Nr. 78 Tourismusboom nach Konflikten und Naturkatastrophen (03/2015)

In dieser Ausgabe schauen wir unter anderem nach Sri Lanka, Myanmar und Indien und stellen aktuelle Recherchen aus diesen boomenden Reiseländern vor. Besonderes Augenmerk legen wir auf die Folgen des Tourismus für die Fischer. In südasiatischen Gesellschaften sind sie oft besonders benachteiligt. Ihre Kultur, ihr Lebensstil und ihr gemeinschaftlicher Zusammenhalt sind sehr eng mit ihrem Leben an der Küste verbunden. Verlieren sie den Zugang zum Meer, verlieren sie nicht nur ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage – sie verlieren ihre Identität.

Die aktuellen Menschenrechtsberichte machen deutlich, welche Risiken mit einer intensiven touristischen Erschließung verbunden sind. In Myanmar und Sri Lanka konnte der Tourismus quasi von Null anfangen. Auf Grund von Bürgerkrieg bzw. Militärdiktatur haben Investoren und internationale Reiseveranstalter diese Länder gemieden. Nun ist alles anders: Die staatlichen Entwicklungsbehörden, das Militär, regionale Eliten und Großinvestoren entdecken die Gebiete und ihr touristisches Potenzial. Sie nehmen wenig Rücksicht auf weiterhin schwelende Konflikte und traditionelle Siedlungs- und Wirtschaftsansprüche der lokalen Bevölkerung. Wirtschaft und Politik sind in den Ländern eng miteinander verzahnt und ziehen an einem Strang.
Das zeigt sich – global gesehen nicht zum ersten Mal – auch im aktuellen Korruptionsskandal in Sri Lanka. Kaum war der Präsident wegen seines autokratischen Führungsstils und tief verwurzelter Korruption vom Volk abgewählt worden, erzitterte auch die Tourismusbehörde unter einem Korruptionsskandal.

Es sind diese Verbindungen zwischen Politik, Militär und Tourismus, die von Reiseveranstaltern eine besondere Sorgfalt erfordern, damit sie nicht unbeabsichtigt zu Nutznießern von Menschenrechtsverletzungen werden. Und diese Sorgfalt ist umso dringlicher in Situationen, in denen die Staaten nicht willens oder in der Lage sind, die Bevölkerung zu schützen. Es ist bedauerlich, dass sich Branchenvertreter noch zu oft allein darauf verlassen, dass die Staaten die Menschenrechte schon sicherstellen werden. Sie verschließen damit die Augen vor den Realitäten und den eigenen Möglichkeiten und lassen die Menschen im Stich, die vor Ort den Reisenden das Gefühl geben sollen, im sorgenfreien Urlaub zu sein.

Welche Gestaltungschancen bestehen und wie Unternehmen ihrer Sorgfaltspflicht gerecht werden können, dazu tauschen sich NGOs, Reiseveranstalter und Branchenvertreter seit einiger Zeit im „Round-table Menschenrechte im Tourismus“ aus. Als jüngste Mitglieder konnten die nationalen Tourismusverbände Österreichs und der Schweiz begrüßt werden.

In unserem Interview fragten wir Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands, warum sich der DRV so auffallend zurückhält. Wir mussten erfahren, dass der Verband noch ganz am Anfang der Diskussionen steht und er kaum Spielraum sieht, Opfer von Menschenrechtsverletzungen durch touristische Aktivitäten zu unterstützen. Schade! Umso erfreulicher ist, dass andere bereits vorangehen und anfangen zu diskutieren, was die Analysen aus Sri Lanka, Myanmar und anderen Ländern für Reiseveranstalter bedeuten.
Auch auf der ITB! Lesen Sie unsere Veranstaltungstipps auf den folgenden Seiten. Unseren Tourism Watch-Stand mit der Nummer 219 finden Sie wie gewohnt in Halle 4.1 der ITB.

Internationale Tourismusbörse (ITB) Berlin 2015

Die ITB Berlin 2015 findet vom 4. bis 8. März statt. Von Mittwoch bis Freitag ist die Messe nur für Fachbesucher geöffnet, am Samstag und Sonntag auch für das allgemeine Publikum. Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr. Info: www.itb-berlin.de Veranstaltungen von und mit Brot für die Welt – Tourism Watch Sie finden uns am Stand 219 in der Halle 4.1 (eingerahmt von TourCert und ECPAT). Mittwoch, 4. März …

Schatten im Sonnenparadies

Sri Lanka ist nicht nur eine idyllische Feriendestination. Nach aussen hin verbreitet die sri-lankische Regierung ein Bild von einem scheinbar zur Normalität zurückgekehrten Land. Das Image eines friedlichen und prosperierenden Ferienziels wird in Westeuropa offensiv vermarktet. Doch Sri Lanka ist ein Land mit einer blutigen Vergangenheit, in dem nach 26 Jahren Bürgerkrieg Kriegsverbrechen nicht …

Tourismus in Post-Konflikt-Gebieten am Beispiel Sri Lanka

Krieg und Diktaturen hinterlassen zerrissene Gesellschaften, in denen die Gefahr von Diskriminierungen und Repression groß ist. Der Tourismus ist oft einer der ersten Sektoren, der in ehemaligen Konfliktregionen wieder floriert. In Gebieten, die von Naturkatastrophen betroffen waren, sind vergleichbare Entwicklungen zu beobachten. Regierungen wollen "Rückkehr zur Normalität" signalisieren. Sie …

Die bedrohte Gans und ihre goldenen Eier

Einige der bekanntesten touristischen Orte Myanmars sind durch die Auswirkungen des Tourismus bereits ökologisch und sozial unter Druck. Dies bedroht die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung und den langfristigen Erhalt von Vorzeigeorten wie Bagan, Inle und Kyaiktiyo als touristische Zielgebiete. Das Dänische Institut für Menschenrechte hat zusammen mit seinem burmesischen Partner, dem Myanmar …

Wo einst ein Fischerdorf war

Die Geschichte von Karikkattukuppam ist eine von vielen Geschichten über den Verrat des Staates an der vom Tsunami betroffenen Bevölkerung. Viele Gemeinschaften an der südindischen Küste, die im Dezember 2004 von der “Monsterwelle” betroffen waren, wurden dazu gebracht, ihr angestammtes Land zu verlassen. Sie wurden von der Küste in weiter entfernte Orte umgesiedelt, angeblich aus …

Menschenrechtliche Sorgfalt in der Reisebranche

Mehr als 15 Unternehmen und Organisationen im Tourismus haben sich bereits öffentlich zu ihrer Verantwortung für die Menschenrechte bekannt, darunter auch namhafte deutsche Veranstalter. Sie setzen sich innerhalb des „Roundtable Menschenrechte im Tourismus“ für einen Branchenstandard für menschenrechtliche Sorgfalt ein und haben in ihren Unternehmen erste Maßnahmen ergriffen, negative Auswirkungen …

Entwicklungsprioritäten verteidigen

Voluntourismus ist ein schnell wachsender Bereich der Tourismusbranche. Im Laufe der vergangenen 20 Jahre sind die häufig von Nichtregierungsorganisationen vermittelten Freiwilligeneinsätze und der kommerzielle Tourismus immer stärker miteinander verknüpft worden. Dadurch wurden zwar sehr viel mehr Möglichkeiten für Freiwilligeneinsätze im Ausland geschaffen, es hat aber auch zu einer Reihe …

Urlaub machen und Gutes tun?

Voluntourismus– das heißt kurzzeitige Freiwilligeneinsätze mit hohem Abenteuer- und Erlebnisgehalt – hat in den letzten Jahren in Deutschland und anderen europäischen Ländern massiv an Bedeutung gewonnen. Ob nur einen Tag spontan im Urlaub mithelfen, eine Woche im Anschluss an eine Safari-Reise oder gar ein bis drei Monate in einem Projekt – im Internet und in Reisekatalogen lassen sich viele …

TO DO!-Preise für sozialverantwortlichen Tourismus

Projekte aus Costa Rica, Indien und Usbekistan sind die Gewinner des TO DO! 2014 Wettbewerbs für sozialverantwortlichen Tourismus, den der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e. V. seit 1995 jährlich ausschreibt. Am 4.März 2015 werden sie auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin ausgezeichnet. Einer der Gewinner ist das Netzwerk “ACTUAR“ in Costa Rica. In einem Land, das vor allem …

Rekordzahlen bei Flugreisen und Kreuzfahrten

Ein überdurchschnittliches Wachstum von 5,9 Prozent bei der Nachfrage und 5,6 Prozent bei den Kapazitäten im Flugverkehr verzeichnete die Internationale Luftverkehrsvereinigung (International Air Transport Association – IATA) für das vergangene Jahr 2014. Mehr als die Hälfte des Wachstums bei der Zahl der beförderten Passagiere entfiel auf Schwellenländer, z.B. in der Region Asien-Pazifik und im …

Land und Leute verstehen: 40 Jahre Sympathiemagazine

Seit nunmehr 40 Jahren gibt es die Sympathiemagazine, veröffentlicht vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. 1974 erschien das erste Sympathiemagazin "Kenia verstehen". Es folgten Hefte über fast 70 Reiseländer sowie zahlreiche Themenhefte, z.B. zu verschiedenen Religionen, zu Umwelt, Fremdem, Globalisierung, Tourismus, Entwicklung und Kinderrechten. Die handlichen Magazine fördern auf …

Geschäftsreisen nachhaltiger gestalten

Anregungen, wie Dienstreisen umweltverträglicher gestaltet werden können, gibt das Dossier „Geschäftsreisen – nachhaltig erfolgreich“ der Naturfreunde Internationale – respect in Österreich. Das Motto „Die umweltfreundlichste Geschäftsreise ist die, die gar nicht angetreten wird“ wollen die Herausgeber nicht als unrealistische Forderung nach einer gänzlichen Streichung von Geschäftsreisen …

Mehr biologische Vielfalt in Nachhaltigkeitszertifizierungen

Um dem Schutz der biologischen Vielfalt besser Rechnung zu tragen und Gefährdungen durch touristische Aktivitäten zu vermeiden, sollten die Biodiversitätsaspekte in Zertifizierungen für einen nachhaltigen Tourismus gestärkt werden. Dabei geht es nicht nur um Artenvielfalt, um das Problem gebietsfremder invasiver Arten und den Schutz von Ökosystemen. Auch die bislang oft vernachlässigten …

„WissensWerte“-Kurzfilm Tourismus und Nachhaltigkeit

„Die Welt entdecken, ohne sie gleich kaputt zu machen“ – wie das gehen kann, zeigt der kurze Animationsfilm „Tourismus und Nachhaltigkeit“ aus der Reihe „WissensWerte“ des Vereins /e-politik.de/ e.V. In wenigen Minuten gibt der Clip einen Überblick über die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus, über ökologische und soziale Probleme, die er mit sich bringt, und über nachhaltigere Formen des …

Kinderhandel für Waisenhaus-Tourismus in Nepal

Die amerikanische Nichtregierungsorganisation “Next Generation Nepal” (NGN) zeigt in ihrem Bericht „The Paradox of Orphanage Volunteering“, wie Freiwilligeneinsätze in Waisenhäusern in Nepal zu problematischen Entwicklungen geführt haben. Der Bericht weist darauf hin, dass in Waisenhäusern in Nepal über 15.000 Kinder leben, von denen mindestens zwei Drittel eigentlich gar keine Waisen sind. Laut …

Weder Löwenbabys noch Waisenkinder

Mit seiner Handreichung „Wegweiser Freiwilligenarbeit im Ausland“ gibt Frank Seidel Anleitungen zur Beurteilung und Auswahl von Freiwilligenarbeit. Dabei sind auch Kurzzeiteinsätze durchaus möglich, besondere Kenntnisse und Erfahrungen nicht unbedingt nötig. In Bezug auf Waisenhaustourismus und Projekte mit Raubtierbabys aber rät der „Wegweiser“ zu besonderer Vorsicht, weil man leider nicht …

Menschenrechtsverletzungen im Namen eines falsch verstandenen Naturschutzes

Zum Start der Kampagne „Eure Wildnis, Unser Zuhause“ publizierte Survival International unter dem Titel "Parks need Peoples" einen Bericht über die Verletzung von Menschenrechten indigener Völker im Namen des Naturschutzes. Auf den 24 Seiten geht es einerseits um die Botschaft, dass es eine "Wildnis" im Sinne eines menschenfreien Gebiets nicht gibt: Alle Naturschutz- oder "Welterbe"-Gebiete sind …

Tourismus noch nicht „enkeltauglich“

Auf der Weltkarte gibt es – touristisch gesehen – keine weißen Flecken mehr. Wie erschlossen die Welt von heute ist, zeigt Albrecht Steinecke in seinem Lehrbuch „Internationaler Tourismus“. Auch Praktikern vermittelt das Werk spannende Einblicke in die aktuelle internationale Tourismuslandschaft. Denn neue Märkte sind entstanden: sowohl innovative neue Zielgebiete als auch neue Quellmärkte, von …

Klimawandel als Quelle der Kreativität

„Warum sind wir uns über Klimawandel uneins?“ Dieser Frage geht Mike Hulme in seinem Buch „Streitfall Klimawandel“ ausführlich und aus unterschiedlichen Perspektiven nach. Ob in der Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, Politik oder Medien – die Meinungsverschiedenheiten sind allgegenwärtig. Sie sind unter anderem dadurch begründet, dass Menschen ihre Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen …

Zwischen Politik und Alltag

Besetzte und Besatzer, David und Goliath – die Rollenverteilung im Heiligen Land scheint klar zu sein, und doch sind die Konflikte und Krisen, die die Region nicht zur Ruhe kommen lassen, alles andere als leicht zu durchschauen. Unter der Redaktion von Katharina Amling haben deutsche und einheimische Autorinnen und Autoren die Herausforderung angenommen, Israel zu verstehen – und sympathisch zu …

Deutscher Evangelischer Kirchentag, 3.-7. Juni 2015 in Stuttgart

Vom 3. bis 7. Juni 2015 wird Stuttgart Gastgeber des Deutschen Evangelischen Kirchentags sein. Unter der Losung "damit wir klug werden" aus dem 90. Psalm, Vers wird im Rahmen der Mitwirkung von Brot für die Welt auch Tourism Watch mit ei­nem Stand auf dem Markt der Möglichkeiten ver­treten sein. Denn Reisen, das auf Begegnung und Erfahrungen setzt, bildet. Tourism Watch bei Brot für die Welt wird …

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