Nr. 91 Kreuzfahrttourismus (05/2018)

„Der Weg ist das Ziel“ – was einst unter Reisenden und Touristikern nach strapaziöser Hüttenwanderung oder spirituellem Waldspaziergang klang, ist heute das Versprechen der modernen Kreuzfahrtindustrie. Keine Zeit mehr auf der Fahrt verschwenden – ein 24-Stunden Unterhaltungsprogramm macht‘s möglich. Die Landausflüge sind nicht mehr das Ziel und Highlight der Kreuzfahrt, sondern eine optionale Unterbrechung des Bord-Programms.

Wo - wie in Venedig, Dubrovnik oder Barcelona – attraktive Welterbestätten auf die Kreuzfahrttouristen warten, leeren sich die Schiffe augenblicklich und die Reisenden fluten in großen Scharen in die engen Altstadtgassen. Wo die Kreuzfahrtgäste aber wie in der Karibik, in Afrika oder Teilen Asiens auf ein großes Wohlstandsgefälle treffen, bewegen sie sich kaum von Bord, buchen ihre Touren vorab und bringen ihr Lunchpaket gleich selbst mit, um vor Ort auf „Nummer Sicher“ zu gehen. In diesen Reiseländern wünschen sich viele Menschen vergeblich eine Kooperation auf Augenhöhe und eine engere Verzahnung der Kreuzfahrtindustrie mit der lokalen Wirtschaft.

Und überhaupt: was bleibt im Land, wenn die Kreuzfahrtschiffe wieder ablegen? Viel zu wenig! Unsere Artikel aus der Karibik mit ihrer jahrzehntelangen Kreuzfahrterfahrung zeigen, dass der Übernachtungstourismus wirtschaftlich viel lukrativer für die Urlaubsländer ist. Darüber hinaus sind die Infrastrukturen oft nicht ausgelegt auf die hohe Zahl der Kurzzeitbesucher, so dass Ressourcenverknappung und Müllprobleme entstehen.

Und auf dem Schiff selbst? Die Arbeitsbedingungen sind hart und trotzdem zeigt sich hier, wie internationaler politischer Wille zur strukturellen Verbesserung beitragen kann. Seit der Verabschiedung der Maritimen Arbeitskonvention 2013 sind die Arbeitsrechte für Schiffsarbeiter international geregelt. Seit diesem Zeitpunkt aber versuchen Billigflaggen-Staaten und wichtige Sendeländer der Arbeitskräfte das internationale Recht zu unterlaufen und die Arbeiter auf den Schiffen dem Preiskampf nach unten wieder hilflos auszuliefern, wie zwei weitere Artikel zeigen.

Unter den zehn umsatzstärksten deutschen Reiseveranstaltern befinden sich mehrere Kreuzfahrtunternehmen. Mittlerweile stammt fast jeder zehnte internationale Kreuzfahrturlauber aus Deutschland. Ein konsequentes Umsteuern der Riesen hin zu Umweltschutz, nachhaltiger Destinationsentwicklung und sicheren Arbeitsbedingungen wäre möglich. Reisende und Unternehmen sollten die Schiffe nicht allein nach den vermeintlich innovativsten Attraktionen beurteilen, sondern nach ihren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.

Wo geht die Reise hin?

Ute Dilg-Saßmannshausen fasst aktuelle Trends und Entwicklungen in der rasant wachsenden Kreuzfahrtindustrie zusammen.

Kreuzfahrttourismus in der Karibik

Noch immer nützt der Kreuzfahrttourismus den Menschen und der Wirtschaft in der Karibik zu wenig. Martha Honey zeigt, mit welchen Problemen die Karibikstaaten zu kämpfen haben und was neue Kreuzfahrt-Destinationen davon lernen können.

Costa Rica: Weniger Schaden – mehr Nutzen

Costa Rica gilt als Vorreiter, wenn es um nachhaltige Tourismusstrategien geht. Auch im Umgang mit dem Kreuzfahrtsektor hat das Land vielversprechende Ansätze gefunden, die anderen Ländern als Vorbild dienen könnten.

Philippinische Seeleute

Die Philippinen zählen zu den führenden Entsendeländern für Arbeitskräfte auf Kreuzfahrtschiffen. Edwin Dela Cruz beschreibt, warum der philippinische Staat wenig Interesse an einer Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen hat.

Wenn der Gast zum Störenfried wird

Endlich wurde das Thema "Over Tourism" auch auf der ITB diskutiert. Dabei ging es jedoch primär um das technische Management von Besucherströmen. Ernsthafte Debatten um Partizipation und Wachstumsgrenzen blieben leider aus.

Fair übers Meer!

Ein Bündnis aus zehn Organisationen möchte unter dem Motto “Fair übers Meer!” eine breitere Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, wie es um die Nachhaltigkeit in der Seeschifffahrt bestellt ist.

Deklaration von Salvador

Im Rahmen des Weltsozialforums fand das zweite globale Forum für nachhaltigen Tourismus statt. Rund 80 Vertreter von gemeindebasierten Tourismusinitiativen und Zivilgesellschaft verabschiedeten die Deklaration von Salvador, in der sie mehr Selbstbestimmung der Gemeinschaften fordern.

Spielwiese Menschenrechte

Der Journalist Ronny Blaschke beleuchtet in einer Diskussionsreihe, wie große Sportereignisse Hand in Hand mit der Aushöhlung von Menschenrechten einhergehen. Das Portal "120 Minuten" hat Hintergrundinformationen und Interviews zum Thema zusammengestellt.

Menschenrechte und die Agenda 2030 in der Praxis

In Kooperation mit Naturfreunde Internationale lädt der Roundtable Human Rights in Tourism zum Internationalen Symposium „Menschenrechte in der Praxis: Tourismus und die Agenda 2030“ am 28. Juni in Wien ein.

Barrierefreiheit im Tourismus

Im Rahmen des „World Summit Destinations for All“ am 1. und 2. Oktober in Brüssel wird anhand von guten Beispielen diskutiert, wie Barrierefreiheit in allen Teilen der touristischen Wertschöpfungskette realisiert werden kann. Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier .

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