Das Scheitern von Jatropha

Drei Fragen an Souparna Lahiri
Christina Kamp

Die Luftverkehrsbranche experimentiert mit Jatropha als einem der Agrotreibstoffe der Zukunft und macht weiterhin Werbung dafür. Erfahrungen aus Indien haben jedoch gezeigt, dass Jatropha ernste "Nebenwirkungen" hatte und die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt hat. Um herauszufinden, was schiefgelaufen ist, befragten wir Souparna Lahiri, der in Delhi lebt und unabhängig zu Klimawandel, Wäldern, internationalen Finanzorganisationen und Arbeitsstandards recherchiert. Bereits 2009 erstellte er eine Studie zu den Auswirkungen von Jatropha, die von Friends of the Earth Europe veröffentlicht wurde.

TW: In welchem Umfang sind Agrotreibstoffe – und insbesondere Jatropha – in Indien Realität geworden?

Souparna Lahiri:Biotreibstoffe erhielten in Indien ihren ersten Schub im Jahr 2003, als die Planungskommission ihre Vorteile propagierte. Dazu gehörte, dass man sie in jedem Verhältnis mit Diesel-Treibstoff mischen könnte, dass sie zur Energiesicherheit in abgelegenen und ländlichen Regionen beitragen würden und dass sie degradierte oder trockene Böden regenerieren könnten. Außerdem würden sie eine Diversifizierung der Anbauprodukte ermöglichen und umfangreiche Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Der "Nationalen Biodiesel-Mission" folgend hatte die Forstbehörde des zentralindischen Bundesstaates Chhattisgarh bis zum Februar 2009 etwa 100 Millionen Jatropha-Schösslinge auf rund 40.000 Hektar gepflanzt und für die Pflanzungen 740 Millionen indische Rupien ausgegeben. Der Forstminister räumte jedoch ein, dass es bis dahin keine Erträge gegeben hätte und dass es auch in naher Zukunft keine Garantie für irgendwelche Erträge in relevanter Größenordnung gäbe.

Andere indische Bundesstaaten sind auf den Zug aufgesprungen, doch es stehen uns keine aktuellen Regierungsberichte mit Einzelheiten zu den Jatropha-Pflanzungen zur Verfügung. In einer aktuellen Fallstudie in Südindien zur Jatropha Biodiesel-Produktion und ihren ökologischen und sozio-ökonomischen Auswirkungen stellten Forscher aus Schweden und Indien fest, dass 85 Prozent der befragten Bauern aufgehört haben, Jatropha anzubauen. Acht Prozent haben weitergemacht und die Pflanzen gepflegt, sieben Prozent haben weitergemacht, ohne sich um die Pflanzen zu kümmern.

Mittlerweile scheint die "Nationale Biodiesel-Mission" stillschweigend begraben worden zu sein. Eine Ministergruppe legte das Programm auf Eis, bevor es überhaupt richtig gegriffen hatte.

TW: Welche Auswirkungen hatte Jatropha auf ländliche Gemeinschaften?

Souparna Lahiri: 2006 pflanzte der frühere Präsident, Abdul Kalam, Jatropha-Schösslinge in Chhattisgarh an und attestierte dem Bundesstaat bei der Biodiesel-Produktion aus Jatropha eine Führungsrolle. Die Regierung des Bundesstaates hieß ihn im "Land von Jatropha" willkommen. Zivilgesellschaftliche Organisationen reagierten jedoch scharf. In einem offenen Brief an den Präsidenten verwiesen sie auf die jährliche Reisproduktion von rund sechs Millionen Tonnen und schrieben, jeder Bezug auf Chhattisgarh als "Land von Jatropha" würde die Bedeutung von Reis als Grundlage der Wirtschaft, der kulturellen Identität und Würde untergraben.

In Chhattisgarh pflanzten die Forest Development Corporation (FDC) und die Forstbehörde (FD) willkürlich Jatropha-Schösslinge auf jedem Grund und Boden, der ihnen unter die Finger kam – ob es sich dabei um Wald handelte oder nicht. Oft geschah dies unter Gewaltanwendung, was zu schwerwiegenden Verletzungen der Rechte leicht verwundbarer Waldbewohner, Dalits und indigener Gemeinschaften führte und ihr Recht auf Lebensunterhalt ernsthaft beschnitt. Hunderte indigener Familien, die seit Generationen in den Wäldern von Chhattisgarh gelebt hatten, wurden von ihrem kultivierbaren Land vertrieben.

Jatropha wurde auch in Bundesstaaten mit trockenen, halb-trockenen, bewässerten und dürreanfälligen Gebieten angepflanzt, die zugleich bevölkerungsreich sind. Dort leben viele Menschen, die vom Wald abhängig sind, die von der Subsistenzlandwirtschaft, von Ressourcen aus öffentlichen Gemeingütern und von der Viehzucht leben. Ihnen ihr kultivierbares Land, ihre öffentlichen Ressourcen und ihre Weideflächen zu nehmen, heißt, sie des Zugangs zu Nahrungsmitteln und anderen für den Lebensunterhalt wichtigen Ressourcen zu berauben und sie in extreme Armut zu treiben. Oft wurde die Politik der Jatropha-Anpflanzung von Nichtindigenen und höheren Kasten genutzt, um sich das Land von Indigenen und Dalits anzueignen.

TW: Warum ist Jatropha in Indien gescheitert?

Souparna Lahiri: Die Nationale Biotreibstoff-Mission wurde auf halbem Weg eingestellt, denn es gab Befürchtungen bezüglich eines großangelegten Aufkaufs von Grund und Boden durch große Energieversorgungsunternehmen. In der Nationalen Biotreibstoff-Politik wurde debattiert, dass Jatropha in so großem Umfang angebaut werden sollte, dass sich durch den "grünen Treibstoff" bis 2017 in Indien bis zu 20 Prozent des Öl- und Dieselverbrauchs ersetzen ließen. Dies würde Bioenergie-Plantagen mit einer Fläche von 30 bis 40 Millionen Hektar Land erfordern – einer Fläche, die größer ist als das derzeit mit Weizen bestellte Land.

Dass solche Ziele nicht erreichbar sind, ist offensichtlich, genauso wie die Tatsache, dass es unwahrscheinlich ist, dass so viel Ödland zur Verfügung steht. Anbaufähige Ackerflächen sollen nicht von der Nahrungsmittelproduktion abgezweigt werden und es wird auch nicht erwartet, dass das geschieht – es sei denn, es steht fest, dass die Biotreibstoffproduktion wirtschaftlich praktikabel ist.

Behauptungen, dass Jatropha überall angebaut werden könne, wenig oder kein Wasser brauche, die Bodenerosion eindämme, etc. werden zwar wieder und wieder vorgebracht, sind jedoch nicht durch irgendwelche sinnvollen Forschungsergebnisse untermauert. Die ersten Informationen aus verschiedenen Pilotprojekten weisen darauf hin, dass Jatropha zur Produktion von Biotreibstoff kontrolliert angebaut und kultiviert werden muss. In Chhattisgarh wurden die Jatropha-Schösslinge und das Saatgut oft ohne jegliche weitere Pflege angepflanzt und man ließ sie eingehen, nur um dann im nächsten Jahr einen neuen, frischen Schub an Schösslingen nachzusetzen. Die Pflanzen wurden von Rindern zertrampelt und sie wurden weder bewässert noch vor Schädlingen geschützt.

In einer Studie kamen H. R. Meena und F. L. Sharma von der Maharana Pratap University of Agriculture & Technology in Rajasthan zu dem Ergebnis, dass die Bauern nicht über ausreichend Fachwissen oder über Fortbildungsmöglichkeiten verfügten, um sich Kenntnisse zum Jatropha-Anbau anzueignen. Auch wurde festgestellt, dass es für die Aufzucht der Jungpflanzen keine Bewässerungsmöglichkeiten, Düngemittel und Pflanzenschutzmittel gab. Meena und Sharma wiesen auf die hohe Sterblichkeit der Pflanzen im ersten Jahr hin, auf fehlende Marketingmöglichkeiten, auf die fehlende Beschaffungspolitik der Regierung und auf den niedrigen Marktpreis von Jatropha.

Oft haben Gemeinschaften vor Ort gegen den zwangsweisen Anbau von Jatropha protestiert und haben die Schösslinge und Pflanzungen auf ihrem Land herausgerissen. Der Widerstand zivilgesellschaftlicher Gruppen gegen den Jatropha-Anbau und ihre Kampagne für Ernährungssicherheit haben auch dazu geführt, dass die Regierungen vieler indischer Bundesstaaten die Jatropha-Politik nur schleppend umsetzten.

Weitere Informationen:

Losing the plot. The threats to community land and the rural poor through the spread of the biofuel Jatropha in India. Research by Souparna Lahiri. Friends of the Earth Europe. 2009. www.foei.org/en/resources/publications/pdfs/2010/losing-the-plot-Jatropha-in-india/view

Performance of Jatropha biodiesel production and its environmental and socio-economic impacts - A case study in Southern India. Von Lisa Axelsson, Maria Franzén, Madelene Ostwald, Göran Berndes, N.H. Ravindranath. World Renewable Energy Congress, Linköping, Schweden, 2011. www.ep.liu.se/ecp/057/vol10/025/ecp57vol10_025.pdf

(7.304 Zeichen, März 2014)

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