Nr. 86 Nachhaltiger Tourismus und Partizipation (03/2017)

Tourismuswirtschaft und Regierungen sind sich schnell einig, dass nachhaltiger Tourismus ein Entwicklungsgarant ist. Die Einigkeit wird auch dadurch gestärkt, dass beide, wenn es um Tourismus geht, gerne unter sich bleiben. Bei Strategieberatungen und Planungsrunden bleiben Zivilgesellschaft und die Menschen aus den Zielgebieten meist außen vor. So auch auf der bevorstehenden ITB, wo im Rahmen eines halben Sonder-Kongresstages „nachhaltige Entwicklung“ im Fokus steht. Die Menschen aber, denen diese nachhaltige Entwicklung dienen soll, fehlen bei den Diskussionen. Stattdessen präsentieren sich Minister, Generalsekretäre und Unternehmensvertreter.

Wem aber nutzt das Wachstum des internationalen Tourismus? Für die Menschen in den Urlaubsländern des Globalen Südens ist der Tourismus oft beides zugleich: Entwicklungshoffnung und Armutsrisiko. Volkswirtschaftler weisen darauf hin, dass der Tourismus zum Verelendungswachstum neigt – also der
wirtschaftliche Nutzen geringer sein kann als die gesellschaftlichen und/oder ökologischen Kosten. Belege gibt es viele: Die Proteste der Anwohner gegen Kreuzfahrttourismus in Venedig, Strände in Thailand, die wegen ökologischer Übernutzung geschlossen werden, oder der Aufruf der Karibikinsel Aruba, All-Inklusive-Tourismus zu begrenzen. Zoomt man etwas weiter heraus, fallen auch die globalen Wirtschaftsstrukturen auf: Steuervermeidung global agierender Reiseunternehmen und Korruption gehen gerade ärmeren Reiseländern an die Substanz und verbauen ihnen Chancen auf Entwicklung.

Wenn die Entwicklungspolitik nun auf die Tourismusbranche als Katalysator für nachhaltige Entwicklung setzt – wie dies gerade in Deutschland und anderen Ländern mit starker Tourismuswirtschaft geschieht – ist sie gut beraten, nicht den Bock zum Gärtner zu machen. Manchmal gehen nachhaltiger Tourismusund nachhaltige Entwicklung Hand in Hand. In anderen Fällen stellt sich eher die Frage, wie nachhaltige Entwicklung trotz Tourismus realisierbar ist.

Nachhaltige Entwicklung braucht klare Leitplanken, die die ökologischen und sozialen Kosten mit einbeziehen und den Menschen vor Ort Mitbestimmung und Mitgestaltung ermöglichen. Deswegen freuen wir uns auf die kommenden Tage: Gut 30 Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaft aus mehr als 17 Ländern des Globalen Nordens und Südens treffen sich in Berlin, um im Lichte der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung Perspektiven des Tourismus zu diskutieren. Sie werden auf der anschließenden ITB eine Deklaration präsentieren und ihre Mitsprache einfordern.

Wir freuen uns auf viele interessante Gespräche zwischen dem 8. und 12. März 2017 an unserem ITB-Stand Nummer 221 in Halle 4.1 der Messe Berlin und laden Sie herzlich zu unserer Veranstaltung „Leave no one behind – Participation and decision making in tourism“ am 8. März um 16 Uhr auf der großen Bühne, ebenfalls in  Halle 4.1, ein.

Internationale Tourismusbörse (ITB) 2017 in Berlin

Die ITB Berlin 2017 findet vom 8. bis 12. März statt. Von Mittwoch bis Freitag ist die Messe nur für Fachbesucher geöffnet, am Samstag und Sonntag auch für das allgemeine Publikum. Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr. Sie finden uns am Stand 221 in Halle 4.1 (eingerahmt von TourCert und ECPAT). Außerdem finden wieder spannende Veranstaltrungen von und mit Tourism Watch sowie weiteren Partnern statt.

Wie man eine Destination in die Armut treibt

Internationaler Tourismus erzeugt Ungleichheiten – mit gravierenden Konsequenzen. Regierungen in Entwicklungs- und Schwellenländern setzen auf Tourismus, um der Armut zu entkommen und Arbeitsplätze zu schaffen. Sie subventionieren teure All-Inclusive-Anlagen großer, vertikal integrierter Konzerne, um wirtschaftlichen Wohlstand anzustoßen. Dieser Wohlstand erweist sich jedoch als Illusion. …

Korruption im Tourismus

Längst sind Begriffe wie Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung in der Tourismusbranche angekommen. Auch die Korruptionsbekämpfung muss hier eine stärkere Rolle spielen. Denn Korruption hemmt Entwicklung, auch in wichtigen Reisezielländern. Große Reiseunternehmen nutzen nicht selten Schattenfinanzplätze und werden mit Steuervermeidung oder gar Steuerhinterziehung in Verbindung gebracht. Die …

