Sachbuch

Bedrohungen durch Tourismus – Herausforderungen für die Kirche

Frank Kürschner-Pelkmann

Auf den Malediven sind 83 Prozent aller Berufstätigen im Tourismus beschäftigt. Aber was auf den ersten Blick als Beweis für die positiven Wirkungen des Tourismus in armen Ländern erscheinen könnte, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Beispiel dafür, dass die lokale Bevölkerung oft bitterarm bleibt. Denn fast die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner der Malediven müssen mit umgerechnet 1,17 Dollar am Tag oder weniger auskommen.

Diese und viele andere Fakten haben den neuseeländischen Theologen Ron O'Grady veranlasst, seinem neuen Buch den Titel „The Threat of Tourism“ zu geben, die Bedrohung durch den Tourismus. O'Grady hat sich viele Jahre dafür engagiert, grobe Missstände im Tourismus in ärmeren Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu überwinden und zieht nun Bilanz. In seinem vom Ökumenischen Rat der Kirchen herausgegeben Buch „The Threat of Tourism“ stellt O'Grady die Perspektive der Menschen ins Zentrum, die durch den Massentourismus benachteiligt und ausgebeutet werden. Er setzt sich auch kritisch mit dem Label „Ökotourismus“ auseinander. Auch wenn es einige Beispiele für nachhaltige Formen des Tourismus gibt, so O'Grady, bleibt der weitaus größte Teil der Urlaubsangebote weit von diesem Ziel entfernt. O'Grady zeigt, wie durch den Tourismus intakte Ökosysteme für immer vernichtet werden. Auch im Blick auf soziale Folgen der neuen Völkerwanderung kommt Ron O'Grady zu einer ernüchternden Bilanz. Besonders negativ betroffen sind indigene Völker, die sich ohnehin in einem schwierigen Übergangsprozess vom traditionellen Leben zum Leben in modernen Gesellschaften befinden. Meist haben die Menschen in den Zielländern des Ferntourismus bei all den negativen Auswirkungen nicht einmal ökonomisch große Vorteile. Hinzu komme, dass durch die Ankunft der reichen Touristen die Preise steigen und die ärmere Bevölkerung noch mehr Probleme im Überlebenskampf hat.

Deshalb sei es wichtig, Druck auf die Unternehmen auszuüben, die den internationalen Tourismus betreiben, damit mehr einheimisches Personal ausgebildet und mehr einheimische Produkte verwendet werden. O'Grady verweist darauf, dass einige Kirchen im Norden und im Süden wesentlich zur Bewusstseinsbildung über die Probleme des Massentourismus beigetragen haben, darunter vor allem durch die „Ecumenical Coalition on Tourism“ und die Arbeit von Tourism Watch als Arbeitsstelle des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) in Deutschland. O'Grady zitiert aus ethischen Kodizes für Tourismus und stellt fest: „Wir können nicht alle denkbaren Situationen vorhersehen. Aber wenn wir mit einer Haltung des Respekts vor den Menschen und der Umwelt reisen und zusätzlich die ökonomischen und sozialen Rechte der Menschen anerkennen, die wir besuchen, sind wir in der Lage, die meisten kritischen Situationen, die auftauchen könnten, zu bestehen. Das ist es, was wir unter verantwortungsbewussten Touristinnen und Touristen verstehen.“

Ron O'Grady: The Threat of Tourism, Challenge to the Church. World Council of Churches, Genf 2006, 97 S., ISBN 2-8254-1481-6.

(3.052 Anschläge, 40 Zeilen, September 2006)

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