Nr. 98 Fliegen und Klimagerechtigkeit (09/2019)

Ausgabennummer
98

Es ist erstaunlich – ja dramatisch – mit wie viel Engagement sich aktuell Flugwirtschaft, einige Politiker*innen und Vielflieger*innen ins Zeug legen, um vorzurechnen, dass beispielsweise Inlandsflüge in Deutschland nur im Promillebereich zum menschgemachten Klimawandel beitragen. Andere bemühen wirtschaftliche Untergangsszenarien für Reiseländer, sollten die Deutschen weniger in den Urlaub fliegen oder postulieren die Wiederkehr der Steinzeit, wenn Unternehmen dienstlich auf langsamere, aber klimaschonendere Verkehrsträger umsteigen. Die Flug- und Verkehrswirtschaft ist auf Verteidigungskurs, nicht auf Zukunftskurs. Und selbst da, wo sie Zukunftsfähigkeit simuliert, wie im letzten Monat beim Luftverkehrsgipfel, macht sie das eigene Engagement abhängig von Forschungsmilliarden für neue Kraftstoffe. Warum sie zu diesen Innovationen nicht selbst in der Lage ist, obwohl sie jährlich bereits heute knapp zwölf Milliarden Euro Vergünstigungen und Subventionen erhält und jährlich Wachstumsrekorde feiert, verschweigt sie lieber.

Dabei ist nun Anpacken und nicht Wegducken angesagt: Denn in Bezug auf den Flugverkehr ist klar, dass jeder vermiedene Flug sinnvoll und ein wichtiger Beitrag zum aktiven Klimaschutz ist. Und weil es dem Weltklima egal ist, wo Emissionen eingespart werden und der globale Norden immer noch überproportional zum Flugverkehr beiträgt, schauen wir in dieser Ausgabe stärker als sonst in die eigenen Gefilde und beleuchten wie Reisende, Tourismuswirtschaft und Politik weniger Fliegen möglich machen können. Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch!

Hoffen wir, dass die Entscheidungen des Klimakabinetts am kommenden Freitag substanzielle Weichenstellungen bringen, um unsere gemeinsame Zukunft möglich zu machen. Auch beim Klima-Sondergipfel der Vereinten Nationen in New York in der kommenden Woche wird es auf Taten und nicht auf Worte ankommen. Das Letzte, was das angeheizte Weltklima braucht ist noch mehr heiße Luft!

Zuerst einmal aber blicken wir nach Indien, den am stärksten wachsenden Flugreisemarkt der Welt. Proteste gegen den Flugverkehr kommen hier nicht aus der Klimaecke, sondern von Menschen, die für den massiven Flughafenausbau ihr Land verlassen müssen. Und wir schauen nach Peru: In Südamerika wird – nicht zuletzt durch die massiven Waldbrände im Amazonas, immer häufiger auftretende Dürren in der Region oder die dramatischen Hurrikane in der Karibik -  das Thema Klimaschutz auch Unternehmen vor Ort immer bewusster. Wie versuchen Tourismusakteure dort Verantwortung zu übernehmen und was erwarten sie von Reisenden und Reiseveranstaltern in Deutschland?

Fliegen und Klimagerechtigkeit
Artikel

Indien hebt ab

Indischer Flughafen
© Andreas Jäger

Für die indische Oberschicht und Teile der wachsenden Mittelschicht ist das Fliegen inzwischen selbstverständlich geworden. Nun will die Regierung es auch für weniger Betuchte erschwinglich machen.

Geteilte Verantwortung

Regenwald - Kompensation von CO2 durch Naturschutzprojekte
© Brot für die Welt - Helge Bendl

Peruanische Klimaschutzinitiativen und Tourismusunternehmen setzen ihr wachsendes Bewusstsein für den Klimawandel in konkretes Handeln um.

Flugverkehr besteuern

Flughafengebäude in Frankfurt
© Brot für die Welt - Lohnes

Bill Hennings ordnet die aktuellen politischen Debatten innerhalb der EU ein und fordert konkrete Maßnahmen, um die Klimawirkungen des Flugverkehrs drastisch zu reduzieren.

Warum wir uns fürs Fliegen schämen sollten

Leere Flugzeugsitze und Notausgang
© Adobe Stock - Ilona

Fliegen ist die Aktivität einer kleinen globalen Elite - und sie verursacht erhebliche Mengen an klimaschädlichem CO2. Es wird Zeit, dass jeder Einzelne Verantwortung übernimmt, findet Stefan Gössling.

Flug exclusive

asiatischer Zug
© Robert Wenzel

Die beliebtesten Auslandsreiseziele der Deutschen befinden sich allesamt im Mittelstreckenbereich und bieten Anreisemöglichkeiten jenseits des Luftverkehrs. Was können Reiseveranstalter also tun, um Gäste ohne Flug ans Ziel zu bringen?

Kurzinformationen, Literatur und Materialien

Gletscherschmelze durch Klimawandel

Eine Studie zeigt, dass bis Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte aller Gletscher in UNESCO Weltnaturerbestätten geschmolzen sein wird, wenn die Erderwärmung nicht deutlich verlangsamt werden kann.

Europäische Bürgerinitiative zur Besteuerung von Kerosin

Student*innen haben eine Bürgerinitiative zur Abschaffung der Steuerbefreiung auf Flugzeugtreibstoff ins Leben gerufen. Die Initiative fordert die Europäische Kommission auf, die Mitgliedsstaaten dazu zu bewegen, den Flugzeugtreibstoff Kerosin zu besteuern.

Kreuzfahrtbranche bleibt schmutzig

Auch im diesjährigen Kreuzfahrtranking kommt der NABU zu einem ernüchternden Ergebnis: Nur ein kleiner Teil der Flotte wird sauberer, die meisten Schiffe fahren weiter mit Schweröl und ohne Abgastechnik.

Veranstaltungen

Globaler Klimastreik am 20. September

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Die Fridays For Future Bewegung lädt ausdrücklich alle Generationen dazu ein, gemeinsam auf die Straße zu gehen und für die Einhaltung des Paris-Abkommens und gegen die Klimazerstörung laut zu werden.

Luftverkehr der Zukunft

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Auf dem UBA Forum mobil & nachhaltig am 5. und 6. November werden Lösungsansätze und -konzepte diskutiert, wie die Emissionen im Flugverkehr reduziert werden können.

World Travel Market in London

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Auch in diesem Jahr findet der World Travel Markt (WTM) in London statt. Einige Veranstaltungen setzen sich mit Nachhaltigkeitsthemen im Tourismus auseinander.

Internationales Tribunal zu klimabedingten Vertreibungen

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Die International Alliance of Inhabitants führt ein internationales Tribunal zu klima-bedingten Vertreibungen durch. Denn für immer mehr Menschen werden Erderwärmung und Extremwetterereignisse zur Fluchtursache.

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