Homestays, Seife und mehr

Beteiligungsmoglichkeiten im Tourismus waren Thema eines „Basisgipfels“ („Grassroots Summit“) zum Tourismus im Dorf Motthakkara in Wayanad im sudindischen Bundesstaat Kerala Ende Januar 2017 (s. Anhang). Die Nichtregierungsorganisation Kabani – the other direction nutzte den Anlass, um Frauen, die vor Ort außergewöhnliche Führungsqualitäten bewiesen haben, besondere Anerkennung zukommen zu lassen. …

Armut mindern durch Tourismus

Die Armut auf der Welt zu verringern und dabei alle Menschen „mitzunehmen“ bleibt oberstes Ziel auf der internationalen Entwicklungsagenda. Der Tourismus spielt dabei oft eine ambivalente Rolle. Damit er Entwicklungsprozesse nicht sabotiert, sondern gezielt unterstutzt, sind verschiedene Voraussetzungen und Prioritatensetzungen notig. Ein gelungenes Beispiel dafur ist die Kibale Association for Rural and Environmental Development (KAFRED) in Bigodi (Uganda), die in diesem Jahr mit dem TO DO! Preis fur sozialverantwortlichen Tourismus ausgezeichnet wird.

Risiken und Chancen für die Ernährungssicherheit

Tourismus als wichtigste Wirtschaftsaktivität ist mit Vor- und Nachteilen verbunden. Auf den Philippinen verdienen einige Einheimische heute zwar daran, doch beeinträchtigt dies ihre Rolle als Versorger der Gemeinschaft. Viele Fischer, die einst für ganze Dörfer Fisch fingen, arbeiten heute als Reiseleiter oder Taxifahrer. Die Menschen vor Ort müssen einen großen Teil ihrer Lebensmittel nun von …

Online-Kompendium zu Tourismus und den Zielen für nachhaltige Entwicklung

Die internationale Gemeinschaft hat sich mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) einem ambitionierten Programm verschrieben, durch das die Armut auf der Welt verringert und Entwicklung nachhaltiger gestaltet werden sollen. In einem neu veröffentlichten Online-Kompendium www.transforming-tourism.org haben Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Ländern untersucht, inwieweit der …

TO DO! 2017 Preisträger aus Myanmar und Uganda

Die beiden TO DO!-Preise für sozialverantwortlichen Tourismus gehen in diesem Jahr an Initiativen in Myanmar und Uganda. Das Projekt “Community Involved Tourism” in der Pa-O Region (CITPAR) nahe des Inle Sees im Southern Shan State von Myanmar organisiert Unterbringung, Verpflegung und Programme für Touristen. Die Einnahmen aus dem Tourismus werden in einen Tourismusfonds eingezahlt, über dessen …

Neuer TO DO-Preis Menschenrechte im Tourismus

Die britische Gewerkschaft „UNITE – the union“ wird auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin mit dem neuen „TO DO Award Human Rights in Tourism“ ausgezeichnet. Als eine der mitgliederstärksten Gewerkschaften in Großbritannien organisiert sie unter anderem Mitarbeiter aus dem Hotel- und Gaststättenbereich und anderen tourismusnahen Dienstleistungssektoren. Die …

Toura D’Or – Filmpreise Zukunftsfähiger Tourismus

Der TOURA D’OR 2017–der internationale Preis für herausragende Film- und Fernsehproduktionen zum Thema zukunftsfähiger Tourismus –geht in diesem Jahr an zwei Dokumentationen und einen Magazinbeitrag. „Mare Nostrum –Ein Konzert. Eine Reise.“von Michelle Brun und Stefan Haupt (Vivante Productions, 57 Minuten, 2015) lässt die Zuschauer an einer musikalischen Reise rund um das Mittelmeer teilhaben und …

Im Urlaub nur mal schnell die Welt retten?

Urlaub machen und sich dabei ein paar Tage in Sozial- oder Umweltprojekten vor Ort engagieren. Immer mehr Veranstalter bieten solche Reisen an. Doch wie, wann und wo macht ein Freiwilligeneinsatz im Urlaub überhaupt Sinn? Mit einem neuen Erklärvideo nehmen Naturfreunde Internationale – respect und ECPAT Österreich die gängigsten Klischees und Irrtümer rund um den Freiwilligen-Tourismus unter die …

Fairunterwegs-Reisecheck

Ob sie bereits grün und fair reisen oder die Nachhaltigkeit im Alltagsstress noch auf der Strecke bleibt, können Urlauber mit dem neuen „fairunterwegs- Reisecheck“ des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung in Basel überprüfen. Eine Reihe von Fragen zu verschiedenen Stadien der Reisevor und -nachbereitung geben Aufschluss über das eigene Urlaubsverhalten. Je nach erzielter Punktzahl enthält das …

