Verantwortung für Menschenrechte als gemeinsame Aufgabe

Rebekka Macht
Expertenaustausch über Risiken und gute Ansätze auf dem World Travel Market in London

Zum 10. World Responsible Tourism Day auf dem World Travel Market (WTM) in London standen neben dem Klimawandel, nachhaltiger Entwicklung und Voluntourismus auch aktuelle Herausforderungen zu Menschenrechtsfragen auf der Agenda. Unternehmen müssen Menschenrechte in ihrem Alltagsgeschäft und im Umfeld ihrer Geschäftsaktivitäten achten und aktiv umsetzen. Von grundlegender Bedeutung ist dabei eine Kooperation der verschiedenen Akteure im Tourismus, so die zentrale Botschaft der Veranstaltung.

„Menschenrechte im Tourismus sind nicht neu“, eröffnete Matthias Leisinger vom Roundtable Human Rights in Tourism e.V. und Vizepräsident für Corporate Social Responsibility (CSR) beim Schweizer Reiseveranstalter Kuoni die Podiumsdiskussion zu Menschenrechten. Tourismus berge verschiedene Risiken, beispielsweise wenn Menschen nur eingeschränkten oder keinen Zugang zu Wasser haben oder ihre Rechte in Post-Konflikt-Gebieten wie in Sri Lanka oder Myanmar missachtet werden. Bürgerkriege, Konflikte, politische Unruhen, aber auch soziale Ungleichheiten und Naturkatastrophen seien Faktoren, mit denen Reiseanbieter konfrontiert sein können.

Kinderrechte im Fokus

Referentinnen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) machten auf die negativen Auswirkungen für Kinder aufmerksam (vgl.TW 82, März 2016). Dabei sind fehlende Kinderbetreuung, prekäre Arbeitsbedingungen für Frauen und geringer Verdienst nur einige Aspekte, durch die die Rechte von Kindern auf dem Spiel stehen. UNICEF führte 2015 zusammen mit Tourismusunternehmen ein Pilotprojekt in Vietnam und Mexiko durch, um zu untersuchen wie Unternehmenstätigkeiten speziell auf die Lebenswelt von Kindern wirken. Diese praktischen Analysen zeigen, wie Kinderrechtsrisiken aufgedeckt werden können. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie die Tourismusbranche zusammen mit der Zivilgesellschaft die Achtung der Menschenrechte gemeinsam und konkret angeht.

Ein kritischer Fokus im Hinblick auf die Missachtung von Kinderrechten wurde in der Veranstaltung auf den Waisenhaus- und Voluntourismus gelegt. Kinder werden zum Teil getrennt von ihren Familien in Waisenhäusern untergebracht, für deren Besuch und Unterstützung Freiwillige und Reisende bezahlen. Um solche Missstände abzuschaffen, sei die Beteiligung der Menschen in den Reiseländern von zentraler Bedeutung. Nur mit Hilfe von Gesprächen und Kooperation können touristische Projekte nachhaltig umgesetzt und Rechte gewahrt werden. Zudem müsse Kinderschutz in die Standards für Freiwilligenarbeit integriert werden, so Philip Mudge von der irischen Freiwilligenorganisation Comhlámh.

Menschenrechtsstrategien umsetzen

Viele Reiseveranstalter stellen sich bereits seit einiger Zeit diesen Menschenrechtsherausforderungen im Tourismus. „Es ist keine passive Verantwortung“, betonte Leisinger. Erforderlich sei kontinuierliches Handeln, das in die Geschäftsprozesse integriert werden müsse. Grundlage bilden die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die sehr klar eine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht für Unternehmen vorgeben und von ihnen verlangen, eine Menschenrechtsstrategie zu entwickeln und diese konsequent in ihren Geschäftsabläufen umzusetzen. Für Unternehmen bedeutet dies auch, sich öffentlich zu ihrer Verantwortung zu bekennen.

Ferner bestehen nicht nur potenzielle Risiken, sondern Unternehmen sollen die tatsächlichen Auswirkungen ihrer Tätigkeiten ermitteln, Missstände beenden und angemessen wiedergutmachen. Die Referenten des Roundtable Human Rights in Tourism und des britischen Reiseverbands ABTA bezeichneten insbesondere Risiken in den Zulieferketten als komplex. Wichtig sei, mit den Zulieferern gemeinsam nach Lösungen zu suchen und diese nicht einfach mit den Problemen alleine zu lassen.

Matthias Leisinger machte deutlich, dass durch einen Multistakeholder-Ansatz geeignete Systeme entwickelt werden können, um Menschenrechte innerhalb der Tourismusbranche zu achten. Der Roundtable Human Rights in Tourism e.V., der zum ersten Mal auf einer WTM-Veranstaltung vertreten war, ist eine solche Initiative, die bereits seit vier Jahren verschiedene Akteure auf internationaler Ebene zusammenbringt. Die gegenwärtig 27 Mitglieder — darunter Reiseveranstalter, Zertifizierer, Nichtregierungsorganisationen und Tourismusverbände aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Großbritannien — entwickeln zusammen praktische Empfehlungen für unternehmerisches Handeln im Tourismus.

Menschenrechte in fragilen Kontexten

Aktuell bietet der Roundtable ein neues Empfehlungspapier zu Menschenrechten in fragilen Kontexten an, um Reiseveranstalter stärker für Risiken zu sensibilisieren, die durch Tourismusentwicklungen in ehemaligen Konfliktgebieten entstehen. Die Empfehlungen entstanden auf Basis gemeinsamer Erfahrungen der Roundtable-Mitglieder und durch den Austausch mit Menschen vor Ort.

Als zentrales Ziel formulierten die Podiumsteilnehmenden auf dem WTM, den Dialog und ein breiteres Zusammenwirken zwischen den Akteuren zu stärken. Netzwerke oder Plattformen seien bereits vorhanden. „Menschenrechte gelten überall und für jeden“, erklärte Philip Mudge von Comhlámh mit Nachdruck. Demzufolge sind Reiseanbieter gefordert, für die Einhaltung der Menschenrechte im Tourismus an einem Strang zu ziehen, die Kommunikation in Gang zu bringen, die eigenen Wirkungen zu verstehen und Ansätze zu entwickeln, um Menschenrechte effektiv zu schützen.

Weitere Informationen: Roundtable Human Rights in Tourism: www.menschenrechte-im-tourismus.net

Der Orientierungsleitfaden für Tourismus in fragilen Kontexten im Internet (in Deutsch und Englisch): www.menschenrechte-im-tourismus.net/umsetzungs-dokumente/handlungsempfehlungen.html

Dr. Rebekka Macht ist Koordinatorin des Roundtable Human Rights in Tourism e.V. Der Roundtable ist eine Multistakeholder-Initiative zur Förderung der Menschenrechte im Tourismus.

(5565 Zeichen, Dezember 2016, TW 85)

Stichworte: