Zwischen Tradition und Globalisierung

“Indigenous Day” auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB)

Christina Kamp

"Mit dem Tourismus haben wir seit 1492 zu tun, als unser erster Tourist, Christoph Kolumbus, bei uns auftauchte und nach dem Weg fragte." Brian Zepeda vom Volk der Seminolen aus Florida erntete mit dieser "anderen" Sicht auf die Geschichte zunächst einmal einen Lacherfolg. Doch auf dem "Indigenous Day" auf der ITB 2009 im März in Berlin wurde auch deutlich, dass für indigene Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Teilen der Welt die Vermittlung und Verteidigung ihrer Sicht der Dinge eine ernste und zuweilen schwierige Angelegenheit ist.

Als Vorstandsmitglied der "American Indian Alaska Native Tourism Association" (AIANTA) berichtete Zepeda von dieser Gratwanderung. Ab den 1920er Jahren seien immer mehr Besucher gekommen, so dass die Seminolen relativ früh erkannten, dass sie den Tourismus steuern müssen. "Um die Leute von unserem heiligen Land fernzuhalten, bauten wir Dörfer nahe der Straße, um sie dort unterzubringen." Da es nur eine Zufahrtsstraße gab, sei dieses Konzept aufgegangen. Auch ein Zaun, der um das Reservat führt, half den Seminolen, Grenzen zu setzen - physische, aber auch kulturelle. "Einige Bereiche unserer Kultur teilen wir mit anderen, aber nicht alles. Tag für Tag entscheiden wir, was wir teilen und was wir besser für uns behalten." Inzwischen ist das Einkommen nicht mehr die größte Sorge der Seminolen, sondern der Erhalt ihrer Kultur. "Manchmal wissen wir auf Fragen auch die Antworten, doch es ist uns einfach nicht erlaubt, dieses Wissen preiszugeben. Wir singen und wir tanzen - doch nicht die wirklich religiösen Lieder und Tänze. Die Leute denken, sie haben uns singen und tanzen gesehen. Das haben sie - und auch wieder nicht."

Um Kultur mit anderen zu teilen und sie doch gleichzeitig in ihrer Authentizität zu schützen, gebe es Methoden, so Zepeda. In einem Netzwerk von "First Nations" - wie sich die Indianervölker Nordamerikas selbst bezeichnen - lernen sie voneinander. Auch Kevin Eshkawkogan vom Stamm der Ojibwe in der kanadischen Provinz Ontario hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Es gab ein wenig Ausbeutung durch Leute aus der Tourismuswirtschaft. Reiseleiter von auswärts gaben unser Wissen weiter." 1998 hatten sie genug davon. "Wenn irgendjemand eine Geschichte über uns erzählen sollte, dann doch wir selber", meint Eshkawkogan. So entstand der "Great Spirit Circle Trail", dessen Manager er heute ist. Acht "First Nations"-Gemeinschaften im Norden Ontarios schlossen sich zu einer Marketing-Initiative zusammen. Doch um Massentourismus gehe es dabei nicht. "Im Laufe der Zeit haben wir unser Produkt entwickelt, von dem alle Beteiligten lernen können", so Eshkawkogan. Studenten aus den indianischen Gemeinschaften kämen, um mit ihnen zu arbeiten, ihre Geschichte zu erforschen, ihre Kultur wiederzubeleben und den Leuten etwas beizubringen. "Die Menschen, die Träger der Lehren und Zeremonien sind, haben die Verantwortung, diese weiterzugeben", meint Eshkawkogan. "Doch wir bieten keine Zeremonien gegen Geld an. Wir sind bereit, einen Teil unseres Wissens zu teilen, aber wir versehen es nicht mit einem Preisschild."

Bali bleibt Bali

Auch auf der indonesischen Insel Bali schützt die indigene Bevölkerung ihre heiligen Stätten vor dem Tourismus. "In Gebieten, die als heilige Zonen ausgewiesen sind, sind Hotels und andere touristische Einrichtungen nicht erlaubt", erzählt I Gde Pitana, Professor an der Universität von Udayana und Direktor für internationales Marketing im indonesischen Kultur- und Tourismusministerium.

Die balinesische Kultur basiert auf dem Gleichgewicht der verschiedenen Aspekte des Lebens: Gott, Mensch und Natur. Daher muss jede Entwicklung die Umwelt, die gesellschaftlichen Beziehungen und die religiösen Werte der Insel berücksichtigen. Extreme sind dabei zu vermeiden. Im Einklang mit der Natur zu bauen heißt zum Beispiel, dass Gebäude nicht mehr als 15 Meter bzw. drei Stockwerke hoch sein dürfen. Auch dürfen nur 60 Prozent der Landfläche bebaut werden. Um religiöse Symbole und Praktiken zu erhalten, dürfen Touristen zwar zuschauen, aber nicht stören. "Bei uns gibt es das Gleichgewicht des Lebens. In der nachhaltigen Entwicklung fehlt die religiöse Dimension, doch die haben wir in Bali", meint Pitana. Was akzeptable Veränderungen religiöser Praktiken anginge, ließen sich Grenzen der Tragfähigkeit allerdings nur sehr schwer messen.

I Gde Pitana ist einerseits pessimistisch, denn er beobachtet in Bali einen Werteverfall - nicht so sehr aufgrund des Tourismus, sondern vor allem durch den Einfluss der Massenmedien. Andererseits gebe es aber auch eine Renaissance einiger Aspekte der balinesischen Kultur, auf die die Menschen zunehmend stolz seien. So bauten sie ihre Häuser heute gerne wieder im traditionellen Stil. Bei Zusammenkünften gebe es eine neue Tendenz, Hochbalinesisch zu sprechen, die respektvollste der drei balinesischen Sprachebenen. Somit gibt es neben der Globalisierung - oder als eine Antwort darauf - auch einen Prozess der "Indigenisierung" und "Traditionalisierung".

(5.109 Anschläge, 67 Zeilen, Juni 2009)

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