Gedenken an Paul Miedema

Paul Miedema, Gründer und Eigentümer von Calabash Tours in Port Elizabeth und einer der Pioniere für verantwortlichen Tourismus in Südafrika, starb Anfang Februar im Alter von 45 Jahren. Mit dem Calabash Trust als Entwicklungsorganisation setzte er sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Townships von Port Elizabeth ein. Seit den 1990ern war er in Südafrika ein Vorkämpfer für …

Nachhaltigkeit als roter Faden

Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Tourismusökonomie angekommen. Zumindest theoretisch, im Lehrbuch „Tourismusökonomie“ von Volker Letzner. In dessen zweiter Auflage zieht sich die „Querschnittsproblematik“ wie ein roter Faden durch alle Lehrmodule. Im Kern geht es vor allem um negative externe Effekte als Grundübel nichtnachhaltiger Tourismusentwicklung. Denn die Kosten von Umweltproblemen …

Tourismus in Namibia

Gerade aufgrund seiner Kargheit, Weite und Abgeschiedenheit ist Namibia eine touristische Topdestination. Mit seiner Geschichte des Tourismus in Namibia analysiert der Autor die homogenisierende Wirkung von Technik, die touristische Räume infrastrukturell erschließt und Sicherheit vermittelt, aber auch zu einer symbolisch-kulturellen Differenzierung führt und spezifische Räume zu einzigartigen …

Komplexe Studien von praktischer Relevanz

Der Sammelband „Economics of Sustainable Tourism“ bündelt die Ergebnisse von zehn Studien aus der Tourismusökonomie mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeitsthemen. So geht es in Teil 1 zum Beispiel auf den Balearen um die vorhandene oder fehlende Zufriedenheit der Einheimischen mit dem Tourismus. Am Beispiel Sardinien werden die Folgen des „inoffiziellen“ touristischen Wasserverbrauchs in Ferienhäusern …

Hinter den touristischen Kulissen

In dem Dokumentarfilm „Welcome to the smiling coast – living in the Gambian Ghetto” von Bas Ackerman reist der Zuschauer an die Küste Gambias. Jedes Jahr zieht es über 100.000 Besucher hierher, angezogen von einer Vielfalt an Vergnügungsmöglichkeiten, darunter Strand, Safari und Sex. Ackermann gewährt dem Zuschauer einen Blickwinkel auf die Destination, den wohl nur wenige Urlauber bekommen. Denn …

DGVN-Veranstaltung „Tourismus – Chancen und Risiken für nachhaltige Entwicklung“

Anlässlich des internationalen Jahres des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung lädt die Deutsche Gesellschaft der Vereinten Nationen (DGVN) zu einer Veranstaltung über die Potenziale und Risiken von Tourismus bei der Umsetzung der Agenda 2030 ein. Es referieren und diskutieren Taleb Rifai, Generalsekretär der Welttourismusorganisation (UNWTO), Christine Plüss (Arbeitskreis Tourismus & …

GATE-Stammtisch „Travelling for Change“

Im Rahmen eines Stammtischs des GATE – Netzwerk, Tourismus, Kultur e.V. gestalten Maria Youngsin Lim und Juhee Shin von Imagine Peace Südkorea am Dienstag, den 7. März 2017 ab 19 Uhr einen Info- und Diskussionsabend zum Thema „Travelling for Change“. Dabei geht es zunächst um Überlastungserscheinungen im Tourismus, dann aber auch vor allem um alternative kreative und solidarische Ansätze aus …

Internationaler Kongress zu Ethik und Tourismus

Der dritte internationale Kongress der Welttourismusorganisation (UNWTO) zu Ethik und Tourismus findet vom 27. bis 28. April 2017 in Krakau (Polen) statt. Themenschwerpunkt ist die gemeinsame Verantwortung aller Akteure bei der Förderung eines nachhaltigeren Tourismussektors. Unter anderem soll es um die globale Nachhaltigkeitsagenda gehen, um Konsummuster, effektive Modelle zum Management …

Mothakkara Deklaration zu Mitbestimmung lokaler Gemeinschaften im Tourismus

Wir sind die lokale Gemeinschaft von Mothakkara, Wayanad, im südindischen Kerala. Gemeinsam mit Vertretern lokaler Selbstverwaltungen, zivilrechtlicher und gemeindebasierter Organisationen, von politischen Parteien und von Unternehmen haben wir uns vom 24. bis 26.1.2017 in Mothakkara versammelt. Wir diskutierten, welches die Herausforderungen bei der Teilhabe an der Gemeinde- und der …

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