Nr. 79 CO2-Kompensation und Waldschutz (06/2015)

"Solidaritätstourismus“ hat zurzeit Hochkonjunktur: Nach dem feigen Attentat auf das Museum Bardo in Tunis im März scheint es en vogue zu sein, Solidarität durch Tourismus zu zeigen. „Jetzt erst recht!“ oder „Buchen hilft!“ lauten einige der ungezählten Aufrufe in sozialen Netzwerken. Am Beispiel Tunesien zeigt sich aber auch, dass Solidarität auf der einen Seite und unsicherheitsbedingte Billigangebote auf der anderen Seite Hand in Hand gehen. Solidarität zeigt sich nicht nur durch den Urlaub selbst, sondern vor allem in der Art des Reisens. In Tunesien bedeutet das, statt Bettenburgen lieber kleine Pensionen und Sehenswürdigkeiten jenseits der Sandstrände und Oasenstädte zu wählen. Setzt sich in Zeiten der Unsicherheit wieder der „alte“, zentralistische Ressort-Tourismus durch, von dem sich auch die tunesische Tourismuspolitik seit einigen Jahren emanzipieren möchte, ist für die meisten Menschen in Tunesien nicht viel gewonnen.

Und in Nepal? Einen Monat nach dem ersten dramatischen Erdbeben im April halten Nachbeben die Bevölkerung weiter in Alarmbereitschaft und zehren seit Wochen an den Kräften und Nerven der Menschen, die bereits so viel verloren haben. Reisende und Reiseveranstalter fragen sich, wann der Zeitpunkt ist, das Land wieder zu bereisen. Zwar ist der Wunsch verständlich, den Tourismus schnell wieder anzukurbeln. Doch wo es vor Ort nicht genug Wasser und Nahrungsmittel gibt, verstärkt eine steigende touristische Nachfrage die Not. Wenn der Tourismus schließlich wieder neu aufgebaut wird, so muss dies partizipativ geschehen. Es müssen Strukturen geschaffen werden, bei denen die Menschen im Mittelpunkt stehen und über den Tourismus selbst entscheiden können, damit die Entwicklung nicht den kurzfristigen Interessen der Tourismuseliten überlassen wird.

Tunesien und Nepal, ebenso wie der Absturz der Germanwings-Maschine Ende März, der 150 Menschen aus der Mitte ihres Lebens und ihren Familien gerissen hat, sind dramatische Momentaufnahmen, die es verdienen, weiterhin im Herzen und in den Gedanken der Menschen zu bleiben.

Wir müssen aber auch die schleichenden Katastrophen im Blick behalten – vor allem die, die sich mit politischem Willen und Engagement noch mindern ließen. Dazu gehört der Klimawandel. Experten vermuten, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre seit Millionen Jahren nicht so hoch war wie im März dieses Jahres. Der Tourismus trägt insbesondere durch den Flugverkehr mit etwa einem Zehntel zu den globalen Emissionen bei – Tendenz steigend. Dringend nötig ist ein Gegensteuern durch den konsequenten Verzicht auf Kurz- und Mittelstreckenflüge und einen intelligenten, klimaschonenden Verkehrsmix. Doch billige Flugpreise und die staatliche Subventionierung des klimaschädlichsten Verkehrsträgers setzen die falschen Signale. Sollten Sie Ihren Sommerurlaub noch planen, finden Sie zumindest innerhalb Europas viele Alternativen zur Flugreise.

Die Anzahl der Reisenden, die ihre Flug- und Transportemissionen vollständig durch die Förderung von Klimaschutzprojekten kompensieren, bewegt sich in Deutschland weiterhin im Promillebereich. Nur sehr wenige Reiseveranstalter weisen an zentraler Stelle auf die Möglichkeit zur Kompensation hin. Vielen wären attraktive, leicht verständliche Kompensationsprojekte am liebsten. Der Wald, seit jeher Sehnsuchtsort nicht nur im Urlaub, gerät ins Blickfeld und seine Potenziale zur CO2-Bindung sollen genutzt werden. Bäume pflanzen für den Klimaschutz scheint naheliegend. Doch damit die Kompensation nicht zum Kuhhandel wird, ist es nötig, dass in den Projekten dauerhaft und verlässlich CO2 eingespart wird. Wir schauen deshalb genauer hin und erläutern, warum Aufforstungsprojekte nicht zum Emissionshandel taugen und wie Kompensationsprojekte dennoch zum Waldschutz beitragen. Ihre Flug- oder Schiffsreise lässt sich übrigens auch nach der Buchung noch bei einem seriösen Kompensationsanbieter wie Atmosfair oder der kirchlichen Klimakollekte kompensieren. Probieren Sie es aus.

