Wirtschaftswachstum inklusive?

Auswirkungen von all-inclusive-Tourismus

Adina Pannicke

Es ist eine clevere Urlaubsform, die dem Reisenden einen unbeschwerten und kostengünstigen Urlaub ermöglichen soll und den Reiseunternehmen große Profite beschert: der all-inclusive-Tourismus. Der Kunde erwirbt ein umfangreiches Leistungspaket, das über die Vollpension hinaus in der Regel weitere Services einschließt. Mittlerweile ist diese Urlaubsform weltweit zu finden.

Insbesondere Entwicklungsländer stehen unter großem Druck, im internationalen Wettbewerb standzuhalten. Die wichtigsten all-inclusive-Regionen sind Nordafrika (vor allem Ägypten und Tunesien), die Türkei und die Karibik. In nahezu jedem Hotel der großen Veranstalter kann in diesen Regionen all-inclusive gebucht werden. Hinzu kommt, dass es sich meist um reine all-inclusive-Anlagen handelt, sodass Reisende, die eine andere Urlaubsart bevorzugen, einer äußerst bescheidenen Hotelauswahl gegenüberstehen. Das große all-inclusive-Angebot bedient eine ebenso große Nachfrage, für die weiteres Wachstum prognostiziert wird. Das Image dieser Urlaubsform hat sich deutlich verbessert. Immer mehr Deutsche schätzen vor allem die Kostensicherheit und den Komfort, sich im Urlaub um nichts kümmern zu müssen.

Die Kehrseite des Erfolgs

Jedoch steht der all-inclusive-Tourismus in der Kritik, weil die Urlaubsregionen wenig davon profitieren. Zwar zieht all-inclusive-Tourismus eine große Anzahl Urlauber an und kann grundsätzlich durchaus Deviseneinnahmen bringen und Arbeitsplätze schaffen. Auch kann er wirtschaftliche Betätigung in wenig erschlossene Regionen bringen und sie infrastrukturell aufwerten und bekannter machen.

Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Charakteristika von all-inclusive-Tourismus eine Teilhabe der Zielregionen an den touristischen Profiten begrenzen. Der Gast findet alle Mahlzeiten und ein großes Sortiment an Sport- und Unterhaltungsprogrammen innerhalb der Hotelanlage vor und hat keinen Grund mehr, das Hotel zu verlassen. Die Konkurrenz aus der Umgebung wird auf diese Weise ausgeschaltet. Andere Betriebe, wie Restaurants, Shops und sonstige Anbieter vor Ort verdienen an den Besuchern entsprechend wenig. Zieht man von dem Geld, das in einer Urlaubsregion eingenommen wird, noch die immensen Ausgaben ab, die gerade Entwicklungsländer aufbringen müssen, um die benötigte touristische Infrastruktur überhaupt gewährleisten zu können, verbleibt in der Region letztendlich nur ein geringer Teil. Je nach zugrunde gelegter Studie sind es mancherorts nur zehn bis 15 Prozent des Reisepreises.

Doch dürfen nicht alle Missstände, die mit großen internationalen Reisekonzernen in Verbindung gebracht werden, dem Konzept all-inclusive zugeschrieben werden. Schlechte Arbeitsbedingungen des Personals oder hohe Importquoten und damit eine geringe Verflechtung mit der lokalen Wirtschaft sind Probleme, die vielerorts mit dem Massentourismus einhergehen, ob all-inclusive oder nicht. Die Frage, ob all-inclusive-Tourismus tatsächlich per se bedeutet, dass die einheimische Bevölkerung kaum am Tourismusgeschäft beteiligt ist, kann nicht pauschal beantwortet werden. Es existieren nur sehr wenige Feldstudien, in denen die Auswirkungen von all-inclusive-Tourismus vor Ort untersucht wurden. Aufgrund der Vielschichtigkeit der Wirkungen und der Unterschiede zwischen einzelnen Regionen und Hotelanlagen können Einzelergebnisse aus einer untersuchten Region nicht ohne weiteres verallgemeinert werden.

Verbesserungen sind möglich

Angesichts der berechtigten Kritik haben einzelne Anbieter Strategien entwickelt und auch praktisch erprobt, um all-inclusive-Angebote nachhaltiger zu gestalten. Ein positives Beispiel für mehr Partizipation der umliegenden Gastronomiebetriebe ist das Konzept "Dine Around" des schwedischen Reiseveranstalters Solresor. Den Gästen wird vom Hotel eine "Dine Around Card" ausgehändigt. Statt jeden Abend im Hotelrestaurant essen zu müssen, erhalten die Gäste mit dieser Karte Rabatte in den lokalen Restaurants. Dieses System wendet Solresor bereits auf Zypern und Malta an.

Die Hotelkette "Sandals Group" startete mit ihrem "Farmer Programme" den Versuch, die lokale Landwirtschaft zu stärken. Sie kauft vermehrt vor Ort ein und verbessert die Kommunikation zwischen den Lieferanten und den Hotelbetreibern. Häufig geben Hoteliers an, Produkte nicht lokal beziehen zu können, weil sie nicht in ausreichender Menge und Qualität vorhanden seien. Beim "Farmer Programme" besuchen Manager die Bauern und arrangieren mit ihnen Workshops über Qualitätsanforderungen und Marketing. Die Landwirte besuchen auch die Hotels, um zu sehen, wie ihre Erzeugnisse verwendet werden und um dadurch zu verstehen, warum die Anforderungen der Käufer so wichtig sind. Auch die Verbesserung der Zahlungsbedingungen ist Teil des Programms. Hotels werden zwei Wochen vor dem Liefertermin informiert, welche Produkte in welchen Mengen verfügbar sind. Dies gewährleistet eine verbesserte Planungssicherheit für das Hotel, das wiederum frühzeitig die Landwirte informieren kann, welche Produkte benötigt werden.

Die Beispiele zeigen, dass auch innerhalb des all-inclusive-Tourismus Verbesserungen möglich sind. Urlaubsregionen sollten sich also trotz aller Kritik dieser Urlaubsform nicht völlig verschließen. Da eine enorme Nachfrage danach existiert, würden in einem solchen Fall vermutlich viele Touristen fernbleiben. Sinnvoller ist es, die touristischen Aktivitäten einer Region gründlich zu planen und einen gesunden Mix unterschiedlicher Urlaubsformen anzustreben.

Adina Pannicke hat Kulturwirtschaft studiert und sich im Rahmen einer Studie für EED Tourism Watch mit der deutschen Nachfrage nach all-inclusive-Angeboten und mit den ökonomischen Wirkungen von all-inclusive-Tourismus in den Zielregionen beschäftigt.

Weitere Informationen: http://tourism-watch.de/files/ai-studie_adina_pannicke_web.pdf

(5.477 Zeichen, 72 Zeilen, Juni 2012)

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