Nr. 55 Voluntourismus (06/2009)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
Tourismus ist mehr als Produkte entwickeln und verkaufen. So banal und selbstverständlich der Gedanke auch sein mag, ab und an muss er dennoch wieder in Erinnerung gerufen werden.

In dieser Ausgabe tun wir dies mit einem vertiefenden Blick auf Volunteer-Tourismus: auf das Reisen im sozialen Interesse, wie man es vielleicht mangels besser geeigneter Begrifflichkeiten im Deutschen nennen könnte -  eine Form des Reisens, die Sinn und Triebkraft darin findet, Menschen am Zielort zu helfen, sie zu unterstützen und Natur und Umwelt zu schützen. Reisende sind dabei als bewusst Lernende unterwegs. Friedensdienste, Work- und Baucamp-Organisationen haben mit ähnlichen Pro­grammen eine lange Tradition. Noch relativ jung ist das von der Bundesregierung geförderte "weltwärts"-Programm. Als touristisches Segment und Geschäftsmodell steckt diese Form des Tourismus noch in den Anfängen.

Dass Tourismus Einkommensmöglichkeiten schafft, lokale Wertschöpfung ermöglicht und zur Bekämpfung der Armut beitragen kann, ist ebenfalls unbestritten - so er auf entsprechend gestaltete, tragfähige ökonomische Strukturen in den Zielgebieten trifft oder wo solche entstehen.

Unter dem Dach der Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen hatte sich auch die Welttourismusorganisation der "Armutsbekämpfung durch Tourismus" angenommen. Im Jahr 2002 hat sie dazu die ST-EP Initiative (Sustainable Tourism - Eliminating Poverty) ins Leben gerufen und sie als Stiftung mit Sitz in Korea etabliert. Seit der Gründung von ST-EP haben wir im TourismWatch die Initiative immer wieder kritisch kommentiert und auf strukturelle und konzeptionelle Defizite hingewiesen. Wir haben dies auch vor dem Hintergrund eigener Recherchen in Äthiopien (s. TW 45)  und Kolumbien (s. TW 50) getan und davor gewarnt, Mittel der deutschen Entwicklungs­zusammenarbeit in diesen "Weltenbummler im Heißluftballon" einzubringen.

Dass Taleb Rifai, der neue Generalsekretär der Welttourismusorganisation (UNWTO), jetzt erhebliche Unklarheiten und strukturelle Schwachstellen hinsichtlich Zuständig­keiten, Steuerung und Kompetenzen zwischen der UNWTO und der ST-EP-Foundation einräumte, verstehen wir als Zeichen einer neuen Offenheit der Welttourismus­organisation. Wir dürfen gespannt sein, welche Ergebnisse die anstehende Evaluierung konkreter ST-EP-Projekte erbringt.

Doch zunächst wünschen wir eine anregende Lektüre, einen schönen Sommer und erholsame Urlaubstage.

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Heinz Fuchs                                                Christina Kamp

 

Volunteer-Tourismus: Risiken und Chancen

Immer mehr Jugendliche, junge Erwachsene und Rentner entdecken Volunteer-Tourismus als Art des Verreisens. Die Reisenden sind in der Regel auf der Suche nach einer Urlaubserfahrung, die sich nicht nur positiv auf die persönliche Entwicklung aus­wirkt, sondern gleichermaßen einen Nutzen für die soziale, ökologische oder ökonomi­sche Umgebung im Urlaubsland bringt. Aufgrund der verschiedenen …

Mehr als Planschen an der Oberfläche

Schon auf dem Weg zur Schule begegnen Regine die ersten Kinder, mit denen sie arbeitet. "Hoy vamos a hacer otra vez clase de inglés?" Immer mehr Kinder schließen sich der Gruppe an und immer wieder stellen sie die gleiche Frage: "Lernen wir heute wieder Englisch?" Bei denen, die die junge Deutsche auf einen anderen Tag vertrösten muss, ist die Enttäuschung groß. "Viele Kinder sind im Unterricht …

Lernen und helfen mit "weltwärts"

Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst "weltwärts" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ermöglicht jungen Menschen, sich für sechs bis 24 Monate ehrenamtlich in Entwicklungsländern zu engagieren. Rund 200 Organisationen in Deutschland sind als Entsendeorganisationen anerkannt. Sie vermitteln die Freiwilligen an ihre Partnerorganisationen in Afrika, …

Als Freiwilliger für den Frieden

In Jayyous im Nordwesten des von Israel besetzten Westjordanlandes leben die meisten Einwohner von der Landwirtschaft. 75 Prozent der Agrarflächen liegen jedoch auf der anderen Seite der Sperranlage - einem elektrisch gesicherten Zaun mit Fahrwegen beiderseits für das israelische Militär. Die palästinensischen Bauern, die von der israelischen Militärbehörde eine Genehmigung erhalten haben, können …

