Friedenskonsolidierung und Tourismus in Kolumbien

Touristen als Zeugen gesellschaftspolitischer Veränderungen
Andrei Gomez-Suarez, Gwen Burnyeat und Lucia Mesa

Nach Jahrzehnten des bewaffneten Konflikts in Kolumbien helfen gegenseitiges Interesse und Verständnis beim Übergang zum Frieden. Für die Menschen vor Ort ist es sehr wichtig zu wissen, dass die Welt ein Auge auf das hat, was im Land geschieht. Deshalb fördert die friedenspolitische Organisation Rodeemos el Diálogo (ReD) durch Begegnungen zwischen Touristinnen und Touristen und ehemaligen Guerilleros internationale Solidarität.

Wir sind mit einer Reisegruppe in Icononzo, einer ländlichen Gemeinde in der kolumbianischen Provinz Tolima in einer der 26 Wiedereingliederungszonen. Diese Zonen wurden 2016 durch das Friedensabkommen zwischen der Regierung unter Juan Manuel Santos und der FARC-EP (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) geschaffen. Mit dem Friedensabkommen soll ein halbes Jahrhundert bewaffneter Konflikte im Land beendet werden. Die Wiedereingliederungszonen sind Gebiete, in denen die früheren FARC-Kombattantinnen und Kombattanten sich nun wieder ein ziviles Leben aufbauen.

Erfahrungen aus erster Hand

Die Fahrt von Bogotá nach Icononzo dauerte etwa drei Stunden, durch herrlich grüne Berge und Wälder. Ein ehemaliger FARC-EP-Kämpfer empfängt uns mit einem Lächeln. Beim Mittagessen, das von Mitgliedern ihrer Lebensmittelkooperative zubereitet wurde, tauschen vier ehemalige FARC-Kämpfer sich mit den Gästen aus den USA und Großbritannien aus. „Warum haben Sie sich der FARC angeschlossen?”, fragt eine Besucherin aus New York einen ehemaligen FARC-Kämpfer. Er sagt: „Ich wurde in der ländlichen Gegend von Guaviare geboren. Als ich aufwuchs, gab es nicht genügend sauberes Wasser, Straßen oder Zugang zu Bildung. Also entschied ich mich, dafür zu kämpfen.“

Die ehemaligen FARC-Kämpfer zeigen uns die Gegend. Sie stellen uns ihre Wirtschaftsprojekte vor und wir sehen die Fertighäuser, in denen sie eigentlich nur für einige Monate hätten wohnen sollen. Doch nach einem Jahr leben sie immer noch hier. Viele haben ihre Familien zu sich geholt, von denen sie durch den Krieg getrennt waren.

Lebensgrundlagen neu aufbauen

Mitglieder der neuen FARC-Partei (Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común, der neuen politischen Inkarnation der FARC Guerilla) setzen sich für den Frieden ein, indem sie es ablehnen, individualistisch zu denken und zu handeln. Sie haben vier Kooperativen gegründet, die allen Mitgliedern gleichermaßen zugute kommen sollen: eine Lebensmittelkooperative, die das Restaurant und ein kleines Lebensmittelgeschäft führen; eine Landwirtschaftskooperative, die Avocados und andere Feldfrüchte anbaut, eine Textilkooperative, die für ihren Eigengebrauch und zum Verkauf Kleidungsstücke herstellt, und eine Tourismuskooperative, die Pläne für Kurzaufenthalte in einem selbst geführten und aus lokalen Materialien gebauten Hotel entwirft.

Unser Besuch ist Teil eines Joint Ventures zwischen der länderübergreifend friedenspolitisch arbeitenden Organisation Rodeemos el Diálogo (ReD, engl. Embrace Dialogue) und der Reiseagentur Justice Travel, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, gesellschaftliche Veränderungen voranzubringen. Gemeinsam haben wir das Reiseprogramm entwickelt, um bei internationalen Gästen Bewusstsein zu schaffen undin den Wiedereingliederungszonen Projekte der Gemeinschaften zu stärken.

