind berechtigt. Insbesondere in der Nähe von (künstlichen) Stauseen steigt dabei die Gefahr von Flutwellen mit Tsunami-Effekt. So verloren beispielsweise am 9. Oktober 1963 in den venetianischen Alpen fast 2000 Menschen ihr Leben. Ein Bergsturz, ausgelöst durch den Aufstau des Lago di Vajont, verursachte eine 100 Meter hohe Flutwelle, die hinter dem Staudamm fünf kleine Orte wegfegte. Darunter Longarone im Piave-Tal (20 km nordöstlich von Belluno, nördlich von Venedig), das am Westhang neu aufgebaut wurde. Diese Gefahren lauern in allen Bergregionen der Welt.

Der Schweizerische Erdbebendienst warnte nach dem Tsunami im Indischen Ozean erneut vor meterhohen Flutwellen - sogenannte Impulswellen - aus Bergseen, die sogar gegenüberliegende Ufer erreichen können oder über Staudämme donnern. Besonders anfällig seien viele Stauseen in instabilen Bergzonen. Im Jahr 1960 habe ein Erdbeben der Stärke 6,2 (Richterskala) Erdrutsche verursacht, die eine vier Meter hohe Flutwelle auslösten, die mit 100 km pro Stunde auf Luzern losgerast sei. ("Schweizweit"/3sat, 10.1.2005) -tü-

Im Sommer 2004 beschloss die Tiroler Landesregierung in einer Novelle, den bisher geltenden Gletscherschutz aufzuweichen. Demnach sollen weitere 500 Hektar Gletscherfläche in den Ötztaler Alpen zur touristischen "Nutzung" freigegeben werden. Auf den bisher unbefleckten Gipfel Linker Fernerkogel ( 3277 m) im Pitztal soll eine Seilbahn, auf die bisher jungfräuliche Weissee-Spitze (3518 m) im Kaunertal eine "Zu- und Rückbringerbahn" gebaut werden. Zwischen 1850 und 2003 sind die Gletscherflächen der Ötztaler Alpen von 210 auf unter 130 Quadratkilometer geschrumpft. Höchst sensible Gletscherregionen werden geopfert, weil die allmächtige Seilbahnlobby es so will. Weite Teile des größten Gletschers der Ostalpen, des Gepatschferners, sollen mit Bahnen, Masten, Pistenraupen, Schneekatzen und tausenden von Skifahrern durchfurcht werden.

Zwischen dem Langtauferer-Tal in Südtirol und dem Kaunertal in Nordtirol ist ein neuer Skizirkus geplant. Die beiden Landeshäuptmänner Luis Durnwalder und Herwig van Staa sollen den Segen für ihre grenzüberschreitende Bruderschafts-Aktion im "ewigen" Eis erteilen. Zum sogenannten Ausgleich wird im Bergsteigerdorf Vent (das jetzt "Bergdorf" heißen muss) auf 1.900 m Höhe ein Tiroler Gletschermuseum errichtet. "Eisbergetirol" soll es heißen.

Skischaukel: zwei miteinander verbundene Skigebiete, deren Talstationen in verschiedenen Tälern liegen.

Skizirkus: mehrere miteinander verbundene Skischaukeln.

Beide können grenzüberschreitend sein. Attraktion (Köder) ist ein Skipass.

Massiv wehren sich regionale Umweltorganisationen in Tirol, vor allem aber der Österreichische und der Deutsche Alpenverein gegen die neue Gletscherzerstörung. Sie sind die verlässlichen Partner seit über 130 Jahren: als Besitzer von Schutzhütten, als Erhalter von tausenden Kilometern an Wanderwegen, als maßgebliche Investoren in die nachhaltige Entwicklung der Bergtäler. Im hinteren Ötztal sind es vor allem die Sektionen Karlsruhe, Hamburg, Würzburg, Braunschweig, Breslau und Berlin-Brandenburg. In Aktionen trugen sie massiv gegen den "Tiroler Angriff auf das ewige Eis" bei. Die Lockerung seit dem Herbst 2004 kommt für sie einem Dammbruch gleich.

