Zwischen Tourismus und Migration

Jordi Gascón
Residenztourismus in den ecuadorianischen Anden

Der internationale Residenztourismus ist in der Andenregion ein neues Phänomen. In einigen Gegenden hat er jedoch bereits zu Konflikten und rasanten Veränderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen geführt. Der steile Anstieg der Grundstückspreise in ländlichen Regionen macht es für junge Bauern fast unmöglich, weiter Landwirtschaft zu betreiben.

Der Residenztourismus in den ecuadorianischen Anden war bislang hauptsächlich auf einzelne Orte beschränkt, wie zum Beispiel die kolonialzeitlich geprägte Stadt Cuenca und einige ländliche Gegenden, wie zum Beispiel Cotacachi in der Provinz Imbabura im Norden Ecuadors und Vilcabamba in der Provinz Loja im Süden. Die Touristen, die sich hier Zweit- oder Alterswohnsitze einrichten, sind vor allem nordamerikanische Ruheständler. Hier finden sie ruhige, attraktive Landschaften und ein mildes Klima vor. Die Lebenshaltungskosten in Ecuador sind für sie erschwinglich und die Gruppe ihrer Landsleute, die hier ihren Ruhestand verbringen, wächst.

Konflikte und Enttäuschungen

In den betroffenen Gemeinschaften hat der Residenztourismus jedoch zu verschiedenen Konflikten und zu Ablehnung der Einheimischen gegenüber der ausländischen Bevölkerung geführt. Konflikte entstehen, wenn Residenztouristen sich weigern, sich an der traditionell üblichen Gemeinschaftsarbeit zu beteiligen, wenn sie den Unterschied zwischen individuellem Privatbesitz und den Rechten der Gemeinschaft nicht verstehen, wenn sie für Putzjobs und Sicherheitsdienste kein Personal aus dem Ort anstellen oder Druck auf den Gemeindehaushalt ausüben, indem sie in den von ihnen urbanisierten ländlichen Gegenden Versorgungsleistungen wie Wasser, Strom und die Instandhaltung der Straßen einfordern.

Am Anfang glaubten die Einheimischen, diese Form von Tourismus könnte neue Arbeitsplätze für die hier ansässige Bevölkerung schaffen, zum Beispiel in den Bereichen Gebäudereinigung, Sicherheit, Pflege der Außenanlagen oder im Bausektor. Man ging davon aus, dass solche Tätigkeiten auch für lokale Gemeinschaften zugänglich wären und die temporäre Migration abschwächen würden. Das geschah jedoch nicht. Stattdessen suchten sich die neuen Anwohner besser qualifiziertes Personal von außerhalb.

Steigende Grundstückspreise in Cotacachi

Die Hauptursache für die Konflikte und die Ablehnung liegt jedoch in dem rasanten, starken Anstieg der Grundstückspreise. Traditionell wurde der An- und Verkauf von Grund und Boden auf Grundlage der von der Gemeinde festgelegten Wertansätze abgewickelt. Auf ein Angebot hin konnte der Eigentümer entscheiden, ob er sein Land behalten oder verkaufen wollte, doch der Preis war festgesetzt. Durch die Nachfrage der Altersmigranten nach Grund und Boden sind jedoch die Grundstückspreise in die Höhe geschossen. Das hat staatliche Wertansätze überflüssig gemacht, sie dienen jetzt nur noch der Festlegung von Steuern oder Versorgungstarifen.

Nicht überall sind die Preise gleichermaßen gestiegen. Die Nähe zur Kantonshauptstadt, Straßen, Strom und Grundwasser haben Einfluss auf die Preise. Im Durchschnitt haben sich die Preise von ländlichem Grund und Boden in Cotacachi zwischen Ende der 2000er Jahre und 2014 in etwa verdreifacht.

Da die Grundstücke in bäuerlichem Familienbesitz häufig stark zerstückelt sind und viele junge Leute sich den Zukauf von neuem Land nicht leisten können, sind sie gezwungen, die Landwirtschaft aufzugeben. Wenn sie in der Gemeinde auch keine bezahlte Arbeit finden können, müssen sie zwangsläufig abwandern.

Die Fallstricke der Vorschriften in Vilcabamba

Die Gemeinde Vilcabamba, die auf eine längere Tourismusgeschichte zurückblickt als Cotacachi, hat die bebaubaren Flächen begrenzt. Ziel war es, den ländlichen, landwirtschaftlichen Charakter des Gebiets zu erhalten. Doch gelungen ist das nicht. Einerseits braucht der Residenztourismus große Gärten, so dass die Bebauungsstandards für dieses Bebauungsmodell sogar geeignet sind. Andererseits durften die Einheimischen ihre Häuser für die nächste Generation jetzt nur noch auf großen Grundstücken bauen.

Der Präsident des Gemeinderates von Vilcabamba erklärt das Dilemma: „In urbanen Gegenden heißt es, die Grundstücke müssen mindestens 200 m2 groß sein. Auf 200 m2 darf man schon bauen. In ländlichen Gegenden müssen die Grundstücke mindestens eine Fläche von 1000 m2 aufweisen, damit man dort ein Haus bauen darf. Ausländer, die über finanzielle Mittel verfügten, bauten Häuser auf dem Lande und hielten sich daran. Jeder besaß mindestens 1000 m2. Wenn jedoch jemand von uns in Vilcabamba ein Grundstück kaufen will, ist das unmöglich, denn 1000 m2 kosten 150.000 oder 250.000 US-Dollar (rund 140.000-235.000 Euro). Unsere Eltern und Verwandten, die ihr Land behalten haben, wollen ihren Kindern ein Stück Land als Erbe überlassen. Sie haben jedoch keine großen Flächen, brauchen aber 1000 m2, um bauen zu können. Das ist unser Nachteil. Vilcabamba muss aufgrund des Tourismus anders behandelt werden. Die Vorschriften gelten für den gesamten Kanton. In anderen Gemeinden sind sie auch praktikabel, denn dort gibt es viel Land, das nicht so teuer ist wie hier. Aber alle wollen in Vilcabamba leben.”

Vom Nutzwert zur Bodenspekulation

Die steigenden Grundstückspreise haben Bodenspekulation begünstigt. Die Preise für Grund und Boden stehen nicht mehr im Verhältnis zu den Flächen, die man für den Residenztourismus braucht. Das Land ist zu einer Kapitalrücklage geworden. Die Preissteigerungen haben dazu geführt, dass die Eigentümer von Grund und Boden nun weniger daran interessiert sind, zu verkaufen. Stattdessen besteht ihr Interesse nun darin, ihr Eigentum an Land zu erhalten, um einen Einkommensgewinn zu erzielen, ohne produktive Investitionen zu tätigen.

Die Beispiele aus Ecuador zeigen, wie der Tourismus die Globalisierung von Gegenden begünstigt, die auf dem Weltmarkt zuvor marginalisiert waren. Der Residenztourismus hat den Nutzwert von Grund und Boden einem Tauschwert geopfert und bedroht die kleinbäuerliche Landwirtschaft und ländliche Lebensstile.

Jordi Gascón forscht und lehrt am Institut für Kulturanthropologie und Geschichte Amerikas und Afrikas der Universität Barcelona und ist Mitglied im Forum für verantwortlichen Tourismus (Foro de Turismo Responsable), Spanien.

Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(6.105 Zeichen, Dezember 2015, TW 81)

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