Wo der Quetzal ruft

Christian Adler
Tourismus im Nebelwald Guatemalas

Der Verfasser reiste im Oktober 2003 nach Guatemala, um ein Reiseprojekt des Vereins BIDAS in Cobán kennen zu lernen. Anhand der Kriterien des TODO!-Wettbewerbs für sozial verantwortlichen Tourismus sollte er prüfen, ob eine Preisverleihung zu befürworten sei.

Reist man von Guatemala City nach Cobán, so fährt man stundenlang durch eine menschenleer anmutendende Gebirgsregion, deren Gesicht durch jahrelangen kommerziellen Holzeinschlag geprägt wurde. Die Artenvielfalt der Urwälder ist verschwunden. Was übrig blieb, ist monotones Buschland, kaum fruchtbar, fast unbewohnt. 1950 standen noch sechzig Prozent der zentralamerikanischen Regenwälder, heute sind es nur noch dreißig. Angesichts hoher nationaler Schulden und zunehmender Verarmung der Bevölkerung, Arbeitslosigkeit, landwirtschaftlicher Expansion und schonungsloser Ressourcenausbeutung erscheinen alle Versuche, diese Wälder zu erhalten, zum Scheitern verurteilt.

In einer Seitenstraße von Cobán gelangt man zu einem unscheinbaren Haus des Vereins BIDAS - einer Gruppe sozial und ökologisch engagierter Bürger. Sie haben sich zusammengeschlossen, um der fortschreitenden Umweltzerstörung, die auch ihre Provinz bedroht, etwas entgegenzusetzen. Und sie handeln tatkräftig, verfolgen pragmatisch das Machbare, zeigen, dass sich Erfolge einstellen, wenn man die Rechte anderer respektiert, die einheimische Bevölkerung als Partner gewinnt und ihr aufzeigt, wie sie unter Bewahrung der eigenen Kultur ihr Leben verbessern kann, ohne selbst an der Zerstörung der Regenwälder mitzuwirken.

Die Mitarbeiter von BIDAS haben sich vorgenommen, 7 000 Hektar Primärwald zu erhalten. Über 3 000 Hektar haben sie bereits vor der Abholzung gerettet; 500 Hektar Sekundärwald werden mittlerweile nachhaltig bewirtschaftet, 16 000 Bäume sind neu gepflanzt. Der Verein arbeitet heute mit 540 Familien in siebenunddreißig Gemeinden von Alta Verapaz zusammen.

BIDAS sieht auch im Ökotourismus eine Chance für die Bewohner des Regenwaldes, obwohl er bislang eher eine Nebenrolle spielt und noch Mängel zeigt. Dies mindert aber keineswegs die hohen Leistungen des Vereins.

"Asociación Biosfera …”

BIDAS ist die Dachorganisation des "Projecto Ecologico Quetzal”. Ein deutscher Student, der in der Region Alta Verapaz wissenschaftlich tätig war, hat das Projekt gegründet. Der Name "Asociación Biosfera y Desarollo Agricola Sostenible” heißt frei übersetzt "Vereinigung zum Schutz der Biosphäre und für eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung”. BIDAS will, dass die Regenwälder von AltaVerapaz überleben - als Heimat der Q’eqchi-Indígenas, der Nachkommen der Maya, und als Biotop seltener Pflanzen und Tiere. Auch der Quetzal ist dort zu Hause, ein prächtiger, vom Aussterben bedrohter Vogel, der nur in Zentralamerika vorkommt. In Alta Verapaz gibt es ihn noch häufig.

Der Verein versucht, seine Ziele durch Armutsverminderung der indigenen Bevölkerung zu erreichen, um den traditionellen Brandrodungsfeldbau zu stoppen. Die Böden in Alta Verapaz sind unfruchtbar, die Humusschicht ist dünn. Auf eine Ernte folgte früher eine lange Brache. Um die Brachezeiten trotz zunehmender Bevölkerung weiter einhalten zu können, wurden bislang neue Ackerflächen gewonnen - und dies geschah durch Brandrodung.

Dank BIDAS wuchsen die Maiserträge seit 1994 fast auf das Dreifache an, ohne größere Anbauflächen. Bei der Ertragssteigerung halfen Dünger von Fledermäusen und Regenwurm-Kulturen zur Auflockerung der Böden. Durch Wechselwirtschaft ließen sich die Brachezeiten verkürzen.

BIDAS führte zudem neue Kulturpflanzen ein - Broccoli, Möhren, Blumenkohl, Avocados, Ananas, und Fruchtbäume wie Pflaumen, Äpfel, Pfirsiche, Nektarinen und Nüsse. Gemüsegärten sind heute bei jeder indianischen Familie zu finden. Um die Bodenerosion zu vermindern, ließ BIDAS die Indígenas über 90.000 Meter "lebende Barrieren” pflanzen. Der Verein finanzierte den Beginn der Arbeiten, und die Q’eqchi setzten sie fort. Ab 2004 soll an steilen, entwaldeten Hängen sogar wieder Primärwald neu entstehen - mit Hilfe gezielter Aufforstungen. Als Gegenleistung für die Unterstützung durch BIDAS verpflichteten sich die kooperierenden 540 Familienhöfe dazu, den Brandrodungsfeldbau einzustellen und Bäume nur noch für Nutzholz zu fällen.

Neue Erwerbsquelle: Kerzen

In der Ökonomie der Q’eqchi rangiert heute die Kerzenproduktion an zweiter Stelle; ebenfalls angeregt durch BIDAS. Die Frauen sammeln im Sekundärwald die Samen des Arrayan-Strauches. Durch Auskochen der Samen gewinnen sie Kerzenwachs, das sie dann nach Cobán liefern, wo BIDAS es aufkauft. 2002 lag der Ertrag schon bei 3.500 Kilo, entlohnt wurde er mit 11.724 US-Dollar. Eine kleine Produktionsstätte erzeugt aus dem Wachs verschiedenartige Kerzen, die sie per "Fair Trade” in den USA und Europa vermarktet. Die Erlöse fließen in die BIDAS-Projekte zurück - so auch in den Ökotourismus, der vor fünf Jahren begann. Auch er soll eine waldschonende Einkommensquelle für die Indios sein.

Während die Agrarprojekte in verschiedenen Gegenden von Alta Verapaz laufen (Sierra de Caquipec, Guaxac, Yalijux und Chamá), beschränken sich die Reiseprogramme bisher auf die Gemeinden Chicacnab und San Lucas sowie Rokjá Pomtila (Beginn hier 2001).

Sie teilen mit dem Gast, was sie haben

Chicacnab liegt 2.500 Meter hoch in der feuchtkühlen "Nebelwaldzone” Guatemalas. Rund neun Monate lebt man dort ohne Fernsicht! In Rokjá Pomtila ist das Klima dagegen tropisch heiß; die Gemeinde liegt tief im Regenwald, der in nördlicher Richtung bis nach Yucatan (Mexiko) reicht.

Als Gutachter besuchte ich Chicacnab, wo Touristen Dreitagesaufenthalte für 330 Quetzales (40 Euro) buchen können. Die An- und Abreise erfolgt auf eigene Kosten mit öffentlichen Bussen (ca. 3 Stunden), das letzte Stück bis San Lucas per Lastwagen oder zu Fuß. Ein schlammiger Pfad führt nach Chicacnab. Die Q’eqchi leben verstreut über ein großes, gebirgiges Gebiet, man läuft etwa 2 1/2 Stunden, um ihre Gemeinde einmal zu durchqueren.

Der Gast wohnt bei einer Q’eqchi-Familie, erhält in ihrer Hütte ein eigenes Séparée oder sogar ein kleines Zimmer mit einem rohgezimmerten Bett, einer Matratze und einem Laken. Die Toilette liegt außen, abseits der Hütte. Eine Waschgelegenheit gibt es an einer nahen Wasserstelle.

Die Q’eqchi bewohnen einen großen Raum, dominiert von der Feuerstelle in der Mitte, auf der meist eine Tonplatte zum Backen der Maisfladen liegt.

Der Gast lernt das einfache Leben dieser Indígenas kennen - sieht die Hausfrau in einer Steinmühle Mais zu Mehl vermahlen, den Teig kneten und fast den ganzen Tag lang Tortillas backen. Der Mann geht anderen Tätigkeiten nach, steht aber auch als Führer zur Verfügung. Mit ihm kann der Tourist die Umgebung erkunden, andere Q’eqchi-Familien oder die Schule von Chicacnab besuchen. Er kann sich in den Pflanzungen oder im Urwald umsehen, kann dem Quetzal lauschen, der leider unsichtbar bleibt, denn es herrscht ja Nebel. Man geht früh schlafen in Chicacnab. Strom gibt es nicht, und der Schein einer Öllampe illuminiert den Raum nur schwach.

Die Q’eqchi sind sehr freundlich, sie teilen mit dem Gast das, was sie haben. Die Kinder sind wohlerzogen und zugänglich, es macht Freude, mit ihnen zu spielen.

Am Morgen des dritten Tages verabschiedet man sich nach dem Frühstück von seinen Gastgebern und steigt aus dem Nebel zurück in die sichtbarere Welt. Der Führer kommt noch bis San Lucas mit. Man fährt schließlich allein zurück nach Cobán.

Wer die Gemeinden Chicacnab, San Lucas oder Rokjá Pomtila als Tourist besuchen möchte, muss sich in Cobán mit BIDAS in Verbindung setzen. Das Büro des "Projecto Ecologico Quetzal” bereitet den Gast ausführlich auf die Tour vor. In einer mehrseitigen englisch- bzw. spanischsprachigen Einführung erfährt er etwas über die Ziele von BIDAS und weshalb ein sozialverantwortlicher Tourismus den Regenwald von Alta Verapaz bewahren hilft.

Detailliert werden die Bedingungen geschildert, die den Besucher erwarten - Klima, Gesundheitsgefahren (Malaria in Rokjá Pomtila), einfache Verpflegung, fehlender Komfort … Wer sich von diesen Warnungen nicht abschrecken lässt, findet nicht minder ausführliche Hinweise zur notwendigen Ausrüstung. Fehlen etwa Gummistiefel oder eine warme Decke, kann man sich diese im Büro von BIDAS ausleihen.

"… bevor Sie Menschen fotografieren”

Der Tourist erhält eine Wegebeschreibung, eine skizzierte Karte, sogar den Ausschnitt des Busfahrplans. Wichtiger noch: Er erhält Verhaltenshinweise, die jeder Gast der Q’eqchi berücksichtigen sollte. Zum Beispiel über ein altes Thema der Tourismuskritik: "Bitte fragen Sie um Erlaubnis, bevor Sie Menschen fotografieren.”

Höflich erinnert BIDAS an die ehedem auch bei uns üblichen guten Manieren - keine Nacktheit zu zeigen oder um Erlaubnis zu fragen, bevor man einen Raum der Indígenas betritt. Der Gast wird auch gebeten, keine Geschenke zu verteilen, die eine Bettelmentalität hervorrufen könnten. Stattdessen sollte er in einen Sozialfonds einzahlen, wenn er den "armen Leuten” wirklich etwas zukommen lassen will.

Besucher werden zudem eingeladen, die Sprache der Q’eqchi zu lernen. Nur wenige Indígenas sprechen spanisch. Eine Vokabelliste ist der Einführung beigefügt, sogar in deutsch. Ebenso gibt es eine zoologische und botanische Artenliste des Regenwaldes.

Nach Beendigung des Aufenthaltes bittet BIDAS, einen Vordruck auszufüllen mit Anregungen und Kritik. Da gäbe es noch einiges zu verbessern: Sie betreffen die Anreisebedingungen (z. T. auf offener Lastwagenfläche), die Unterbringung (zu wenig gegen die Nachtkälte abgeschirmt), die Verpflegung (wenig Gemüse) und auch die Betreuung (noch unzureichend auf den Gast eingestellt). So ging der TODO!-Preis 2004 an BIDAS vorüber, aber vielleicht erreicht er die Gastgeber des Nebelwaldes ja irgendwann später? "Besondere Anerkennung” verdienen sie schon jetzt!

Kontaktadresse in Guatemala:

Proyecto Ecológico Quetzal, tel/fax (503) 952-1047, email: bidaspec@guate.net, 2a Calle 14-36, Zona 1, Cobán, Alta Verapaz, www.ecoquetzal.org

Quelle: Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, Ammerland (www.studienkreis.org); "Bumerang" (www.bund-naturvoelker.de)

(10.111 Anschläge, 130 Zeilen, Dezember 2004)

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