Zwischen Tradition und Globalisierung

"Mit dem Tourismus haben wir seit 1492 zu tun, als unser erster Tourist, Christoph Kolumbus, bei uns auftauchte und nach dem Weg fragte." Brian Zepeda vom Volk der Seminolen aus Florida erntete mit dieser "anderen" Sicht auf die Geschichte zunächst einmal einen Lacherfolg. Doch auf dem "Indigenous Day" auf der ITB 2009 im März in Berlin wurde auch deutlich, dass für indigene Bevölkerungsgruppen in …

Ölpest im Regenwald

Fünf Jahre nach Fertigstellung der umstrittenen ecuadorianischen Schwerölpipeline "Oleoducto de Crudos Pesados" (OCP) kam es Ende Februar 2009 zu einer ersten Umweltkatastrophe. Durch ein Leck in der Pipeline liefen nach offiziellen Angaben mehr als 14.000 Barrel (ca. 2,2 Millionen Liter) Schweröl aus und verseuchten den Río Santa Rosa, etwa 100 km östlich der Hauptstadt Quito. Der Fluss fließt in …

Von der Wirtschaftskrise zur “Green Economy“?

Nach Schätzungen der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) wird der internationale Tourismus 2009 um zwei bis drei Prozent zurückgehen. Positivere Aussichten gibt es nach den UNWTO-Zahlen nur für Afrika und Mittel- und Südamerika. Besonders von den Einbrüchen betroffen sind Teile Europas, Nord­ostasien, Südasien und der Nahe Osten. Einige Zielgebiete haben mit Steuersenkungen …

Taleb Rifai als neuer UNWTO-Generalsekretär nominiert

Der Vorstand der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) hat sich für den Jordanier Taleb Rifai als zukünftigen Generalsekretär entschieden. Wird seine Nominierung auf der Generalversammlung Anfang Oktober bestätigt, beginnt Rifais Amtszeit im Januar 2010. Seit 2006 war Rifai bereits stellvertretender Generalsekretär und ist nach dem vorzeitigen Ausscheiden von Francesco Frangialli seit Anfang März dieses Jahres Interims-Generalsekretär der UNWTO.

CSR-Qualitätssiegel für 15 Reiseveranstalter

Die ersten 15 Mitglieder des Veranstalterverbandes "Forum anders reisen" wurden auf der Internationalen Tourismusbörse 2009 im März in Berlin mit dem Zertifikat "CSR-Certified" ausgezeichnet. In einem feierlichen Akt überreichte der stellvertretende Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung und ehemalige Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer, die Zertifikate und würdigte den Einsatz der Reiseveranstalter für gesellschaftliche Unternehmensverantwortung ("Corporate Social Responsibility" - CSR).

Neue Institutionen zur Nachhaltigkeitszertifizierung

Zur Zertifizierung der Nachhaltigkeitsberichte von Reiseveranstaltern wurde die CSR-Zertifizierungsstelle "TourCert" gegründet. Die Gesellschaft besteht aus der Kontakt­stelle für Umwelt und Entwicklung (KATE-Stuttgart), dem Evangelischen Entwicklungs­dienst (EED), Naturfreunde Internationale und der Fachhochschule Eberswalde. Die Geschäftsführung liegt bei KATE. "TourCert" ist eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), mit der gemeinnützigen Zielsetzung, die CSR-Zertifizierungen unter der Leitung des CSR-Zertifizierungsrats durchzuführen.

“TO DO! 2008“ für Projekte aus Brasilien, Peru und der Schweiz

Drei Tourismusinitiativen aus Brasilien, Peru und der Schweiz wurden auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin mit dem "TO DO! 2008" ausgezeichnet. Der renommierte Preis für sozialverantwortlichen Tourismus ging an das regionale Netzwerk "Rede Tucum" im brasilianischen Bundesstaat Ceará, das aus Abwehrkämpfen der Küstenbewohner gegen Bau- und Bodenspekulanten hervor …

“Toura D'Or“-Filmwettbewerb 2008

Zwei Informations- und Dokumentationsfilme wurden auf der diesjährigen Internationa­len Tourismusbörse (ITB) mit dem "Toura D'Or" Filmpreis Zukunftsfähiger Tourismus ausgezeichnet. Die Arte-Produktion "Chile - Die Stimmen der Wüste" beschreibt, wie die indigene Bevölkerung Besucher zur schonenden und nachhaltigen Erkundung der trockensten Wüste der Erde anleitet. Einheimische gewähren Einblicke in …

Kampagne gegen große Tourismusanlagen

Land und natürliche Ressourcen sind kollektive Güter und müssen geschützt und zum Nutzen der einheimischen Bevölkerung klug genutzt werden, insbesondere in unsicheren Krisenzeiten. Deshalb sei es an der Zeit, ein "Ende des globalen Mega-Resort- und Immobilienbooms" zu fordern, meinen "Equations" (Indien) und das "Tourism investigation & monitoring team" (Thailand). "Die Umnutzung von Land für …

Israel, Pilgertourismus und Palästina

Anlässlich der weltweiten Aktionswoche für Frieden in Palästina und Israel vom 4. bis 10. Juni 2009 hat die "Ecumenical Coalition on Tourism" (ECOT) Pilger und Reiseveranstalter, die Pilgerreisen organisieren, dazu aufgerufen, ihre Reisen nicht vom Lebensumfeld und der Situation des palästinensischen Volkes isoliert zu betrachten. Das Heilige Land zieht Pilger aus aller Welt an. Viele Stätten in …

Gewinnspiel “Islam verstehen“

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung hat ein Online-Gewinnspiel "Islam verstehen" ins Netz gestellt. Damit kann man schon vor den Sommerferien sein Wissen über den Islam testen und wertvolle Reisepreise gewinnen. Insgesamt sind 16 Fragen zu beantworten, die - so meint der Studienkreis - "selbst für kenntnisreiche Leserinnen und Leser noch Herausforderungen bereithalten". Das Gewinnspiel läuft bis zum 31. Juli 2009.

Broschüre “Internationale Freiwilligendienste“ neu aufgelegt

Die im März 2009 neu aufgelegte Broschüre "Internationale Freiwilligendienste" des Arbeitskreises Lernen und Helfen in Übersee (AKLHÜ) bietet eine Übersicht über die von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen angebotenen internationalen Programme. Sie enthält Angaben zu den Voraussetzungen, den Leistungen sowie der Vorbereitung und Begleitung der einzelnen Freiwilligenprogramme.

Arbeitshilfen zur Studie “Zukunftsfähiges Deutschland”

Zur Ergänzung der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt" haben der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) und "Brot für die Welt" eine Arbeitsmappe für die Gemeindearbeit erstellt. Sie bietet eine Grundlage, wichtige Themen der Studie in Gruppen zu erarbeiten. Einzelne Sachgebiete können in Gesprächskreisen behandelt werden. Durch die Kombination mehrerer Themen kann auch …

“MDG Tool-Kit“: Engagement beginnt zuhause

"Die Kampagne bist Du!", fordert eine DVD zu den UN-Millenniumsentwicklungszielen (MDGs) Jugendliche und junge Erwachsene auf, sich für die Armutsbekämpfung zu engagieren. Der "MDG Tool-Kit" ist als Material- und Methodenbox konzipiert, mit einem Fundus an Hintergrundinformationen und praktischen Anleitungen. So gibt es Beschreibungen, wie man eine Veranstaltung organisiert oder eine Radiosendung oder ein Podcast produziert. Die DVD entstand aus einer Kooperation der UN-Millenniums­kampagne in Zusammenarbeit mit dem Verein KOSA und dem Welthaus Bielefeld.

Tourismus-Konferenz zu Klimawandel

Der Tourismus ist sowohl ein Opfer des Klimawandels als auch einer der "Täter". Um Maßnahmen zu identifizieren, durch die die Tourismuswirtschaft weiter die Nachfrage der Touristen bedienen kann, dabei aber einen deutlich kleineren "CO2-Fußabdruck" verursacht, organisiert die britische Universität Brighton das internationale Symposium "Travel & Tourism in the Age of Climate Change". Die Konferenz findet vom 8. bis 10. Juli 2009 im südenglischen Eastbourne statt.

Welttourismustag 2009: ”Celebrating Diversity“

Zum diesjährigen Welttourismustag am 27. September soll es um das Thema "Vielfalt" gehen - "um den kulturellen Reichtum dieser Welt und die wichtige Rolle eines nach­haltigen Tourismus für die Wiederbelebung lokaler Traditionen", heißt es in der Ankün­digung der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO). Der westafrikanische Staat Ghana wird als diesjähriger Gastgeber die offiziellen Veranstaltungen zum Welttourismustag ausrichten.

Israel, Pilgertourismus und Palästina

Im Interesse der "Gerechtigkeit für alle" ruft die Ecumenical Coalition on Tourism (ECOT) Pilger sowie Reiseveranstalter als Organisatoren von Pilgerreisen dazu auf, diese Reisen nicht von den Lebenszusammenhängen - der Situation der palästinensischen Bevölkerung - abzukoppeln. ECOT bittet Pilger eindringlich, bei der Planung von Besuchen im Heiligen Land die folgenden Fragen und Anliegen …

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