"Widerstand leisten oder untergehen"

Aryani Willems
Protestbewegung auf Bali gegen Landgewinnung aus dem Meer

Besucher, die derzeit nach Bali kommen, werden besonders in der Hauptstadt Denpasar überall riesige Banner mit den Worten „Bali Tolak Reklamasi Teluk Benoa“ sehen: Bali ist gegen die Landgewinnung in der Benoa-Bucht. Die Touristen spüren den Aufruhr in der balinesischen Bevölkerung wohl kaum. Doch der Tourismus ist der Auslöser für die politische Kampfansage gegen das Großprojekt, das nicht nur verheerende ökologische Folgen haben würde, sondern auch das gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Leben auf Bali noch mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen droht.

Die kleine hinduistisch geprägte Insel Bali ist von großer Bedeutung für den indonesischen Tourismus. Die Regierung unternimmt viel, um den Tourismus zu fördern. Die sieben Zauberwörter („Sapta Pesona“) – sicher, ordentlich, sauber, frisch, schön, freundlich, schöne Erinnerung – werden überall in Indonesien verbreitet. Mit diesen sieben Tugenden, die den Touristen zuliebe gepflegt werden, wird schnell akzeptiert, wenn Reisfelder Fünf-Sterne-Hotels weichen oder Wasserquellen betoniert werden, um sie "ordentlich zu gestalten". Doch nun wächst der Widerstand.

"Bali Tolak Reklamasi": Der Hintergrund zum Protest

Die Protestbewegung "Bali Tolak Reklamasi" richtet sich gegen die geplante Landgewinnung aus dem Meer in der Bucht von Benoa. Ähnlich wie in Dubai ist auch in Bali die Anlage einer künstlichen Insel geplant. Die Investoren, PT Tirta Wahana Bali International und chinesische Investoren, planen in der Bucht von Benoa eine "All inclusive"-Touristeninsel – einen Ort der Superlative mit Hotels, Resorts, Privathäusern, Spa- und Wellness-Einrichtungen, Restaurants und Cafés. Sogar ein Krankenhaus und ein Yachthafen sollen gebaut werden. Auf die "Hauptinsel" Bali müssten die Touristen dann nur, wenn sie einen Tempel besuchen möchten.

Eine ähnliche Landgewinnung hat in den 1990er Jahren auf der kleinen Nachbarinsel Serangan stattgefunden. Besonderes die Fischer leiden bis heute darunter, denn es gibt nur noch wenige Fische und daher kaum noch Fang. Auf Grund dieser negativen Erfahrungen ist es nur verständlich, dass viele Balinesen ein neues Landgewinnungsprojekt ablehnen.

Balinesische Mythologie: Keine Gute-Nacht-Geschichte

In Bali ist die Mythologie keine Gute-Nacht-Geschichte, sondern gelebter Glauben, der durch die Kultur und Religion praktiziert wird. Der Schutzgott Hyang Pasupati beauftragt drei seiner Söhne Batur, Agung und Andakasa, den Menschen in Bali bei der Landwirtschaft, der Viehwirtschaft und der Fischerei zu helfen. Eines Tages frisst das Vieh auf dem Feld alle Pflanzen weg. Batur, der Hüter der Pflanzen, ist erzürnt und spricht einen Fluch aus: "Möge derjenige, der die Pflanzen zerstört hat, krank werden.“ Alsbald werden hunderte von Tieren krank und sterben. Die Kadaver stinken und die beiden Erdgötter Batur und Agung streiten sich, was sie damit machen sollen. Sie entscheiden, sie ins Wasser zu werfen. Die Kadaver verschmutzen Flüsse, Seen und schließlich auch das Meer. Andakasa ist wütend und spricht seinerseits einen Fluch aus: „Wer das Wasser verschmutzt, wird durch Wind und Regen von hunderten von Krankheiten befallen.“ Nachdem einer den anderen verflucht hat, stellen die drei Götter schließlich eine Regel auf, um das Gleichgewicht im Umgang mit Tieren, Pflanzen und Wasser zu erhalten. Sie gilt auch für die Menschen. Deshalb wird auf Bali zum Beispiel eine Sau erst geschlachtet, nachdem sie mindestens zweimal Ferkel geworfen hat. Ein Baum wird erst gefällt, nachdem zwei andere Bäume gepflanzt wurden. Wasser wird verehrt wie die eigene Mutter.

Batur, Agung und Andakasa sind auch die Namen von Bergen, die in Bali bis heute als lebendige Gottheiten verehrt werden. Auf der Philosophie "Tri Hita Karana", den drei Quellen der Harmonie im Leben (Harmonie zwischen Mensch und Gott, Harmonie zwischen Mensch und Natur, und Harmonie unter den Menschen) basieren viele Rituale und das tägliche Leben der Balinesen. Die kulturellen Naturregeln, die auf "Tri Hita Karana" basieren, nennen die Balinesen "Hukum Adat". Sie gelten auch für den Tourismus.

