ITB-Nachlese 2008: Auf dem Weg zu einer klimafreundlicheren ITB

Sabine Minninger

Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) 2008 versuchte die Messe Berlin ein Zeichen in Richtung Klimaschutz zu setzen und die ITB zum ersten Mal klimafreund­licher zu gestalten. Die Messeleitung bot den Besuchern die Möglichkeit, auf dem Messegelände am Stand von Atmosfair Kompensationszahlungen zu leisten, sofern sie mit dem Flugzeug angereist waren. Diese Möglichkeit Klimagasemissionen zu kompensieren wurde von der Messe auch aktiv beworben – nur nutzte sie an den fünf Messetagen der ITB kein einziger Besucher.

Klimafaule Messebesucher

Eine Umfrage der Fachhochschule Eberswalde und der Modul University Wien liefert wissenschaftliche Belege für das Phänomen der 'klimafaulen' Messebesucher. Ein Problembewusstsein sei vorhanden, aber der Handlungswille lasse zu wünschen übrig, so das Ergebnis. Zwar glaubten drei von vier Befragten, dass Tourismus zum Klima­wandel beitrage, doch hätten nur sechs Prozent jemals die Emissionen ihrer eigenen Reisen kompensiert. Die allgemeine Betroffenheit sei weiterhin hoch. So gaben zwei Drittel der befragten Aussteller an, auch persönlich von den Folgen des Klimawandels betroffen zu sein. Doch die Handlungsbereitschaft der Branche sei deutlich geringer ausgeprägt und habe seit der ITB 2007 kaum zugenommen. Angesichts der Intensität, mit der das Thema Klimawandel im vergangenen Jahr in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, ist dies ein ernüchterndes Ergebnis. Allerdings sei das Wissen um den Klima­wandel heute weniger diffus als noch vor einem Jahr. Dementsprechend werde in einigen Fällen zielgerichteter – wenn auch erst sehr zögerlich – im Sinne des Klimaschutzes gehandelt.

Reiseveranstalter bieten Klimaschutzbeiträge an

Bei den großen Reiseveranstaltern dagegen ist das Thema Klimaschutz inzwischen angekommen. Thomas Cook gab die Kooperation mit Atmosfair bekannt und TUI Deutschland die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Anbieter Myclimate. Beide bieten ihren Kunden so genannte Flatrates an, d.h. feste Kompensationsbeiträge, die nicht von der jeweiligen Flugreise abhängen. Bei Thomas Cook liegt diese Pauschale bei vier Euro und kann vom Kunden auf den vollen, flugabhängigen Betrag erhöht werden. Bei der TUI liegt der Pauschalbetrag bei nur zwei Euro, jedoch zahlt die TUI selbst bei Buchung noch 50 Cent zusätzlich an Myclimate. Der Anteil der Mindestpauschalen ist im Vergleich zu den tatsächlich emittierten Treibhausgasen pro Flug niedrig angesetzt.

Laut dem Atmosfair-Emissionsrechner verursacht ein Reisender von Frankfurt nach Mallorca auf einem Hin- und Rückflug 700 kg CO2. 17 Euro wären notwendig um die Klimagase einzusparen. Ein Hin- und Rückflug von Frankfurt in die Dominikanische Republik bringt dagegen schon 5.540 kg CO2 auf die Klimagaswaage und 128 Euro wären notwenig, um den 'Dreck aus dem Himmel zu holen', indem die Gase an anderer Stelle eingespart werden. Durch die Mindestpauschalen werden bei einem solchen Langstreckenflug bei Thomas Cook nur 3,1 Prozent und bei der TUI sogar nur 1,9 Prozent der Klimagase kompensiert. Ein wesentlicher Unterschied aber liegt im Angebotsmodell: 'Opt-in' oder 'Opt-out'. So müssen TUI-Kunden sich bewusst und aktiv entscheiden, den Klimabeitrag zu leisten ('Opt-in'), während bei Thomas Cook der Beitrag automatisch eingerechnet ist, sofern der Kunde nicht widerspricht ('Opt-out'). Erfahrungsgemäß führt die 'Opt-out'-Variante zu einer höheren Kundenbeteiligung.

Damit sich die Veranstalter nicht durch die niedrige Pauschale mit der Botschaft 'Problem gelöst' auf billige Weise freikaufen können, sollen die Kunden zudem erfahren, wie hoch die Klimabelastung durch ihren Flug wirklich ist. Dies geschieht bei Thomas Cook im Buchungsprozess durch folgende Darstellung: Die Mindestpauschale von vier Euro ist bereits vorbelegt. Der Kunde hat aber auch die Möglichkeit, den tatsächlichen Beitrag auszuwählen und zu zahlen, der nötig ist, um seine Emissionen auszugleichen. Auch kann der Kunde entscheiden, gar nichts zu zahlen.

Dass die tatsächliche Klimawirkung angezeigt und im Preis berücksichtigt werden muss, ist für den Geschäftsführer von Atmosfair, Dietrich Brockhagen, unumgänglich. Schließlich handele es sich um eine freiwillige Abgabe und daher müsse der Kunde auch die Wahrheit erfahren. Eine Verharmlosung könne nicht zu einer effizienten Umweltaufklärung beitragen und zu einem verantwortungsvollen Handeln der Kunden führen. Nur dieses Umsteuern im Handeln bringe langfristig etwas für den Schutz des Klimas. Die Kunden sollen sich daher aktiv mit ihrer konkret verursachten Klimabelastung auseinandersetzen.

Dass auch diejenigen, die sich Klimaschutz auf die Fahne geschrieben haben, sich mit konkreten Maßnahmen schwer tun, zeigt die Atmosfair-Buchungsquote beim 'Forum anders reisen'. Obwohl der Verband Gründungsmitglied von Atmosfair ist, zahlen deutlich weniger als zehn Prozent aller Kunden, die eine Flugreise buchen, den Klimaschutzbeitrag.

(4.972 Anschläge,68 Zeilen, Juni 2008)

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