Nr. 66 Menschenrechte im Tourismus (03/2012)

Der Befund ist ebenso banal wie spannend: Tourismus ist politisch! Diese Feststellung bedeutet keine neue Erkenntnis. Tourismus ist für eine Milliarde international Reisende ein schier unverzichtbarer Teil ihres Lebensstils, andererseits greift er in vielerlei Weise in die Natur und in den Alltag und das (Erwerbs-)Leben von Menschen ein. Spannend ist, dass Tourismus jetzt kurz vor der ITB 2012 in so erstaunlicher Dichte auf der Tagesordnung der deutschen Politik steht, dass man fast schon von hektischer Betriebsamkeit sprechen kann. Vielleicht konnten wir ein wenig dazu beitragen, dass sich Politik und Tourismusunternehmen zunehmend ihrer Verantwortung für die Menschenrechte stellen.

Tourismus soll dem Schutz und der Förderung der Menschenrechte dienen und selbst nicht zu Menschenrechtsverletzungen beitragen. Der deutsche Reiseverband (DRV) forderte kürzlich von Kenias Regierung eine Lösung zur Lage des Samburu-Volkes: "Tourismusentwicklung auf Kosten der Menschenrechte und der lokalen Gemeinden wird von der deutschen Reisebranche nicht unterstützt", so Verbandspräsident Büchy (s. S. 12).

Vorbereitet in einer Reihe öffentlicher und nichtöffentlicher Anhörungen und Sitzungen in Ausschüssen und Fraktionen befasst sich das Plenum des Deutschen Bundestages in diesen Tagen mit dem Antrag der Regierungsfraktionen "Tourismus als Chance für die Einhaltung der Menschenrechte nutzen" und dem der SPD-Fraktion "Menschenrechte in der Tourismuswirtschaft achten, schützen und gewährleisten". Ob daraus Vorgaben für die Tourismuswirtschaft zur verbindlichen Wahrnehmung ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht folgen, bleibt abzuwarten.

Auf Anregung der FDP Fraktion debattieren fast gleichzeitig die beiden Ausschüsse für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Tourismus über "Tourismus und partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit". Als Gesprächseinstieg würden wir die These vorschlagen: "Die positive Wirkung von Tourismus auf die menschliche Entwicklung wird überschätzt."

Tourismus braucht hinsichtlich seiner nachhaltigen und menschenrechtlichen Gestaltung einen intelligenten Mix aus freiwilligen CSR-Initiativen der Wirtschaft und verbindlichen Regeln, die sich aus den Staatenpflichten zur Verwirklichung der Menschenrechte ergeben.

Darüber wird bei verschiedenen Anlässen auch wieder auf der diesjährigen Tourismusbörse diskutiert. Auf einige ausgewählte Veranstaltungen weisen wir auf den nächsten Seiten hin und freuen uns, wenn wir uns während der Tage in Berlin an unserem Stand in der Halle 4.1 oder bei der einen oder anderen Veranstaltung sehen und sprechen.

ITB Berlin 2012

Internationale Tourismus-Börse (ITB) Berlin, 7. bis 11. März 2012 Die ITB Berlin 2012 findet vom 7. bis 11. März statt. Von Mittwoch bis Freitag ist die Messe nur für Fachbesucher geöffnet, am Samstag und Sonntag auch für das allgemeine Publikum. Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr. Info: www.itb-berlin.de Veranstaltungen von EED Tourism Watch EED Tourism Watch stellt in diesem Jahr erneut das Thema …

Über den Wolken muss die Freiheit nicht grenzenlos sein

Sie hat es nur gut gemeint, die Europäische Union, als sie nach vielen Klima-Verhandlungsjahren beschloss, den Flugverkehr ab dem 1. Januar 2012 in den Europäischen Emissionshandel (EU-ETS) aufzunehmen. So soll nun das Weltklima durch die Regulierung der Flugemissionen entlastet werden, denn für den rasant zunehmenden Flugverkehr konnte international bislang kein bindendes Regime zur …

Wohin geht die Reise?

Anfang März wird sich der Deutsche Bundestag unter anderem mit Menschenrechten und Tourismus auseinandersetzen. Auch auf der kommenden Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin sorgt das Engagement der Politik für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus für Gesprächsstoff. Wie sich die deutsche Politik und insbesondere der Tourismusausschuss des Deutschen Bundestags für Menschenrechte, Klimaschutz …

Was wird gefordert, was ist machbar?

Menschenrechte sind kein neues Thema im Tourismus, aber sie sind ein Thema, bei dem die Branche gefordert ist, neue Wege zu beschreiten. Es geht um Arbeitsbedingungen, den Schutz vor Diskriminierung und die Rechte von Kindern, Frauen und indigenen Völkern. Und es geht um die gestiegene Verantwortung von Unternehmen. Mit dem Abschlussbericht des UN-Sonderbeauftragten für Menschenrechte, John Ruggie …

Stärker, selbstbewusster und vernetzt

Wie zeitlose Wächter umschließen die Atacora-Berge den weiten Talkessel im Land der Bétamaribé. Mais- und Hirsefelder leuchten in der Sonne, die dichten Wälder der Berghänge streuen ihre Ausläufer bis in die Ebene. Eine Autostunde südwestlich von Natitingou, in der Gemeinde Boukoumbé im Nordwesten Benins, ist die Welt noch voller Natur. Bei vielen Westafrika-Touristen steht ein Besuch der Region …

Rinder versus Goldesel

Die Landrechtsfrage gestaltet sich in Kenia, wie in vielen afrikanischen Staaten, äußerst schwierig. Verbriefte Landrechte der lokalen Bevölkerung bestehen kaum. Dadurch entstehen erhebliche Spannungen und Konfliktpotenziale zwischen der indigenen Landbevölkerung und staatlichen Stellen, die meist dem "Goldesel" Tourismus Vorrang geben. Abhilfe soll die zum Ende des Jahres in Kraft tretende neue …

Konkurrierende Wege zum Paradies

In Arthungal, 30 km nördlich von Alappuzha im südindischen Bundesstaat Kerala, ist die unabhängige Fischereigewerkschaft ("Kerala Independent Fishermen's Federation" eine der aktivsten Basisgruppen im Kampf gegen die unkontrollierte Ausbreitung des Tourismus. Vor kurzem hat sie sich dafür eingesetzt, den Dorfbewohnern den Zugang zu ihrer Kirche wieder zu ermöglichen, der ihnen durch eine neu …

Kulturerbe ohne Menschen?

Die ersten Häuser rund um den Basar sind abgerissen worden. Es gibt Gerüchte, dem gesamten Ort drohe das gleiche Schicksal. In Hampi, dem kleinen Ort im Norden des indischen Bundesstaates Karnataka, unweit von Goa, leben seit drei Generationen Familien, die eine größtenteils sehr einfache touristische Infrastruktur anbieten. Müssen sie weichen, dürfte dies einen Aufschwung für den Nachbarort …

EAPPI-Faltblatt zu Reisen nach Israel und Palästina

Israel-Palästina ist ein beliebtes Reiseziel, insbesondere auch für Reisende aus dem kirchlichen Umfeld. Meist beschränken sich Reiseangebote jedoch auf israelisches Gebiet, mit kurzen Abstechern nach Bethlehem und ans Tote Meer. Das deutsche Netzwerk des ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Israel (EAPPI) hat ein Faltblatt mit einer Auswahl an alternativen Reiseangeboten …

Malediven: Ferienparadies im Aufruhr

Anfang Februar wurde der maledivische Präsident Mohamed Nasheed unter vorgehaltener Waffe zum Rücktritt gezwungen. Damit endete der politische Frühling der Malediven, der 2008 nach dreissig Jahren leidvoller Diktatur mit der demokratischen Wahl Nasheeds begonnen hatte. Vizepräsident Waheed soll die Staatsgeschäfte leiten, bis Wahlen stattfinden, die für 2013 vorgesehen sind. Die "Aufrechterhaltung …

Goldgräberstimmung in Burma

Reiseveranstalter und Investoren sind in Goldgräberstimmung. Sie wollen den Tourismus in Burma ausbauen. Doch die Demokratie im Land sei noch nicht gesichert, warnt Thawm Hlei Mang, der vor 17 Jahren als burmesischer Flüchtling nach Basel kam. Noch immer säßen mehrere hundert politische Gefangene hinter Gittern, die Konflikte mit den ethnischen Minderheiten seien noch nicht gelöst, die Zensur noch …

Gütesiegel im Überblick

Im Tourismus gibt es mittlerweile mehr als hundert Gütesiegel. Die kleinen Kleber mit grünen Blättern, leuchtenden Sonnen oder blauen Fahnen prangen an Hoteleingängen, in Reisebüros oder am Tor zum Campingplatz. Anbieter, Strände, Naturschutzgebiete, ja ganze Regionen werden nach unterschiedlichsten Gesichtspunkten ausgezeichnet. Allerdings führt diese Vielfalt an Gütesiegeln auch oft zu …

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