Balis Strände: Zugebaut, privatisiert, erodiert

Nach dem "Hukum Adat" sollen Hotelanlagen einen Mindestabstand von fünf Kilometern zu Tempelanlagen einhalten und es muss eine mindestens 150 Meter breite Pufferzone zwischen Hotel und Meer geben. Dies wird von den Hotelbesitzern oft einfach ignoriert, denn die Gesetzgeber drücken ein Auge zu und erteilen Baugenehmigungen. Mit Hilfe von Schmiergeld ist "Hukum Adat" schnell vergessen.

Viele Strände sind heute nicht mehr zugänglich, weil sie privatisiert wurden. Das beeinflusst das religiöse Leben der Balinesen. Der freie Zugang zum Strand ist notwendig, damit dort religiöse Zeremonien stattfinden können. Die Gläubigen gehen mindestens einmal im Monat ans Meer, um Reinigungszeremonien abzuhalten. Ohne Strand – wie soll das gehen? Wo sollen wir während der Zeremonie die Opfergaben hinstellen? Im nahegelegenen Hotelgarten bestimmt nicht. "Zutritt verboten!"

Ein weiteres Problem ist die Küstenerosion. Candi Dasa, ein Ort im Osten Balis, war einst ein charmantes Fischerdorf mit kleinen Homestays, Strand und freundlichen Bewohnern. Doch aufgrund des Touristenbooms wurden die Korallen "geerntet" und zum Bau von Hotelanlagen genutzt. Nachdem der natürliche Schutzwall abgetragen worden war, fiel der Strand den Wellen zum Opfer, die bisweilen auch die in den Restaurants sitzenden Touristen überraschten. Heute, zwanzig Jahre später, ist Candi Dasa kein Fischerdorf mehr, hat keinen Strand mehr und kaum noch Besucher – und damit kaum eine Chance auf eine lebenswerte Zukunft.

Folgen für das religiöse und kulturelle Leben

Auch Sanur, einer der besten Orte für Sonnenaufgänge in Bali, hat kaum noch Strand. Noch vor zehn Jahren, als mein Vater starb, fuhren wir mit einem Boot hinaus, um seine Asche dem Meer zu übergeben. Im August dieses Jahres, als die Asche meiner Großmutter dem Meer übergeben wurde, gab es keine Möglichkeit mehr, mit dem Boot hinaus zu fahren. Wir standen auf einer riesigen Mauer, unter uns starke Strömung und Wellen, und wir streuten die Asche von oben ins Meer. Wir konnten sehen, wie die Asche nicht so schnell im Meer verschwand wie sonst. Es tat weh, das zu sehen. Wir beteten auf Betonmauern und bei dem starken Wind konnten wir die Räucherstäbchen kaum anzünden.

Eine Zeremonie, die sonst ein paar Stunden gedauert hätte und während der wir ins Wasser gegangen wären, um die Abschiedsgebete zu flüstern, war nun nach knapp einer halben Stunde vorbei. Ein schneller Abschied mit einer Frage: Warum wird uns genommen, was in den Prospekten als Verkaufsmagnet versprochen wird: Bali, Insel der Götter und Dämonen? Wo sind sie geblieben?

In den Touristenbüros werden sakrale und private Zeremonien als Attraktionen verkauft. Tänze und Musikstücke werden gekürzt, um die Touristen zu unterhalten, aber nicht zu langweilen. Traditionelle Bühnenprogramme werden an den Geschmack der Touristen angepasst.

Bali am Scheideweg

Durch die Arbeitszeiten in der Tourismuswirtschaft haben die Balinesen kaum noch Zeit für "Ngayah" oder "Gotong Royong" – die freiwillige Arbeit, die nicht nur für die Gemeinde nötig ist, sondern die sehr substanziell für den kulturellen Alltag ist. Die freiwillige Mitarbeit in den Dorfgemeinschaften ist etwas, was balinesische Kultur ausmacht. Wenn es alles, was Bali im Ursprung so interessant macht, nicht mehr gibt, was wird dann noch die Besucher nach Bali ziehen?

Die Menschen in Bali stehen am Scheideweg, wo sie entscheiden müssen, wohin sie ihre Heimat steuern wollen. Bei dieser Entscheidung geht es nicht nur um Bali, es geht um unsere Erde, unser einziges gemeinsames Zuhause. Wenn die Widerstandsbewegung gegen das Landgewinnungsprojekt in Bali erfolgreich ist, dann wird bei den Menschen in Indonesien die Hoffnung wachsen, auch andere Missstände beeinflussen oder sogar stoppen zu können: "Tolak atau tenggelam!" – Widerstand leisten oder untergehen!

Aryani Willems ist Balinesin und lebt seit fast 25 Jahren Deutschland. Sie ist Mutter von vier Kindern, Bühnenkünstlerin und liebt ihre Heimat Bali und Hannover.

(7.940 Zeichen, Dezember 2014, TW 77)

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