Auf Versöhnung hinarbeiten

ReD wurde 2012 in London ins Leben gerufen, als die Friedensgespräche zwischen der Regierung Santos und der FARC begannen. Seitdem unterstützt ReD den Friedensprozess sowohl von Kolumbien als auch von Großbritannien aus. Da die FARC naturgemäß im Verborgenen agierte, haben die meisten Kolumbianerinnen und Kolumbianer nie FARC-Kombattantinnen oder Kombattanten kennengelernt. Seit die FARC abgerüstet hat, waren schon mehrere ihrer Mitglieder bei uns zum “Friedensfrühstück” zu Gast – zu vertraulichen Gesprächen zwischen Kolumbianerinnen und Kolumbianern aus allen Gesellschaftsschichten. Diese Gespräche zu Friedensthemen finden in einem Restaurant in Bogotá statt.

Solidarität auf dem steinigen Weg zum Frieden

Der kolumbianische Friedensprozess ist ein langer und holpriger Weg. Seit der Wahl von Ivan Duque 2018 fürchten viele Menschen, dass die von der Vorgängerregierung angestoßenen Friedensbemühungen zunichte gemacht werden könnten. Die internationale Gemeinschaft spielt im Friedensprozess und bei der Umsetzung des Friedensabkommens eine Schlüsselrolle. Die Präsenz einer Mission der Vereinten Nationen trägt dazu bei, zu verhindern, dass der Wiedereingliederungsprozess entgleist.

In diesem Szenario unterstützt internationale Solidarität ganz wesentlich den Prozess der Friedenskonsolidierung. Der Tourismus kann dabei eine Schlüsselrolle spielen. Wie Juan José Orjuela von Justice Travel in Kolumbien es ausdrückt: „Tourismus heißt Geben und Nehmen. Während der Begegnungen mit Touristinnen und Touristen bekommen die ehemaligen Kämpfer Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen. Touristinnen und Touristen, die die Wiedereingliederungszonen besuchen, können sich der Herausforderungen im Versöhnungsprozess bewusst werden und sind nach der Rückkehr in ihre Heimat vielleicht bereit, selbst einen Beitrag zu leisten“. Nachdem sie vor Ort Kontakte aufgebaut haben, können Touristinnen und Touristen zum Beispiel Solidaritätskampagnen starten, umDruck auf die neue kolumbianische Regierung auszuüben, das Friedensabkommen weiter umzusetzen.

Auf dem Weg in eine andere Zukunft

Millionen Menschen besuchen derzeit Kolumbien – mehr als je zuvor. Das ist eine gute Nachricht, nicht nur, weil der Tourismus zum Wirtschaftswachstum beitragen kann, sondern auch, weil die Welt Zeuge werden kann, wie eine Gesellschaft sich um den Übergang vom Krieg zum Frieden bemüht. Doch es bleibt die Frage, wie sich damit auf ethisch korrekte Art und Weise umgehen lässt. Bei ReD und Justice Travel glauben wir, dass im Tourismus die Gemeinschaften vor Ort im Mittelpunkt stehen müssen. Wir haben uns für Icononzo entschieden, weil wir schon seit langem gute Beziehungen dorthin haben. Wir sind uns der Gefahr bewusst, dass die Touristinnen und Touristen sich ein exotisiertesBild von den ehemaligen Kämpfern machen könnten, deshalb geben wir unseren Besucherinnen und Besuchern eine Einführung zur Geschichte und der aktuellen Situation in Kolumbien.

Unser Besuch mit der Gruppe vor Ort war eine Erfahrung, die das Leben aller Beteiligten verändert hat. Wir haben die Begeisterung in den Augen der FARC-Mitglieder gesehen, wenn Gäste mit offenen Ohren ihren Geschichten zuhörten. Und wir habendie zunehmende Solidarität auf Seiten der Touristinnen und Touristen erlebt, die gerne über die Entwicklungen in der Wiedereingliederungszone auf dem Laufenden bleiben wollen. Diese Art von sensiblem Tourismus kann die Friedenskonsolidierung in Kolumbien unterstützen und neue Bande dauerhafter Solidarität knüpfen helfen. Eine solche Art des Reisenskann auch den Tourismus verändern: vom Nehmen zum Geben – und kann dazu beitragen, unsere Welt besser zu machen.

Andrei Gomez-Suarez ist Mitbegründer von Rodeemos el Diálogo (ReD) und arbeitet als Berater zu Konflikten, Frieden und Sicherheit. Gwen Burnyeat ist Mitglied von ReD und promoviert in Ethnologie am University College London. Lucia Mesa ist Mitglied von ReD und studiert im Masters-Programm am Goldsmiths-College der University of London postkoloniale Kultur und Weltpolitik.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

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