Voneinander lernen in Thailand

Alfredo Quarto und Jim Enright
Tourismus und Ressourcen-Management in den Händen der Dorfbewohner
Mitautor/-en: 
McKeown, Jonathan / Minninger, Sabine (Red.)

Die Tsunami-Nachricht am 26. Dezember 2004 erschütterte die Welt, durch die schiere Anzahl der Toten und die Schwere dieser noch nie da gewesenen Naturkatastrophe. Im Laufe der Zeit sind die Erinnerungen jedoch verblasst und so langsam vergessen wir die menschlichen Tragödien, die durch Gier und Kurzsichtigkeit überhaupt erst geschehen konnten.

Jetzt, wo weltweit viele der Volkswirtschaften wegen der globalen Rezession fast am Ende sind, steigt der Entwicklungsdruck mehr denn je. Es ist wie ein Tsunami wirtschaftlicher Verzweiflung, der die vernünftige Vorsicht überrollt und weitere, nicht nachhaltige und rücksichtslose Entscheidungen zum Ressourcenmanagement zulässt. Das wird uns in die zunehmende Realität des Klimawandels führen. Statt sicherzustellen, dass die Entwicklung von Küstenzonen klug geplant und gemanagt wird, erlauben Regierungen allzu oft eine touristische Entwicklung mit Yachthäfen, Hotels und Golfplätzen in Gebieten, die eigentlich zum Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel ausgewiesen werden müssten.

Weder Einheimische noch Touristen werden sicher sein, solange die Geschäftemacherei nicht durch eine vernünftige und wirksame Planung des Küstenmanagements in Schranken gehalten wird. Das Küstenmanagement muss sicherstellen, dass die natürlichen Grün- oder Pufferzonen gegen Wind und Wellen dadurch erhalten oder wiederhergestellt werden. Viele Experten, die den Tsunami und die Wirbelsturm-Katastrophen in Asien untersucht haben, sind der Meinung, dass die zerstörerischen Kräfte an den Stellen, wo es Mangroven, Korallenriffe, Sanddünen und andere natürliche Barrieren gab, sehr viel geringer waren. Dies hat vielen Menschen vor Ort das Leben gerettet. In anderen Gebieten, in denen es diese natürlichen Schutzbarrieren nicht mehr gab, waren die lokalen Gemeinschaften nun besonders gefährdet - hauptsächlich aufgrund unregulierter und schlecht geplanter industrieller Entwicklung entlang wichtiger Küstenzonen.

Ressourcenmanagement in den Händen von Gemeinschaften

Es wird zunehmend erkannt, dass lokale Gemeinschaften bei Entwicklungen, die ihr Leben und ihre Ressourcen betreffen, in Entscheidungen einbezogen werden müssen. Wo die einheimische Bevölkerung Verantwortung für den Schutz, die Wieder­herstellung und das Management ihrer natürlichen Ressourcenbasis übernimmt, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass diese Ressourcen - seien es Mangroven oder Wasserwege, landwirtschaftlich genutzter Boden oder Wälder - für zukünftige Generationen erfolgreich erhalten werden.

Üblicherweise war in den meisten Ländern immer das staatliche Forstministerium für die Waldbewirtschaftung zuständig. Das galt auch für die Mangroven in Thailand. Inzwischen gibt es in Thailand, wie auch in vielen anderen Ländern in Südostasien und anderswo, eine starke Bürgerbewegung zur Wiedererlangung der Kontrolle über die natürlichen Ressourcen. Das gilt insbesondere für Waldgebiete in Dorfnähe, und dies obwohl es keine klaren Gesetze gibt, die ein von den Gemeinschaften selbst getragenes Management stützen würden.

Förderung einheimischer Management-Kapazitäten

Das Katastrophenvorsorge-Programm der Ecumenical Coalition on Tourism (ECOT) gab dem Asien-Büro des Mangrove Action Projects Gelegenheit, an praktischer Trainingsarbeit zum Management natürlicher Ressourcen mitzuwirken. Das Mangrove Action Project führte Trainingsprogramme für Mitarbeiter der in Thailand ansässigen Asia Resource Foundation (ARF) und einige Führungspersonen aus den vom Tsunami betroffenen Gemeinden in den Provinzen Ranong, Phang Nga und Phuket durch. Aus diesen Trainingsprogrammen haben die Mitarbeiter von MAP die Erkenntnis mitgenommen, dass der Wissenstransfer durch Mitglieder einer im gemeindebasierten Management erfahrenen Dorfgemeinschaft an eine andere Gemeinschaft eine effektive Methode der Informationsvermittlung ist. Tourismus in den Händen von Dorfgemeinschaften kann ein wirksames Instrument sein, um den Schutz, die Wiederherstellung und die kluge Nutzung von Küstenressourcen zu fördern.

Tourismus in den Händen der Dorfgemeinschaft von Lion

Koh Phra Thong ist eine Insel in der Provinz Phang Nga, vor der andamanischen Küste. Es ist eine der am wenigsten entwickelten Inseln Thailands und war vom Tsunami 2004 schlimm betroffen. Das Dorf Lion wurde mit Unterstützung des Lion Club International für Überlebende des Tsunami gebaut. Hier sammeln sich Menschen aus verschiedenen Dörfern der Insel, darunter Moken (Seenomaden), Thailänder, Chinesen und jüngst auch Burmesen. Das Dorf Lion besteht aus 40 Haushalten und hat 126 Ein­wohner. Doch nicht alle Dorfbewohner leben dauerhaft im Dorf, denn es gibt zu wenige Möglichkeiten für sie, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die meisten Menschen sind von der Fischerei abhängig. Ein wenig Einkommen erzielen sie auch im Bausektor und von kleinen Cashew-Plantagen.

Das Mangrove Action Project arbeitet seit 2007 auf der Insel, um in Kooperation mit der italienischen Naturschutzorganisation Naucrates ein Umweltbildungsprogramm einzu­führen. Zu dem Projekt gehört auch, Alternativen zu entwickeln, mit denen die Dorfbe­wohner ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Ein von der Dorfgemeinschaft selbst getragener Tourismus war für Lion kein gänzlich neues Konzept. Einige Haushalte hatten bereits zuvor - in der Brutsaison der Meeresschildkröten 2007-2008 - inter­nationale Freiwillige von Naucrates aufgenommen. Elf Gastgeber waren daran interes­siert, die Idee eines ganzjährigen Home-Stay-Projekts weiterzuverfolgen. Nach einem zweitägigen Besuch zum Kennenlernen des Dorfes Talae Nok auf dem Festland in der Provinz Ranong waren die Teilnehmer von Lion entschlossen, es trotz der vielen damit verbundenen Herausforderungen, mit "gemeindebasiertem Tourismus" zu versuchen. Die Integration von Fragen der Sicherung des Lebensunterhalts und Umweltthemen in Talae Nok, dessen Bewohner ebenfalls von der Kleinfischerei abhängig sind, diente als hervorragendes Modell.

Die Bewohner von Lion haben kürzlich ihre eigene Initiative zur Wiederaufforstung von Mangroven gestartet. Vorbild war eine weitere Dorfgemeinschaft, die sie zuvor besucht hatten, und die ebenfalls auf einen Tourismus setzt, über den sie selbst die Kontrolle hat. Das zeigt deutlich den Veränderungsprozess von unabhängigen Fischern hin zu einer dörflichen Gemeinschaft von Fischern, die aktiv werden, um die gemeinsamen Ressourcen zu schützen, von der die gesamte Fischerei abhängig ist. Es stellt eine enorme Herausforderung dar und braucht viel Zeit, das gesteckte Ziel zu erreichen. Hat dieser Wandel jedoch erst einmal stattgefunden, wird die Dorfgemeinschaft von Lion sehr viel besser in der Lage sein, nicht nur mit Naturkatastrophen umzugehen, sondern auch mit von Menschen verursachten Bedrohungen, wie dem steigenden Meeres­spiegel oder der Erschließung durch die Tourismuswirtschaft.

Alfredo Quarto ist Direktor des Mangrove Action Projects (MAP), das er 1992 mitgegründet hat. Jim Enright arbeitet seit 2001 als Koordinator des Asienbüros von MAP in Trang, Südthailand.

Der Beitrag ist eine gekürzte, übersetzte Version des Beitrags "The View That Tourists Must Demand To See To Believe" aus dem neu erschienenen Buch "Disaster Prevention in Tourism - Perspectives on Climate Justice" von Ceasar D'Mello, Jonathan McKeown und Sabine Minninger (Red.), herausgegeben von der Ecumenical Coalition On Tourism, Chiang Mai, Thailand, 2009. ISBN 9789742356446. 317 Seiten.

Redaktionelle Bearbeitung und Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(7.538 Anschläge, 100 Zeilen, Dezember 2009)   

Stichworte: