Wege zum Waldschutz

Christina Kamp
Gratwanderungen im Emissionshandel

Wälder werden in vielen Teilen der Welt dezimiert und degradiert. Der Druck durch eine wachsende Bevölkerung, rasche Urbanisierung, Ressourcenverbrauch und kurzfristige wirtschaftliche Interessen ist enorm. So vielfältig und gravierend die Bedrohungen der Waldgebiete sind, so schwierig ist es, langfristig tragfähige und lokal angepasste Lösungen zu ihrem Schutz zu finden. Der Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism – CDM) kann ein Lösungsansatz sein, setzt jedoch mit Waldschutz- und Aufforstungsprojekten seine eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

Nach Angaben deutscher Umweltverbände zum internationalen Tag der Wälder, mit dem jedes Jahr am 21. März auf die Bedeutung und Gefährdung dieser wichtigen Ökosysteme aufmerksam gemacht wird, werden weltweit jährlich mindestens 13 Millionen Hektar Wald zerstört – mehr als die gesamte deutsche Waldfläche. Der langfristige Schaden, der dadurch entsteht, wird kaum wieder gutzumachen sein. Gerade bei tropischen Regenwäldern gilt oft, so banal es klingt: Was weg ist, ist weg.

Der fortschreitende Klimawandel verleiht dem Waldschutz zusätzliche Dringlichkeit. Nach Daten des Weltklimarates (IPCC) werden die Emissionen durch Entwaldung und die Verschlechterung des Zustands der Wälder auf bis zu 20 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen geschätzt.

Chancen für den Waldschutz

In vielen Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas leben indigene Bevölkerungsgruppen noch weitgehend im Einklang mit der Natur. Indigene Völker können in bedeutendem Umfang zum Klimaschutz beitragen, wenn sie ihre traditionelle Ressourcennutzung und ihr Ressourcenmanagement auf Grundlage ökologischer Systeme fortführen können und wenn sie dabei unterstützt werden, ihre traditionellen Lebensgrundlagen beibehalten zu können. Dieses Argument werde durch Erfahrungen aus verschiedenen Teilen der Welt untermauert, so Victoria Tauli-Corpuz, UN-Sonderberichterstatterin für die Rechte indigener Völker. Um Wälder wirksam zu schützen, müssen die Rechte indigener Völker deshalb gestärkt und gegen Übergriffe von außen verteidigt werden.

Besonders wichtig zum Schutz der Wälder ist die Verhinderung von Raubbau durch illegalen Holzeinschlag und die Verringerung des Verbrauchs an Agrarprodukten (z.B. Palmöl, Soja als Tierfutter, Rindfleisch und Leder), Holz, Papier und anderen Rohstoffen, meinen deutsche Nichtregierungsorganisationen.

Als einer der wenigen Wirtschaftszweige, der den Erhalt der Wälder unterstützen kann, gilt der naturnahe oder "Öko"-Tourismus. Doch der ist selbst mit einem so erheblichen Treibhausgas-Ausstoß verbunden, dass unter Emissionsgesichtspunkten das Ganze nicht nur ein Nullsummenspiel sein könnte, sondern die CO2-Bilanz – je nach zurückgelegten Reisewegen der Touristen – womöglich deutlich negativ ist. Auch die Auswirkungen des Tourismus auf die biologische Vielfalt sind nicht immer positiv.

Waldschutz durch internationale Ausgleichszahlungen

Um den Schutz der Wälder wirtschaftlich attraktiver zu machen, haben die Vereinten Nationen das REDD-Programm (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) ins Leben gerufen. Damit sollen CO2-Emissionen infolge von Entwaldung und der Verschlechterung des Zustands der Wälder verringert werden. Der Bali-Aktionsplan von 2007 sah Anreizzahlungen für den Waldschutz vor. In der Weiterentwicklung als REDD+ wurden auch Waldschutz, nachhaltige Forstwirtschaft und die Erhöhung der Kohlenstoffbindung im Wald einbezogen.

Begrenzte Möglichkeiten, Waldschutz in Entwicklungsländern über Kompensationszahlungen aus Industriestaaten zu finanzieren, bietet der Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (CDM). Der allgemeine CDM erkennt trotz der bekannten Unzulänglichkeiten (s. Beitrag von Jutta Kill) die Kohlenstoffbindung durch Aufforstung an. Nach dem strengeren Gold Standard waren eigentlich nur Projekte zur Förderung erneuerbarer Energien, zur Energieeffizienz oder zur Kompostierung zugelassen, auch weil bei solchen Projekten die tatsächlichen Emissionseinsparungen besser berechenbar sind als bei Waldschutz- und Aufforstungsprojekten. Inzwischen gibt es jedoch unter dem Gold Standard auch ein „Land Use & Forest Framework“, nach dem z.B. auch Aufforstungsprogramme, eine verbesserte Forstwirtschaft und eine nachhaltigere Landwirtschaft in Frage kommen.

Einkommen durch CO2-Kompensation in Mexiko

Wie schwierig es ist, mit lokalen Lösungen einen Einstieg in das internationale Kompensationsgeschäft zu finden, hat die Organisation Grupo Ecológico Sierra Gorda in Mexiko erlebt. Seit vielen Jahren bemühen sich die Ökotourismus-Anbieter und Gewinner des TO DO! Wettbewerbs für sozialverantwortlichen Tourismus 2013 um die Inwertsetzung der Ökosystemleistungen im mexikanischen Biosphärenreservat Sierra Gorda. Sie beobachteten und erforschten z.B. die Bindung von CO2, hydrologische Kreisläufe, Wärmeregulierung, die Verhinderung von Bodenerosion an Steilhängen und den Wert der biologischen Vielfalt – alles Ökosystemleistungen, die schwer zu quantifizieren und in Geldwerten auszudrücken sind.

Schließlich gelang es der Gruppe, ein Kompensationssystem zu entwickeln, in dem die Landbesitzer im Biosphärenreservat dafür bezahlt werden, dass sie den Wald schützen. Um solche Zahlungen zu erhalten, müssen die Bauern ihr Vieh aus dem Wald fern halten und die Regeneration des Waldes und mehr Bindung von CO2 ermöglichen. So ist es nach Angaben von Grupo Ecológico gelungen, 4.000 Hektar Wald zu schützen und Waldbrände zu verhindern. "Die Landbesitzer leisten einen Beitrag, den ökologischen Fußabdruck unseres Lebensstils – einschließlich des Tourismus – auszugleichen, indem sie die Wälder der Sierra Gorda schützen", sagt Martha "Pati" Ruiz Corzo, Gründerin und Direktorin von Grupo Ecológico.

2011 gelang es der Organisation, für ihr Produkt "Premium Carbon" eine Zertifizierung nach dem Gold Standard zu bekommen. Doch viele weitere von Grupo Ecológico identifizierte Möglichkeiten zum Schutz der Wälder entsprachen nicht den internationalen Standards, die, so Pati, "weit von der Realität der Waldbesitzer entfernt sind".

Frustriert von den Regeln des internationalen Emissionshandels fand Grupo Ecológico schließlich einen lokal gangbaren Weg. Der mexikanische Bundesstaat Queretaro passte die Anforderungen so an, dass Grupo Ecológico Sierra Gorda nun mit “Biodiversity Carbon“ in Mexiko ein innovatives Produkt anbieten konnte, dass laut Pati sowohl der Realität in den Gemeinschaften vor Ort Rechnung trägt als auch die biologische Vielfalt schützt und CO2 bindet: "Es ist ein transparentes Produkt mit lokalen Wurzeln, das ständig von uns überwacht wird und das auf einem tiefen Verständnis der Region basiert".

Nicht ganz saubere Kompromisse

Das Dilemma ist offensichtlich. Wo durch großen wirtschaftlichen Druck die Wälder bedroht sind, möchten oder müssen die Anwohner ihren Beitrag zu ihrem Erhalt finanziell abgegolten sehen. So können sie sich auf wirtschaftlich stabiler Grundlage für nachhaltige Nutzungsformen einsetzen. Entsprechend attraktiv ist es, Waldschutzprojekte auch als Klimaschutz zu "verkaufen", denn daraus ergeben sich neue Finanzierungsmöglichkeiten. Zudem lassen sich solche Maßnahmen gut vermitteln und ansprechend ins Bild setzen. So deklariert auch das eine oder andere Tourismusunternehmen gerne das Pflanzen von Bäumen als Klimaschutz.

Nicht zuletzt steigt der Druck auf den CDM und Gold Standard, mehr Waldschutz- und Aufforstungsprojekte zur CO2-Kompensation zuzulassen – so unberechenbar die CO2-Einsparungen daraus auch sein mögen. Es ist eine Gratwanderung, die die Glaubwürdigkeit des ohnehin schon umstrittenen Emissionshandels zusätzlich in Frage stellt. Dem Schutz der Wälder kann dies aber durchaus zugute kommen.

(7.718 Zeichen, Juni 2015, TW 79)

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