Nebenbei soll erwähnt sein, wie die Gletscher als attraktivste Sportgeräte der Automobil-Industrie nutzbar gemacht werden: Eine Testfahrt auf den Gletschern oberhalb von Sölden für VW Golf 4 Motion brachte Stinkendes und 250 Journalisten in höchste Bergeshöhen. Neue Anträge für weitere "Erschließungen" werden aus den Schubladen geholt. Die Dämme scheinen tatsächlich aufzubrechen.

Thema Nummer 2: Die Wasserkraft

Vor genau einem Jahr, Ende Juni 2004, tauchten in der Tiroler Regionalpresse völlig unvermutet spektakuläre und gigantische Projekte der Energiegewinnung aus der Wasserkraft auf. Die Grundbesitzer wurden nie gefragt, nie in die Vorbereitungen eingebunden. Jetzt tauchten Schlagzeilen von den größten Kraftwerksanlagen der gesamten Alpen auf, von den größten Stauseen der Alpen, von den alpenweit größten Investitionen: alle im Bereich der Ötztaler und der Stubaier Alpen. Die Landes-Elektrizitätsgesellschaft TIWAG will zwei Milliarden Euro investieren, will zwei gigantische Stauseen mit jeweils 120 Millionen Kubikmetern bauen, will fast alle Bergwässer abfangen, weiterleiten und zu "Spitzenstrom" umwandeln. Nachts soll auf dem europäischen Markt billigst erworbener Strom, zu etwa 20 bis 30 Prozent aus Atomstrom, in die hochgelegenen Speicher geleitet, dort "veredelt" und dann als "Spitzenstrom" europaweit verkauft werden. Geplant ist die Produktion von 2.300 Gigawattstunden, vergleichbar mit einem Atomkraftwerk.

"Spitzenstrom" zu "Spitzenpreisen"

ist aus Speicherbecken gewonnener Strom, der, zu Höchstpreisen "veredelt", nur zu Spitzenverbrauchszeiten abgegeben wird.

Einheimischen wurde durch Landespolitiker sofort die Enteignung angedroht, sollte es Widerstand gegen die Maßnahmen im "öffentlichen" Interesse geben. Den "Deutschen" wurde durch Tiroler Politiker geraten, sich nicht einzumischen. "Keine Parteienstellung haben ausländische Umweltverbände und der Deutsche Alpenverein", ließ der Tiroler Landeshauptmann Ende September 2004 verlauten. In dasselbe Horn stieß ein Ötztaler Bürgermeister, der Tiroler Landtagsabgeordnete Jakob Wolf. Er verwahrte sich gegen die "Einmischung aus Deutschland", von Leuten, "die das überhaupt nichts angeht wie den Deutschen Alpenverein" (DAV). Wir fanden jedoch beispielsweise heraus, dass allein der DAV-Sektion Berlin im Gebiet des geplanten Stausees hinter Rofen im hinteren Ötztal rund 250 Hektar gehören und teilten dies dem Landeshauptmann mit. Tatsache ist: Die geplanten Stauseen von jeweils 120 Millionen Kubikmetern Wasser befinden sich in Naturschutzgebieten, im Ruhegebiet Stubaier Alpen und im Ruhegebiet Ötztaler Alpen, das zugleich auch durch NATURA 2000 streng geschützt ist. Bei Protestveranstaltungen der Alpenvereine teilten TIWAG-Vertreter öffentlich und offiziell eine Reduzierung von 120 Millionen auf 1,5 bis 3 Millionen Kubikmeter für den Stausee hinter Rofen mit, im "Optionsbericht" der TIWAG vom Dezember 2004 stieg die Wassermenge hinter einer fast 100 Meter hohen Staumauer jedoch wieder auf 96 Millionen Kubikmeter an. Der Alpenverein fühlt sich gefrotzelt und reagiert noch schärfer. Einheimische Bauern, Grundbesitzer und Touristiker haben sich zu einem Bündnis des Widerstandes zusammengeschlossen. Allerdings nicht aus einer nachhaltig motivierten Sichtweise, sondern wegen des Tourismus, der durch lange Bauzeiten etc. zu Schaden kommen könnte. (vgl. www.tiroler-wasserkraft.at, die Ötztaler-Protest-Webseite www.dietiwag.at sowie die "haid"-Webseite zum Ötztal mit www.similaun.at ) Längenfeld und Vent haben als betroffene Orte massiv und wahrscheinlich erfolgreich opponiert. Möglicherweise wird auf die gigantischen Stau- und Speicherseen "verzichtet". Dafür sollen fast alle wichtigen und "ertragreichen" 15 Gebirgsbäche abgeleitet werden. Es ist klar: In den Ötztaler Alpen befinden sich die attraktivsten bisher nicht genutzten Wasser-Reserven. Es gilt, ein Viertel der gesamt-österreichischen Gletscherflächen auszubeuten. Bei den Recherchen des Widerstandes tauchte das Faktum auf, dass über die TIWAG mit US-Investoren langfristige Cross-Border-Leasingverträge abgeschlossen wurden. Unser Widerstand geht weiter. Vor allem mit Hilfe ausländischer und auswärtiger Medien.

