Korruption im Tourismus

Bedrohung für Umwelt und Entwicklung

Anja Schöne

Längst sind Begriffe wie Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung in der Tourismusbranche angekommen. Auch die Korruptionsbekämpfung muss hier eine stärkere Rolle spielen. Denn Korruption hemmt Entwicklung, auch in wichtigen Reisezielländern. Große Reiseunternehmen nutzen nicht selten Schattenfinanzplätze und werden mit Steuervermeidung oder gar Steuerhinterziehung in Verbindung gebracht.

Die 1993 gegründete Antikorruptionsorganisation Transparency International definiert Korruption als „Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil.“ Korruption hat viele Facetten: Bestechung oder Bestechlichkeit im internationalen Geschäftsverkehr ebenso wie im eigenen Land, die Käuflichkeit in der Politik oder der Versuch, durch Schmiergelder Vorteile zu erlangen. Häufig spricht man bei Korruption von einem unsichtbaren Phänomen. Denn auf den ersten Blick gibt es häufig keine Opfer, sondern nur Täter – meist zwei, den Bestechenden und den Bestochenen. An einer Aufdeckung ihrer Taten haben beide Seiten naturgemäß wenig Interesse. Sie werden also alles daran setzen, ihr Tun zu verschleiern.

Die Gesellschaft als Opfer von Korruption
Doch es gibt sehr wohl Opfer von Korruption. Opfer sind nicht nur einzelne Menschen: Korruption verursacht materielle Schäden und untergräbt zugleich Gerechtigkeit und soziale Teilhabe – die Fundamente gesellschaftlicher Entwicklung. Die Folgen von Korruption sind so vielschichtig wie ihre Gesichter: Die Kriminalität nimmt zu und das Vertrauen in Recht und Gesetz schwindet. Investition und Risikobereitschaft nehmen ab. So wird Chancengleichheit letztendlich ausgehebelt. Die soziale Ungleichheit wächst und Millionen von Menschen bleiben in der Armutsfalle gefangen. Ganze Volkswirtschaften  können  in  eine  wirtschaftliche Abwärtsspirale geraten. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern treten diese Konsequenzen deutlich zu Tage. Zahlreiche dieser Länder sind zugleich beliebte Reiseziele.

Ein Blick in den jährlich von Transparency International veröffentlichten Korruptionswahrnehmungsindex zeigt: Viele bekannte und beliebte Reiseziele finden sich auf den hinteren Plätzen und im unteren Mittelfeld, zum Beispiel Kambodscha (Platz 156 von 176) und Myanmar (Patz 136). Unter den Ländern, die weniger als ein Drittel der erreichbaren 100 Punkte erzielen, befinden sich 2016 beliebte Ziele wie Nepal und Kenia (Platz 130 und 139) oder die Dominikanische Republik (Platz 103). Auch europäische Reiseländer wie Griechenland und Italien (44 und 47 Punkte) erreichen weniger als die Hälfte der möglichen 100 Punkte.

Für Reiseländer ist der Kampf gegen Korruption häufig ein Drahtseilakt, der nicht selten Auswirkungen direkt auf den Tourismus hat. Das zeigen die Erfahrungen mit der Demonetarisierung in Indien. Die Regierung des Landes will Korruption bekämpfen. Dazu hat sie im vergangenen November alle 500- und 1000-Rupienscheine aus dem Verkehr gezogen. Das hat Bargeldengpässe zur Folge, die auch Touristen betreffen. Vor Ort erhalten sie an Geldautomaten nur begrenzte Beträge pro Woche. Größere und finanzkräftigere Hotels, Restaurants und Geschäfte werben mit bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten wie Kreditkarten – zum Nachteil von Kleinanbietern, denen dieser Weg versperrt ist.

Korruptionsbekämpfung mitdenken
Um mehr im Kampf gegen Korruption im Tourismus zu tun, sollte die Verbindung zwischen nachhaltigem Tourismus und Korruptionsbekämpfung gestärkt werden. Gerade beim Thema nachhaltiger Tourismus, der sowohl ökologische Aspekte als auch soziale Gerechtigkeit mit einschließt, sind Reisende in den vergangenen Jahren deutlich sensibler geworden. Die Nachfrage steigt. Auch Reiseunternehmen greifen den Trend auf. Auf der diesjährigen internationalen Reisemesse ITB in Berlin ist soziale Verantwortung im Tourismus ein Fokus thema. Beim CSR Day werden Best Practice-Beispiele und Wirtschaftlichkeitspotenziale eines nachhaltigen Tourismus diskutiert. Hotelkonzerne glänzen mit Berichten zu Energieeffizienz, Wasserund Abfallbewirtschaftung oder über die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten vor Ort. Bezieht man zukünftig Korruptionsbekämpfung in bestehende Konzepte zur Nachhaltigkeit ein, stärkt dies schließlich auch den Umweltschutz und die soziale Gerechtigkeit – zum Beispiel wenn Hotelunternehmen sich keine Genehmigungen mehr erkaufen können, um an ökologisch sensiblen Standorten zu bauen, oder wenn Gelder aus der Entwicklungs- oder Katastrophenhilfe nicht mehr zur Tourismusförderung missbraucht werden können.

Unternehmen und Regierungen in der Pflicht
Aus den Panama Papers kennen wir inzwischen die Namen dutzender Firmen, die sich in Schattenfinanzplätzen tummeln und mit Steuervermeidung oder gar  Steuerhinterziehung in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören Größen der Reisebranche wie Accor Global SA, Marriott oder Shangri-La. Schattenfinanzplätze leisten als Geschäftsmodell häufig Beihilfe zu illegalen und illegitimen Finanztransaktionen – mit deutlichen negativen Folgen für die Reiseländer. Die Auswertungen der Panama Papers zeigen, dass nur etwa ein Fünftel dessen, was ein Tourist für eine Reise mit einem der großen europäischen Anbieter bezahlt, in einem Zielland wie Kenia auch tatsächlich ankommt. Der Großteil der Gelder fließt über Offshore-Banken an die Unternehmen zurück. Hier hilft nur Transparenz. Überall dort, wo die bestehenden Strukturen korruptes Verhalten erleichtern, muss Öffentlichkeit und Überprüfbarkeit hergestellt werden. So sind nicht nur die Rei senden in der Pflicht, sondern auch die Unternehmen und letztlich die Politik. Entscheidend ist eine transparente Berichtspflicht. Das ist eine politische Aufgabe und die Branche steht in der Verantwortung, ihre Angebote entsprechend auszuweisen.

Anja Schöne ist Mitglied bei Transparency International Deutschland e.V. Die Nichtregierungsorganisation arbeitet deutschlandweit an einer effektiven und nachhaltigen Bekämpfung und Eindämmung der Korruption. Quartalsweise erscheint das Magazin Scheinwerfer. Die Ausgabe 74 (März 2017) beschäftigt sich mit nachhaltigem Tourismus und Klimaschutz.

Weitere Informationen: www.transparency.de

(5.790 Zeichen, März 2017, TW 86)

 

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