Nr. 83 Sicherheit im Tourismus (06/2016)

Sicherheit ist mehr als die Abwesenheit von Terror, auch wenn die Diskussionen rund um die Fußball-Europameisterschaft und vor den bevorstehenden Sommerferien einen anderen Eindruck erwecken. Reiseveranstalter sprechen in diesen Tagen von einem „subjektiven Unsicherheitsgefühl“ und wollen damit deutlich machen, dass die Angst vermutlich größer sei als die reale Gefahr. Politiker und Sicherheitsexperten werden nicht müde zu wiederholen, dass es absolute Sicherheit nicht geben könne – nirgendwo.

Neben unvorhersehbaren und unvermeidlichen Gefahren existieren im Tourismus aber auch systemische, strukturelle Risiken, die vermeidbar wären. Von ihnen ist selten die Rede. Wohl auch weil diese Risiken nicht die Reisenden tragen, sondern die Menschen, die in beliebten Reiseländern leben, in Hotels arbeiten oder Ausflugsprogramme anbieten. Wir möchten in dieser Ausgabe zeigen, wo im Tourismus strukturelle Sicherheitsdefizite liegen. Dazu zählen mangelnde soziale Sicherheit und fehlender Arbeitsschutz, aber auch Risiken die entstehen, weil Einheimische versuchen, den Gästen alle Wünsche zu erfüllen – auch illegale, wie die Beschaffung von Drogen oder das Betreten von Sperrgebieten. Hohe Opferzahlen sind darüber hinaus auf den Großbaustellen der Welt zu verzeichnen, wo für den Bau von Luxushotels und Sportstätten jedes Jahr Hunderte von Arbeitsmigranten ihr Leben lassen.

Frauen und Kinder sind im Tourismus besonders häufig schutzlos dem Risiko sexueller Übergriffe ausgesetzt. Die globale Studie von ECPAT International zur sexuellen Ausbeutung von Kindern im Tourismus gibt leider keine Entwarnung, sondern zeigt, wo im Umfeld des Tourismus neue Risiken entstanden sind. Und der sehr persönliche Bericht eines ehemaligen Waisenjungen in Kenia macht deutlich, wie Kinder in Waisenhäusern für touristische Besuchs- und Freiwilligenprogramme ihrer Würde beraubt werden.

Wie weiter mit diesen Erkenntnissen? Reiseveranstalter sind gefragt, die Sicherheit ihrer Kunden, ihrer Mitarbeiter und der Menschen vor Ort auf eine Stufe zu stellen und endlich gleichen Schutz für alle zu verwirklichen. Als Reisende müssen wir vorsichtiger werden, um unsere Gastgeber nicht unbeabsichtigt in Gefahr zu bringen.

Und was ist mit den Risiken, die vor Ort entstehen, weil Urlaubsländer plötzlich wegen Sicherheitsbedenken seltener bereist werden? Der Aufschrei in Deutschland war groß, als die kanadische Regierung vor einigen Monaten vor Reisen nach Ostdeutschland warnte. Die Menschen fühlten sich bloßgestellt und in Sippenhaft genommen mit unverbesserlichen Rassisten. Gleiches gilt für alle Menschen weltweit, deren Länder als Hort der Gefahr für Reisende dargestellt werden – ohne dass von den friedlichen Gegenbewegungen und sicheren Orten die Rede ist. Je mehr „Unsicherheits“-Informationen wir erhalten, umso genauer müssen wir hinhören, Informationen sammeln und diese besonnen einordnen.

In eigener Sache begrüßen wir in dieser Ausgabe Laura Jäger, die die Arbeitsstelle Tourism Watch als Projektbearbeiterin für Tourismus und Entwicklung komplettiert und bedanken uns bei ihrer Vorgängerin Corinna Rach für ihre langjährige Mitarbeit und ihr Engagement.

Nicht mit zweierlei Maß

Am Kilimandscharo bricht ein Träger beim Wasserholen zusammen. Während einer Fußsafari in Simbabwe wird der Wildhüter von einem Löwen getötet. In etlichen Reiseländern stellt in solchen Fällen die Großfamilie das Versicherungsnetz dar. Denn in Gesellschaften, in denen das Überleben in einer wirtschaftlich und politisch labilen Gegenwart gemeistert werden muss, ist es Luxus, über eine noch …

Von Frauen für Frauen

Immer mehr Frauen reisen und dies immer häufiger auch alleine. Ob geschäftlich oder privat, die Sorge um die eigene Sicherheit beim Reisen bleibt. Ihre individuelle Freiheit ist im Vergleich zu der der Männer erheblich eingeschränkt. Abends auszugehen oder nachts alleine wieder ins Hotel zu kommen ist vielerorts nicht gefahrlos möglich. Und auch dort, wo Frauen eigentlich sicher alleine reisen …

Unter widrigen Umständen gemeinsam Handeln

Wer sich entschließt, ins „Heilige Land“ zu reisen, tut dies meist erst nach reiflicher Überlegung. Zu groß sind oft die Bedenken, eine Region zu bereisen, die sich immer wieder als Pulverfass erweist. Doch in der geteilten Stadt Jerusalem liegen wichtige heilige Stätten des Judentums, des Christentums und des Islam. Zur Bedeutung von Sicherheit für die Einwohner, die Tourismuswirtschaft und die …

Reisende Täter

Die Zahl der Kinder, die auf Reisen und im Tourismus sexuell ausgebeutet werden, hat im Laufe der Jahre stark zugenommen und auch die Strategien der Täter haben sich verändert. Mit einer zweijährigen „Globalen Studie zur sexuellen Ausbeutung von Kindern auf Reisen und im Tourismus“ hat das Kinderhilfsnetzwerk ECPAT nun die bislang größte Datengrundlage in diesem Bereich geschaffen. Die Studie …

Geraubte Würde

Nach Schätzungen leben 30 bis 45 Prozent der 2,4 Millionen Waisen und anderen besonders verletzlichen Kinder in Kenia in Kinderheimen oder Waisenhäusern. Die meisten dieser Institutionen werden von Ausländern unterstützt, oft in bester Absicht. Die Unterstützung solcher Institutionen zerstört jedoch die wichtigen Kinderschutzsysteme in den Familien und Gemeinschaften. Diese Systeme sind von …

Voluntourismus verantwortlicher gestalten

Freiwilligeneinsätze und Voluntourismus werden immer beliebter. Zugleich hat auch die öffentliche Kritik daran zugenommen. Mit ihren neu überarbeiteten Voluntourismus-Kriterien setzt sich die Zertifizierungsorganisation Fair Trade Tourism im südlichen Afrika für mehr Transparenz in Bezug auf den wirklichen sozialen und ökologischen Wert von Freiwilligenprojekten ein. Das Zertifizierungssystem von …

Reiserisiken weltweit

Erstmals haben die Sicherheitsdienstleister International SOS und Control Risks eine gemeinsame „Travel Risk Map“ veröffentlicht, die Hinweise sowohl auf gesundheitliche Risiken als auch auf Sicherheitsrisiken in einzelnen Staaten zusammenfasst. Mit den Daten und Bewertungen anhand von fünf Risikostufen sollen sich insbesondere Geschäftsreisende besser auf ihren Auslandsaufenthalt vorbereiten …

"Sicher reisen"-App mit Hinweisen zum Kinderschutz

In einer für Smartphones entwickelten „Sicher reisen“-App stellt das Auswärtige Amt Informationen für eine sichere Auslandsreise bereit. Neu ist, dass diese App im Menü unter „Was tun im Notfall?“ nun auch Hinweise zum Kinderschutz und Meldemöglichkeiten bei Verdachtsfällen enthält. Ferner beinhaltet die App Tipps für die Reisevorbereitung und für Notfälle, zu jedem Land ausführliche und …

Oft schneller mit der Bahn

Das Unternehmen GoEuro hat für Europa eine Smartphone-App entwickelt, die Reisepreise und Zeitaufwand für verschiedene Verkehrsmittel im Vergleich ermittelt. Die Anwendung zeigt, dass man auf wichtigen europäischen Reiserouten mit der Bahn oft schneller ist als mit dem Flugzeug, wenn man die Wartezeit und den Flughafentransfer mit berücksichtigt. Dass Bahn fahren in der Regel auch deutlich …

Freiwilligeneinsätze in Katastrophenregionen in Nepal

Nach den starken Erdbeben in Nepal 2015 war die Bereitschaft von Ehrenamtlichen groß, Unterstützung beim Wiederaufbau zu leisten. Die Organisation Next Generation Nepal hat Anfang 2016 eine Recherche zur Rolle ausländischer Freiwilliger in der Folgezeit der Erdbeben durchgeführt. In einer Umfrage wurden die Wahrnehmungen darüber erfasst, welche Formen der Unterstützung förderlich waren und welche …

TO DO! und TOURA D'OR 2017 ausgeschrieben

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung hat seine beiden Wettbewerbe neu ausgeschrieben. Mit dem TO DO!-Preis werden jedes Jahr sozialverantwortliche Tourismusprojekte prämiert, die vor allem die Interessen der lokalen Bevölkerung durch aktive Partizipation berücksichtigen. Für den TOURA D´OR-Filmwettbewerb können Filme eingereicht werden, die für einen sozialverantwortlichen und …

"Fairwärts"-Gewinner prämiert

Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) im März haben Kate Stuttgart und TourCert die drei Gewinner des „Fairwärts“-Ideenwettbewerbs für nachhaltigen Tourismus prämiert. Der erste Preis ging an Amitabha Reisen mit ihrer „Müll-Beseitigungs-Kampagne 2015“, einem Selbsthilfeprojekt in Ladakh, Indien. Den zweiten Preis gewann „Janbecks FAIRhaus“ mit dem Projekt „Urlaub mit gutem Gefühl“ auf einem …

Aktuelle Tourismusthemen im Film

Das Privileg Tourist zu sein, negative Auswirkungen des Massentourismus gegenüber dem positiven Potenzial von ökologisch und sozial verantwortungsvollem Tourismus oder der immer beliebtere Voluntourismus – diese und weitere gehören zu den aktuellen Themen, die im Rahmen verschiedener Kurz- und Dokumentarfilme kritisch beleuchtet werden. Die DVD „Fernweh – Tourismus im Spannungsfeld von Wirtschaft, …

Die Schattenseiten des Profisports

Ausbeutung, Korruption und Manipulation: In seinem Dokumentarfilm „Dirty Games“ zeigt Benjamin Best die Schattenseiten des Profisports und lässt sowohl Opfer als auch Täter zu Wort kommen. Die erste Szene zeigt einen nepalesischen Vater, der einen Sarg vom Flughafen abholt. Darin sein 28-jähriger Sohn, der nach offizieller Erklärung der Behörden in Katar im Schlaf gestorben sei. Er war einer von …

„Katar: Sport als Beschleuniger der Menschenrechte?“

Welchen Einfluss haben Unternehmen auf die Einhaltung der Menschenrechte und die Umsetzung von Arbeits- und Sozialstandards? Wie kann unternehmerische Verantwortung auf die Entwicklungsprozesse nahöstlicher Staaten und Gesellschaften einwirken? Mit diesen und weiteren Fragen zu den Vorwürfen von Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der geplanten Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 …

Tourismus auf dem Asia-Europe People’s Forum 2016

„Transforming Tourism“ – wie die Tourismuswende gestaltet werden kann, diskutieren zivilgesellschaftliche Organisationen und Gruppen aus Europa und Asien auf dem 11. Asia-Europe People’s Forum AEPF, dass vom 4. bis 6. Juli in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator stattfindet. Wie bereits auf dem Asia-Europe People's Forum (AEPF) in Laos 2012 und in Mailand 2014 wird es in einem Workshop um …

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