Denn im Juni 2005 untersagte der Chefredakteur des ORF-Tirol (Österr. Rundfunk und Fernsehen), Markus Sommersacher, per schriftlicher Weisung, kritisch über die TIWAG- Pläne zu berichten. Die skandalöse Zensurmethode anno 2005 gelangte bis zum Redakteursrat nach Wien.

Thema Nummer 3: Die Kultur und der Umweltschutz

Seit 1977 tragen der Gurgler Kamm in den Ötztaler Alpen und der Gossenkölle-See in den Stubaier Alpen den UNESCO-Ehrentitel "Biosphärenreservat". Seit 1980 wird dieses Prädikat totgeschwiegen und abgelehnt. In keinem der Prospekte wirbt der Tourismus mit dieser weltweiten Auszeichnung. Ganze vier Jahre lang haben wir darum gekämpft und gebettelt, in den Schutzgebieten eine Art Management einzurichten, damit die Bevölkerung und die Gäste informiert und geführte Wanderungen angeboten werden können, damit Umweltsensibilität geweckt und bestärkt werden kann. Erst ab Herbst 2004 gab es einen kleinen Erfolg: Im April 2005 startete das Schutzgebiets-Management.

Wie aber soll das Engagement weitergehen? Der für den neuen "Naturpark Ötztal" zuständige Obmann Ernst Schöpf ist zugleich Bürgermeister von Sölden und gilt als Befürworter der TIWAG-Pläne und weiterer Gletscher-"Erschließungen". Zum Ausgleich werden die Touristiker aus Sölden im Oktober wieder eine Dankwallfahrt durchführen, konservativ und fromm tirolerisch. In der Hochburg des Wintertourismus muss offenbar gesühnt werden.

Weithin bekannt und berüchtigt als "porno alpin" zieht sich der sündige Pfad von Sölden im Ötztal (ca. 3500 Einwohner, ca. 2.5 Millionen Gästeübernachtungen pro Jahr) durch ausländische Medien. Einmal gerufen, wird man die Geister nicht mehr los. Die Schrecknisse von zwei Kilometer Beleidigungs-Architektur sind mit fast 30 Pubs, Après-Ski-Lokalen und Diskotheken gewürzt. Der Ort ist heimgesucht von einem berüchtigten Ballermann-Syndrom und Porno-Schuppen und das alles in der Dreiheit SKI, SEX & SUFF. Am "spektakulärsten Aufrissplatz der Alpen". Extrem wie sonst nirgendwo in den Alpen. Nicht einmal in Ischgl. Aber fromm & überwiegend katholisch.

(11.107 Anschläge, 146 Zeilen, Juli 2005)

Hans Haid, der "Rebell aus dem Ötztal", ist im Alpenraum ein bekannter Volkskundler und Schriftsteller. Seine letzten Bücher: "Mythos Gletscher" (2004) und "Neues Leben in den Alpen - Initiativen, Modelle und Projekte der Bio-Landwirtschaft" (2005) inkl. Tourismus. Wir kommen darauf zurück. Seine Homepage: www.cultura.at/haid

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