Nr. 51 Widerstand gegen Tourismuspolitik (06/2008)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

Kompensieren ist 'in'. Zumindest theoretisch. Wer Umweltsünden begeht, z.B. zu viele CO2 in die Luft bläst, soll dafür zahlen, damit an anderer Stelle durch Maßnahmen zur Emissionsreduzierung „Dreck vom Himmel' geholt wird. Im Flugverkehr gibt es dafür Mechanismen, wie die Beiträge zur klimafreundlicheren Gestaltung des Tourismus in dieser Ausgabe zeigen – wenngleich es an Akzeptanz und einheitlichen Standards noch hapert.

Es trägt zur Kundenverwirrung bei und fördert nicht die Glaubwürdigkeit, wenn einige Kompensationsmodelle nur die halbe Wahrheit (oder noch weniger) sagen und auf diesem Weg Klimaschutz und gutes Gewissen zum Schnäppchenpreis angeboten werden. Dennoch sind auch hier zaghafte erste Schritte immer noch besser als Stillstand. In Großbritannien gehen die Ideen schon einen Schritt weiter: Auch wenn man sich ein Mittag- oder Abendessen gönnt, dessen Zutaten übermäßig lange Wege hinter sich haben, sollten 'Ablasszahlungen' fällig werden. Keine lebensfreundliche Vorstellung, bald jeden Atemzug kompensieren zu müssen, durch den mehr als durchschnittlich viel CO2 emittiert wird. So extrem wird es wohl nicht kommen, doch zeigen die Überlegungen, dass Preise eben selten die ökologische Wahrheit sprechen.

Selbst wenn es in Zukunft immer mehr Möglichkeiten geben sollte, sich 'freizukaufen' – Kompensation ist allenfalls die zweitbeste Möglichkeit. Deshalb mahnen Partner im Süden zu Recht vor allem Veränderungen in unserem Lebensstil an: wie wir leben, wie wir arbeiten, wie wir Urlaub machen. Es liegt in unserer Verantwortung! Nicht nur im gesunden Eigeninteresse, sondern auch aus Solidarität und Mitmenschlichkeit für die Schöpfung und den bewohnten Erdkreis..

Neben anderen interessanten Beiträgen vermitteln insbesondere die Konferenzberichte aus Indien, Peru und Brasilien einen Eindruck davon, wie sich überall auf der Welt Menschen organisieren, sich nicht-nachhaltiger Tourismuspolitik widersetzen, ihre Rechte einfordern und selbst als Träger und Akteure einer selbstbestimmten touristischen Entwicklung auftreten.

Wir freuen uns, dass seit kurzem Antje Monshausen, Diplom-Geografin, die EED Arbeitsstelle Tourism Watch und Unternehmensverantwortung verstärkt. Ihren „Einstand' gibt sie sozusagen inhaltlich und administrativ mit dieser Ausgabe des Informationsdienstes und wir freuen uns auf gute und erfolgreiche Zusammenarbeit.

Ihnen wünschen wir eine anregende Lektüre. Kostenfreier Nachdruck gegen zwei Belegexemplare ist nach wie vor ausdrücklich erwünscht. Wie immer sind wir auf hilfreich-kritische Rückmeldungen gespannt und wünschen Ihnen und Euch eine schöne Sommerzeit. So Sie reisen, tun Sie es weiterhin fair und mit Herz und Verstand und kommen Sie gesund wieder zurück.

Heinz Fuchs                                            Christina Kamp

 

Tourismuspolitik, Kulturerbe und Gemeinschaften: Peru mobilisiert

Während die nationale und internationale Presse die gute Organisation des EU-Latein­amerika-Gipfels Mitte Mai in Lima lobt und die peruanische Regierung sich als Gast­geber in ihrem Erfolg sonnt, erlässt sie gleichzeitig Gesetze, um Investoren den Zugang zu Land und Ressourcen zu erleichtern. Dabei werden die Interessen der lokalen Bevölkerung missachtet und das kulturelle Erbe gefährdet. In …

Proteste gegen internationale Tourismuskonferenz in Kerala (Indien): Verantwortlich oder unverantwortlich?

'Wem gegenüber ist die Regierung verantwortlich? Und wessen Interessen schützt sie eigentlich?” fragten Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen auf einer öffentli­chen Gegenveranstaltung zur internationalen Konferenz 'Verantwortlicher Tourismus in Zielgebieten' im März 2008 in Kochi, Kerala/Indien ( vgl. TW 50, März 2008 ). Mit der Gegenveranstaltung unter dem Titel 'Unverantwortlicher Tourismus' und einer Demonstration vor dem offiziellen Tagungsort

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Der Tourismus wird in Bolivien als Entwicklungsoption besonders für indigene Gemeinschaften im ländlichen Raum verstanden. Viel zu oft werden aber allein die ländlichen Gemeinschaften finanziell gefördert. Das touristische Umfeld, in dem sich diese Gemeinschaften dann bewegen sollen, bleibt unbeachtet. Bolivien ist ein wenig erschlossener touristischer Standort. Es fehlt an Werbung für das Land …

II. Internationale Konferenz zu Nachhaltigem Tourismus in Brasilien: 'Community-based Tourism' als politisch-soziale Bewegung

Fünf Jahre ist es her, dass in Brasilien das 'I. Internationale Seminar zu Nachhaltigem Tourismus' den Anstoß zu einem Paradigmenwechsel gab und zum Aufbau eines neuen Tourismusmodells aufforderte ( vgl. TW 31, Juni 2003, Anhang ). Lokale Gemein­schaften sollten stärker als bisher selbst Träger touristischer Entwicklungen werden. Vom 12. bis 15. Mai 2008 hatte nun das 'Instituto Terramar' zum …

Selbstbewusst an die Zukunft glauben - Drei Fragen an René Schärer, Gründer des Instituto Terramar, Brasilien

Mitte Mai 2008 trafen sich in Fortaleza, im Bundesstaat Ceará im Nordosten Brasiliens, Mitglieder lokaler Gemeinschaften, Nichtregierungsorganisationen, Reiseveranstalter, Naturschutzorganisationen und Regierungen aus verschiedenen Teilen Brasiliens und aus Lateinamerika und Europa zur II. Internationalen Konferenz zu Nachhaltigem Tourismus (ICST). Im Mittelpunkt stand das Konzept des 'turismo …

Kulturtourismus in Botswana

Der Tourismus in Botswana ist abhängig von der natürlichen Tier- und Pflanzenwelt, insbesondere im Okavango-Delta und der Chobe-Region im Nordwesten des Landes. Deshalb verstehen Reiseveranstalter und Regierungen unter Umwelt streng genom­men nur die Tier- und Pflanzenwelt. Die über Generationen weitergegebenen Wech­selwirkungen zwischen Mensch und Umwelt und die an die Naturlandschaften gebun …

ITB-Nachlese 2008: Auf dem Weg zu einer klimafreundlicheren ITB

Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) 2008 versuchte die Messe Berlin ein Zeichen in Richtung Klimaschutz zu setzen und die ITB zum ersten Mal klimafreund­licher zu gestalten. Die Messeleitung bot den Besuchern die Möglichkeit, auf dem Messegelände am Stand von Atmosfair Kompensationszahlungen zu leisten, sofern sie mit dem Flugzeug angereist waren. Diese Möglichkeit Klimagasemissionen zu …

Handlungsoptionen für klimabewusstes Reisen: Zwischen Verzicht und Verdrängung

Wie klimabewusstes Reisen praktisch funktioniert und die ökologischen Folgen von Reisen reduziert werden können, beleuchteten Experten auf einer Veranstaltung "Klimabewusst Reisen – Handlungsoptionen zwischen 'business as usual' und Urlaub auf Balkonien" auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) im März in Berlin. Auf Einladung der Fachhochschule Eberswalde zusammen mit EED-Tourism Watch, der …

'Forum anders reisen' beschließt einheitliche Nachhaltigkeitsberichte

Verpflichtend für alle Mitglieder hat der Reiseveranstalterverband 'Forum anders reisen' im Mai 2008 ein einheitliches Berichtswesen zur Nachhaltigkeitsbericht­erstattung beschlossen. Bis zum Jahr 2010 soll das so genannte CSR-Berichtswesen für die rund 140 Reiseveranstalter des Verbands Pflicht werden. CSR (Corporate Social Responsibility) bezeichnet eine gesellschaftlich verantwortungsvolle …

TO DO!-Preise für sozialverantwortlichen Tourismus

Der 'TO DO! 2007' wurde im Rahmen der Internationalen Tourismusbörse im März 2008 in Berlin an Projekte aus Mexiko, Südafrika und Australien verliehen. Zu den Gewinnern zählen die 'Haciendas del Mundo Maya' aus den mexikanischen Bundes­staaten Campeche und Yucatán. Dort hat sich die in Familienbesitz befindliche Unternehmensgruppe 'Grupo Plan' engagiert, um mit ihren Investitionen zur wirt …

TO DO! und TOURA D´OR 2008 ausgeschrieben

Der 'Studienkreis für Tourismus und Entwicklung' hat die beiden Preise 'TO DO!' und 'TOURA D´OR' erneut ausgeschrieben. Für den TO DO! 2008 für sozialverantwort­lichen Tourismus können sich Unternehmen und Einrichtungen bewerben, die touristisch aktiv sind. Anmeldeschluss ist der 31. August 2008. Teilnahmebedingungen und Anmeldeformulare gibt es im Internet unter www.to-do-contest.org . Der …

'Selling or Telling?” Tourismuskonferenz in Brighton

Um den Verkauf und die Vermittlung von kulturellem Erbe durch den Tourismus geht es auf dem internationalen Symposium 'Selling or Telling? Paradoxes in Tourism, Culture and Heritage', das vom 2. bis 4. Juli 2008 im südenglischen Brighton stattfinden wird. Dabei sollen Konfliktfelder analysiert werden, die rein kommerzieller Natur sein können, aber auch Fragen der visuellen, politischen und …

Von Machu Picchu bis Uluru

Von Machu Picchu in den Bergen von Peru über Maasai Mara in Kenia bis hin zum Uluru (Ayers Rock) in Australien kommerzialisiert die Tourismuswirtschaft indigene Kulturen, um damit ihr Geschäft zu machen. In ihrem Buch 'Is the Sacred for Sale? Tourism and Indigenous Peoples' zeigt Alison Johnston, wie die Rechte indigener Völker auf ihr angestammtes Land und ihre Selbstbestimmung untergraben werden …

ECOT-Jubiläumspublikation erschienen

Die Jubiläumspublikation zum Anlass des 25-jährigen Bestehens der Ecumenical Coalition on Tourism (ECOT) ist erschienen und kann als Buch oder als e-book (PDF-Datei) bestellt werden. Im TourismWatch Nr. 50 vom März 2008 wurde das Buch bereits ausführlich vorgestellt und einzelne Beiträge in gekürzter Form und deutscher Übersetzung nachgedruckt. 'Transforming Tourism/Re-forming Tourism', Hg. …

Geschichten über den Umgang mit dem nassen Element

In der Filmdokumentation "Über Wasser" erzählt Udo Maurer aus drei Teilen der Erde von der Bedeutung des Wassers für die Menschheit: Von den Fluten und Über­schwemmungen im Mündungsgebiet des Brahmaputra in Bangladesch über die ehemals florierende Fischerei- und Hafenstadt Aralsk am Aralsee, die heute verloren in der trockenen kasachischen Steppe liegt, bis zum täglichen Kampf um ein paar Kanister …

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