Wege zum Waldschutz

Wälder werden in vielen Teilen der Welt dezimiert und degradiert. Der Druck durch eine wachsende Bevölkerung, rasche Urbanisierung, Ressourcenverbrauch und kurzfristige wirtschaftliche Interessen ist enorm. So vielfältig und gravierend die Bedrohungen der Waldgebiete sind, so schwierig ist es, langfristig tragfähige und lokal angepasste Lösungen zu ihrem Schutz zu finden. Der Mechanismus für …

Bäume pflanzen reicht nicht aus

Wald zu schützen ist generell und auch für den Klimaschutz eine gute Sache. Doch Waldschutz eignet sich nicht für marktbasierte CO2-Kompensation, da der im Wald gespeicherte Kohlenstoff jederzeit freigesetzt werden kann, etwa durch Sturmwurf, Insektenbefall oder andere Naturereignisse. Die Kompensation der Emissionen aus fossilen Brennstoffen wäre dann nicht mehr gegeben. Waldschutzprojekte, die …

Emissionen senken, Entwicklung fördern

Wenn Touristen dafür zahlen, ihre Flugreise-Emissionen zu kompensieren, müssen an anderer Stelle in gleicher Menge Emissionen verringert werden. Diese Reduktionen müssen real sein und zusätzlich stattfinden. Das können zum Beispiel Projekte sein, die die Energieeffizienz erhöhen oder erneuerbare Energien fördern. Idealerweise sollten solche Projekte nicht nur dem Klimaschutz dienen, sondern auch …

"Klimaschutz 100 % inklusive"

Es ist eine unerfreuliche Tatsache: Flüge verursachen etwa 80 Prozent des gesamten CO2-Aufkommens im Tourismus. Um einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, sollte man daher entweder auf Flüge verzichten, Flugreisen soweit wie möglich reduzieren und dort, wo Flüge unvermeidbar sind durch Kompensation die entstehenden klimaschädlichen Emissionen ausgleichen. Doch ohne Mobilität kein …

Zwischen Skepsis und Aufbruch

Myanmar durchläuft in dreifacher Hinsicht einen Wandel: von einem Militär-System zu einer demokratischen Staats- und Regierungsführung, von zentraler Planwirtschaft zur Marktwirtschaft und von 60 Jahren Konflikt zum Frieden in den Grenzgebieten, in denen verschiedene ethnische Gruppen leben. Diese Gebiete haben ein hohes touristisches Potenzial, dank der natürlichen Landschaften mit Bergen, langen …

Widerstand auf der Osterinsel Rapa Nui

Jährlich besuchen unzählige Touristen die chilenische Osterinsel Rapa Nui, um die bekannten Moai-Statuen zu besichtigen. Ohne Folgen für die Bewohner bleibt der Andrang auf der Insel nicht. Im März und April besetzten Indigene für drei Wochen den Nationalpark Rapa Nui, um auf den rücksichtslosen Umgang mit Kulturgütern der indigenen Bevölkerung, überfüllte Verkehrsmittel und das Stagnieren der …

Einbeziehung des Luftverkehrs in den Klimaschutz

Experten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) halten es für "dringend erforderlich, Maßnahmen zur Begrenzung der gesamten klimarelevanten Emissionen des Luftverkehrs zu ergreifen". Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projektes hat das DLR die Machbarkeit der Einbeziehung aller klimarelevanten Emissionen des Luftverkehrs in …

Rückschritte bei der Kraftstoffeffizienz der Schifffahrt

Wie aktuelle Untersuchungen von CE Delft im Auftrag der Organisationen Seas At Risk und Transport & Environment belegen, sind 2013 gebaute Schiffe durchschnittlich zehn Prozent weniger kraftstoffeffizient als Schiffe aus dem Jahr 1990. Die Studie "Historical trends in ship design efficiency" widerlegt Behauptungen, die Schifffahrt würde ihre Umweltperformance ständig erhöhen. Bill Hemmings, …

Richtlinien für Tourismus und Besuchermanagement in Schutzgebieten

Mehr Besucher in Schutzgebieten können zum Naturschutz und zur lokalen Entwicklung beitragen – unter bestimmten Bedingungen. Wie diese Bedingungen aussehen sollten, skizziert die Weltnaturschutzunion (IUCN) in ihrer Publikation "Tourism and Visitor Management in Protected Areas: Guidelines for Sustainability". Mit den darin vorgestellten Richtlinien sollen Systeme zum Besuchermanagement verbessert …

25 Jahre ECPAT International

ECPAT, ein Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen, das sich für die Beendigung der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Kindern einsetzt, feierte Anfang Mai 2015 sein 25jähriges Bestehen. Die 1990 in Thailand von asiatischen Kirchen ins Leben gerufene Kampagne „zur Beendigung des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Tourismus in Asien“ ("End Child Prostitution in Asian Tourism" – ECPAT) …

TOURA D'OR 2014

Der 28minütige Dokumentarfilm „Malediven – Notruf aus dem Paradies“ von Raimund Waltenberg (ZDF Redaktion Umwelt/Planet e, 2012) ist einer der Preisträger des diesjährigen “TOURA D´OR“ Filmwettbewerbs, ausgeschrieben vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung. Der Film zeigt die kritische Situation der Malediven. Neben dem Klimawandel tragen rücksichtslose Bauprojekte, Raubbau an den Korallen, …

TO DO! Wettbewerb 2016 ausgeschrieben

Mit dem TO DO! Preis für sozialverantwortlichen Tourismus zeichnet der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung jedes Jahr Projekte oder Maßnahmen aus, bei deren Planung und Realisierung die Einbeziehung unterschiedlicher Interessen und Bedürfnisse der ortsansässigen Bevölkerung durch Partizipation nachweislich sichergestellt ist. Der TO DO! 2016 wurde kürzlich neu ausgeschrieben, …

Wettbewerb für nachhaltige Reiseideen

Mit dem Projekt „Zero Impact Camps“ möchte die Naturfreundejugend Deutschlands junge Menschen für nachhaltiges Reisen begeistern. Teil des Projekts ist der Wettbewerb „Der nachhaltigste Sommer deines Lebens“, bei dem Jugendliche noch bis 15. September ihre besten Ideen für "intensive Reiseerlebnisse ohne schädliche Nebenwirkungen" einreichen können. Außerdem bietet die Naturfreundejugend einen …

Bildungsunterlagen für Nachhaltigkeit im Tourismus

Für den Unterricht an allgemein- und berufsbildenden (Tourismus-)Schulen haben die Naturfreunde Internationale – Respect und Brot für die Welt – Tourism Watch neue Bildungsunterlagen zu „Nachhaltigkeit im Tourismus“ erstellt. Die Materialien bestehen aus einem Unterrichtsleitfaden, Zusatzmaterialien für Lehrkräfte und Handouts für Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren. In zwölf …

Erklärvideo "Menschenrechte im Tourismus"

Der neue Kurzfilm "Menschenrechte im Tourismus" aus der Erklärvideo-Serie der Naturfreunde Internationale erklärt innerhalb weniger Minuten, warum und wie der Tourismus die Menschenrechte tangiert, wie Reiseveranstalter ihrer menschenrechtlichen Verantwortung nachkommen und was Reisende beitragen können. Der Film entstand in Kooperation mit dem Forum anders reisen. Weitere Informationen: www.nf …

Anregungen für respektvollen Umgang mit der Kamera

Zehn konkrete Empfehlungen, wie Reisende sich mit der Kamera auf Reisen respektvoll verhalten können, geben die Naturfreunde Internationale – Respect in ihrem Dossier "Fotografieren auf Reisen". Nicht selten fotografieren Touristen auf Reisen unüberlegt und brechen Tabus. Doch mit Freundlichkeit, Zeit für Begegnungen und Informationen über lokale Sitten und Verhaltensregeln lassen sich viele …

Auf den Spuren der Rucksacktouristen

Wie Rucksacktouristen einst abgelegene Orte verändern, indem sie sie zunächst „entdecken“ und schließlich in großer Zahl erobern, zeigt der US-amerikanische Dokumentarfilm „Gringo Trails“. Vom Regenwald über den bolivianischen Salzsee von Uyuni, über Timbuktu in der Sahelzone bis hin zu Vollmond-Partys an den Stränden von Thailand folgt der Film über eine Stunde lang den Spuren der „Backpacker“. …

Afrikanische Erfahrungen mit Freiwilligen

Der Film hält, was der Titel verspricht: er ermöglicht einen dringend notwendigen „Blickwechsel“, indem er Gastfamilien, Nichtregierungsorganisationen und Kinder und Jugendliche aus Ghana, Südafrika und Gambia zu Wort kommen lässt, die Erfahrungen mit deutschen Freiwilligen gemacht haben. Er kommt dabei fast 90 Minuten lang vollkommen ohne Moderation aus. Zwar gleicht keine Meinung der anderen und …

Tourism Watch auf dem Kirchentag in Stuttgart

Auf einer Kirchentagsveranstaltung unter dem Titel „Volunteer – Tourismus – Helfen im Urlaub? Chancen und Risiken eines neuen Trends“ wollen Tourism Watch – Brot für die Welt, die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (AEJ), ECPAT Deutschland und die Evangelische Jugend im Rheinland mit den Besuchern des Zentrums Jugend ins Gespräch kommen. Die interaktive Bühnenveranstaltung …

Toblacher Gespräche 2015: "Sanfter Tourismus. Doch eine Illusion?

Wie vor 30 Jahren werden sich die Toblacher Gespräche vom 2. bis 4. Oktober 2015 in Toblach (Südtirol) wieder dem Tourismus widmen. Sie gehen der Frage nach, was in den vergangenen drei Jahrzehnten neue Selbstverständlichkeiten der Nachhaltigkeit geworden sind und worin heute die besonders kritischen Punkte bestehen. Die Gespräche legen einen deutlichen Schwerpunkt auf die Folgen des Klimawandels …

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