Wenn der Gast zum Störenfried wird

Christina Kamp
Belastungsgrenzen als Herausforderung für die Tourismusbranche

Wenn Einheimische sich unter dem Gästeansturm nicht mehr wohl fühlen, Besucher ihren Urlaub nicht wirklich genießen können, die Infrastruktur überlastet ist und Natur und Kultur vor Ort Schaden nehmen – dann sind das deutliche Anzeichen von „Overtourism“. Der Unmut und Widerstand der Einheimischen in attraktiven Städten wie Barcelona, Amsterdam und Venedig hat international für Schlagzeilen gesorgt. Und er hat Belastungsgrenzen auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse (ITB) zu einem Branchenthema gemacht.

Sicher, die Probleme sind nicht neu. Neu ist das Ausmaß, in dem sie nun auch europäische Städte treffen. Überraschend ist es jedoch nicht, feiert doch die Branche Jahr für Jahr steigende Touristenzahlen. Die betroffenen Zielgebiete präsentieren sich gerne als „Opfer ihres eigenen Erfolgs”. Doch, so Joan Torella, Tourismus-Direktor bei der Stadtverwaltung in Barcelona: „Mehr ist nicht immer besser.” Erfolg misst sich nicht gut in Besucherzahlen. Entscheidend ist, ob der Tourismus zum Wohlergehen der Destinationen beiträgt.

Vom Marketing zum Management

Die Vorstellung von tatsächlichen Grenzen des (Tourismus-)Wachstums wird in der Branche jedoch noch nicht wirklich angenommen. Destinationsmanagement-Organisationen sehen ihre Aufgaben nach wie vor im Marketing. Dabei stellt sich der Tourismus in vielen Fällen als Perpetuum mobile dar: „Wir können aufhören, unsere Destinationen zu vermarkten. Die Gäste werden sowieso kommen“, so ein Fazit auf einer von mehreren meist überfüllten ITB-Fachveranstaltungen zu „Overtourism“. Immer wichtiger würden dagegen Instrumente, mit denen sich Besucherzahlen steuern und begrenzen lassen.

Doch keine Destination will Gäste verlieren. Deshalb sind selbst so genannte “de-tourism“-Initiativen wie in Venedig nicht darauf ausgerichtet, Besucher fernzuhalten. Vielmehr will man Touristenströme “kanalisieren”. Besucher sollen veranlasst werden, auch weniger überlaufene Orte im Umland zu besuchen, statt sich nur im Stadtzentrum aufzuhalten. Amsterdam arbeitet daran, die Stadt in der Wahrnehmung der Besucher “auszudehnen” und Besucherströme auf ein größeres Gebiet zu verteilen.

Zauberwort „Entzerrung“

Neben der räumlichen Entzerrung versuchen überlastete Destinationen, den Besucherandrang auch zeitlich besser zu verteilen. Dies gelingt zu einem gewissen Grad über die Preisgestaltung und durch gezielte Bewerbung der Nebensaison oder der Wochentage oder Uhrzeiten mit schwächerer Auslastung.

Doch es ist nicht nur der Städtetourismus, der boomt, sondern auch die Kreuzfahrtbranche. Wo beides zusammenkommt, potenzieren sich die Probleme. Barcelona und Dubrovnik bemühen sich um Kooperation mit den Kreuzfahrtgesellschaften, um die Belastungen für die Städte zu verringern. Die 700.000 Kreuzfahrttouristen, die im Jahr nach Dubrovnik kommen, trafen bislang an jeweils drei Tagen pro Woche ein. „Es ist uns gelungen, die Ankunftszeiten so zu ändern, dass die Schiffe in Zukunft nicht alle gleichzeitig kommen”, berichtet Mato Franković, Bürgermeister von Dubrovnik.

Regulierungsansätze

Ein weiteres Instrument sind Kontingentierungen, manchmal kombiniert mit einer Begrenzung der Aufenthaltsdauer. Auf den Galapagos-Inseln in Ecuador sollen so die Belastungen für die empfindlichen Ökosysteme reduziert werden. Thailand sperrt zeitweilig Inseln für Touristen, damit die Natur sich regenerieren kann. In Machu Picchu in den peruanischen Anden wird durch Besucher-Management versucht, das einmalige Weltkulturerbe zu schützen.

Auch aus Sicherheitsgründen werden Besucherzahlen limitiert, wie beim Zugang zu Dubais höchstem Wolkenkratzer, dem Burj Khalifa. Hier werden die Preise je nach Nachfrage zeitlich stark gestaffelt. Mit Internet-Buchungssystemen, z.B. für die Sagrada Familia oder den Park Güell in Barcelona, wird vermieden, dass die Besucher sich vor Ort gegenseitig auf die Füße treten. Die Anwohner der Sehenswürdigkeiten haben davon allerdings nichts. Im Gegenteil: noch mehr Touristen halten sich nun wartend in der Umgebung auf.

Um nicht nur den Dichtestress unter den Besuchern zu verringern, sondern auch die Einwohner in überlasteten Regionen zu schützen, ist Regulierung nötig. Einige Städte vergeben für Hotels oder Souvenirshops in Innenstädten keine neuen Lizenzen mehr und versuchen auch „Homesharing“-Angebote zu regulieren.

Die Menschen vor Ort ernst nehmen

Auf den Fachdiskussionen auf der ITB ging es vorrangig um Managementfragen. Doch es wurde auch erkannt – wenn auch noch nicht wirklich verinnerlicht –, was tourismuskritische Organisationen schon lange immer wieder betonen: Ohne die Menschen vor Ort geht es nicht.

Noch lautet der Tenor in der Branche, positive Aspekte des Tourismus müssten den Einwohnern besser vermittelt werden, ihre Identifikation mit der Destination gesteigert werden. Doch es geht nicht nur um zeitweilige Stimmungen, die sich vielleicht beeinflussen lassen. Es geht um mehr. Das Wohlergehen der Bevölkerung und der Natur steht auf dem Spiel – grundsätzlich und langfristig.

Vor allem in Entwicklungsländern kann „Overtourism“ für Einheimische den Verlust wichtiger Lebensgrundlagen mit sich bringen. Weder mehr Verständnis noch Jobchancen im Tourismus helfen Menschen, die unter Ruhestörungen, Staus, unerschwinglichen Mieten, Verdrängung oder gar Vertreibung zu leiden haben. Wo in Metropolen das Verkehrsaufkommen erheblich zunimmt oder Touristen sich in Massen durch historische Altstädte schieben, sinkt für Einheimische die städtische Lebensqualität. In ländlichen Regionen bekommen sie leicht das Gefühl, ihre Heimat würde zur Kulisse verkommen. Auch müssen sie oft erhebliche Preissteigerungen verkraften.

Gehen Destinationen die Überlastungsgefahren nicht in enger Zusammenarbeit mit der betroffenen Bevölkerung proaktiv an, riskieren sie die „Selbstregulierung“: durch den wachsenden Widerstand der Einheimischen, aber auch indem unzufriedene Gäste in Zukunft wegbleiben werden und das Image der Destination Schaden nimmt.

Stichworte: