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Faire Bedingungen, gutes Gewissen

Erste zertifizierte Pauschalreise von Deutschland nach Südafrika


Man hätte daran vorbeifahren können. Die Gäste hätten es vielleicht kaum bemerkt. Auf dem Weg durch Hout Bay, unweit von Kapstadt, sieht man von dem Township Imazamo Yethu (Mandela Park) nur eine kleine Ecke. Kleine, ärmliche Hütten, die notdürftig zusammengezimmert wurden, aber doch permanente Wohnstätten sind.

Als Reiseanbieter in Südafrika kann man seinen Gästen ein wunderschönes, landschaftlich einmaliges, reiches Land präsentieren. Man kann es aber auch anders machen. Nicht mit einem Fokus auf die Armut und die Probleme, sondern auf innovative Lösungsansätze, die begeistern. Wie der von Jill Heyes, der quasi über einer Tasse Tee entstand. Inzwischen sind es schon über zehn Jahre, die Jill Heyes mit der kleinen Firma "Original T-Bag designs" Frauen und Männern aus Imazamo Yethu Lohn und Brot verschafft. Und nicht nur das: auch Selbstvertrauen, Stolz und Hoffnung auf eine Zukunft. Aus gebrauchten, leeren Teebeuteln stellen die kreativen Künstlerinnen und Künstler aus dem Township bezauberndes Kunsthandwerk her, das man sonst nirgendwo findet.

Kim Geffen, Organisator und Leiter der ersten "fairen" deutschen Pauschalreise in Südafrika, besuchte mit seiner Gruppe im September 2011 dieses Projekt. Es war ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Kap der guten Hoffnung, einem Muss auf jeder Reise entlang der berühmten Gardenroute. Und es war ein Zwischenstopp, der bei den Gästen Eindruck machte und den sie gerne zum Einkauf von Souvenirs und Geschenken nutzten.

Fair reisen – pauschal

Als erster deutscher Anbieter veranstaltet Studien-Kontakt Reisen (SKR) aus Köln mit "Südafrikas Gardenroute Fair & Fine" eine Reise, die sich an den Standards des fairen Handels orientiert. Südafrika ist bislang das einzige Land, wo so etwas möglich ist. Denn hier zertifiziert die Organisation "Fair Trade in Tourism South Africa" (FTTSA) lokale Anbieter und Angebote im Tourismus nach diesen Kriterien. "Daraus für SKR ein Paket zu schnüren, war eine Herausforderung", erzählt Kim Geffen. "Es gibt eigentlich noch nicht genug zertifizierte Lodges, nicht genug Produkte. Wir können ja nicht 800 km von A nach B fahren und unseren Gästen dazwischen nichts bieten. Und wir können für eine Gruppe mit neun Personen keine Unterkunft buchen, die nur zwei Zimmer hat."

Irgendwie ging es dann doch, zum Teil, indem etwas höherpreisige Unterkünfte angesteuert werden, als eigentlich nötig wäre. "Unsere Lodges sind so schön. Aber wir verbringen leider kaum Zeit dort", bedauert eine Teilnehmerin der Reisegruppe. "Eigentlich bräuchten wir so viel Luxus nicht". Doch nur so gelang es dem Veranstalter, dem Gebot der Fairness gerecht zu werden: "Jede Unterkunft, die wir nutzen, ist von FTTSA zertifiziert". In der 3-Sterne-Kategorie gibt es dagegen bislang kaum Anbieter mit Fair Trade-Siegel. Entweder es sind kleine, von der Gemeinschaft getragene Initiativen und Unternehmen oder es sind 5-Sterne-Anbieter – "und die zahlen einen Mini-Preis, um auf dem Papier ethisch auszusehen", sagt Kim Geffen. Denn ein großer Luxusbetrieb kann sich die Zertifizierung eher leisten, während kleinere und mittlere Unternehmen in niedrigeren Preissegmenten damit zuweilen Probleme haben, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Das gilt zum Beispiel für einen der Anbieter von Wal- und Delfinbeobachtungen in Plettenberg Bay. "Wir verlieren nun unseren Fair Trade-Status, denn wir können uns die Zertifizierung einfach nicht mehr leisten", bedauert Pamela Bates von "Ocean Safaris". Dabei sind es nicht unbedingt die jährlichen Gebühren. "Besonders die Tagessätze der Gutachter sind hoch. Und alle zwei Jahre wird erneut geprüft". Doch mit oder ohne Fair Trade-Siegel: "An unserer Arbeitsweise ändert sich nichts".

Die SKR-Gruppe konnte im September dennoch Wale beobachten: Mit "Ocean Blue Adventures", dem Anbieter eine Tür weiter, dem die Zertifizierung wichtig genug ist, um weiter darin zu investieren. "Unsere Boote sind sogar TÜV-geprüft", betont Unternehmer Charlie Lilford. "Das beeindruckt vor allem unsere deutschen Gäste." "Ocean Blue Adventures" brachte die Reisegruppe außerdem auf einer Township-Tour nach Qolweni, wo das Unternehmen einen Kindergarten finanziert, der dort obligatorisch besucht wird.

Auf die Menschen kommt es an

In Langa, dem ältesten, und in Khayelitsha, dem größten Township von Kapstadt, bekam die Gruppe weitere Gelegenheiten, Menschen zu treffen, die daran arbeiten, ihre eigene und die Situation in den Townships zu verbessern. Sie tun dies mit großem Engagement und unter schwierigen Bedingungen. "Die Menschen haben so viel Kraft und Energie", stellte eine Reiseteilnehmerin fest. Solche Begegnungen hinterließen bei der Gruppe einen bleibenden Eindruck. Insbesondere auch das Kochen mit den Kamammas in Melkhoutfontein bei Stilbaai, wo die Gäste in "Homestays" bei Familien untergebracht waren.

Doch die "Fair Trade"-Reise ist nicht als Begegnungsreise angelegt. Fast alles, was diese Reise "fair" macht, geschieht quasi hinter den Kulissen. Die Gäste verbringen "einfach nur zwei schöne Wochen in Südafrika" – und dürfen sich doch zugleich als Pioniere des Fairen Handels im Tourismus fühlen. Einigen von ihnen kam es darauf besonders an. So zum Beispiel einer Weltladen-Mitarbeiterin, die sich auch zuhause für den fairen Handel engagiert. Einem anderen Teilnehmer ging es vor allem um den passenden Reisetermin und wieder andere waren vom "Zusatznutzen" der Fair Trade-Zertifizierung angetan.

Was dieser Zusatznutzen genau beinhaltete, erfuhren die SKR-Pioniere in Gesprächen mit den Betreibern ihrer Unterkünfte. Sie konnten sich ein Bild davon machen, was Fairness ausmacht: eine angemessene Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen, Mitsprachemöglichkeiten in demokratischen Unternehmensstrukturen, Verlässlichkeit, Nachhaltigkeit und Transparenz. All dies spiegelt sich idealer Weise in einer hohen Zufriedenheit und einem großen Engagement der Mitarbeiter wider.

Die Schwierigkeiten, ein faires Paket zu schnüren

Nicht nur die Unterkünfte sind zertifiziert, auch der Reiseveranstalter selbst hat eine Zertifizierung für diese Reise nach "Fair Trade Travel"-Standards. So ließen sich auch Bausteine wie der Besuch beim Teebeutel-Recycling-Projekt aufnehmen oder die Township-Tour in Kapstadt, erklärt Kim Geffen. Denn diese Aktivitäten organisiert Kuvona Cultural Tours als Incoming-Veranstalter für SKR entweder selbst oder legt dafür die Hand ins Feuer.

Schwierig bleibt die Zertifizierung der Verpflegung. In der Regel isst die Gruppe dort, wo sie untergebracht ist. Da die Reise aber keine Vollpension beinhaltet, darf (und muss aus praktischen Gründen) unterwegs auch das eine oder andere Restaurant angesteuert werden. "Erlaubt" ist als Teil der Reise zudem alles, was zwar nicht zertifiziert ist (und zum großen Teil auch nicht zertifiziert werden kann), aber zum südafrikanischen Nationalerbe gehört oder wichtige Attraktionen darstellt, die nicht ausgelassen werden dürfen – wie zum Beispiel der Tafelberg in Kapstadt, Cape Point oder der im Frühjahr besonders schöne Addo Elephant National Park in der östlichen Kapprovinz.

Als weiterer nicht-zertifizierbarer Baustein wurde der Hin- und Rückflug nach Südafrika ausgeklammert. Schließlich war noch das Transportproblem in Südafrika zu lösen. "Wir brauchten einen Kleinbus, der alle Lizenzen und den Versicherungsschutz für alle Gäste hat", erzählt Kim Geffen. "Wir durften aber keinen mieten, weil die Mietwagenfirmen ja nicht "Fair Trade"-zertifiziert sind. Also mussten wir selber einen Bus kaufen, in der Limpopo-Provinz (wo Kuvona Cultural Tours seinen Sitz hat) und an die Küste nach Port Elizabeth bringen – eine Strecke von etwa 2.000 Kilometern."

(7.744 Anschläge, 105 Zeilen, Dezember 2011)