Urlaubskartell?

Zwei Rezensionen, ein Buch

Von Karin Chladek

Der Politikwissenschaftler Rüdiger Liedtke analysiert in sehr anschaulicher Weise die Konzentrationsprozesse der Branchenriesen, die
in den letzten Jahren die Tourismusindustrie in ihren Strukturen grundlegend verändert haben. Gekonnt zeigt Liedtke auf, welche Mechanismen und Verflechtungen das Geschäft mit den sogenannten
"schönsten Wochen des Jahres" zu einem Milliardenspiel gemacht haben, bei dem immer mehr Abhängigkeiten entstehen. Er führt vor allem am
Beispiel der drei Großkonzerne "World of TUI", "Thomas Cook" und "Rewe-Touristik" vor Augen, wie immer mehr Druck auf Länder und Regionen, auf Mitarbeiter und auf kleine und mittlere Mitbewerber (unabhängige Reiseveranstalter, Reisebüros und Hoteliers) ausgeübt wird. Besonders bemerkenswert ist der kritische Blick, den der Autor auf die Auswirkungen des Massentourismus und ganz besonders des All-inclusive-Geschäfts in den Ländern des Südens wirft. Er stellt fest, dass die Konzerne ihrer ökologischen, sozialen und kulturellen Verantwortung, die sie gegenüber den Gastgeberländern und -regionen haben, bislang nur sehr unzureichend und oft nach dem "Feigenblatt"-Prinzip nachkommen. Liedtke entlarvt auch die angebliche Vielfalt des Angebots der "Big Player", die den Kunden durch üppige Kataloge und verschiedene Marken vorgegaukelt wird. Ganz nebenbei gibt der Autor auf kompakten 170 Seiten einen Überblick über die Strukturen und Institutionen der deutschen wie europäischen Tourismuswirtschaft.
Ein Muss für alle, die hinter die Kulissen der Branche blicken möchten – einer Branche, die wie kaum eine andere mit Träumen spielt, welche in
Wirklichkeit längst geplatzt sind.

Von Jörn W. Mundt

Schon der Titel des Buches enthält eine Unterstellung. Er setzt nämlich die Existenz eines Zusammenschlusses von Großunternehmen voraus, das den Wettbewerb auf dem Reisemarkt aushebelt. Um es gleich vorwegzunehmen: Den Beweis dafür bleibt Rüdiger Liedtke uns schuldig. Beweise und Belege sind generell die Sache des Autors nicht. Gleich auf der ersten Seite behauptet er ohne Beleg, sechs Großveranstalter beherrschten über 85 Prozent des deutschen Marktes. Nach mehrfachen Wiederholungen rückt er erst auf S. 66 seine Datenquelle heraus: Es ist, wie vermutet, die Dokumentation "Deutsche Veranstalter 2001" der deutschen Fachzeitschrift FVW, die ganze fünfzig (!) von den ca. 2.000 deutschen Reiseveranstaltern erfasst. Einem Autor, der vorgibt, sich kritisch mit dem Reisemarkt auseinandersetzen, hätte ein solcher Lapsus nicht passieren dürfen. Aber auch begriffliche Genauigkeit ist ihm fremd. Er setzt "die Reisebranche" durchgängig mit dem Veranstaltermarkt gleich und lässt so den Eindruck entstehen, als dominierten die Konzernreiseveranstalter den gesamten Reisemarkt. Dass die Mehrheit der Urlaubsreisen in Deutschland individuell organisiert sind, wird damit ebenso ignoriert wie fast der gesamte Busreisemarkt, auf dem die großen Veranstalter kaum eine Rolle spielen. Dazu kommen weitere Begriffsverwirrungen und Ungenauigkeiten, die an der Recherchefähigkeit des Autors zweifeln lassen. Unangebracht polemische Formulierungen lassen zudem auf ein Feindbild des Autors schließen, das offensichtlich auch bei der Formulierung Pate gestanden hat, nach der "die drei großen deutschen Reisekonzerne … in teilweise neureicher Attitüde die wichtigsten Absatzmärkte in Europa … okkupiert" haben (S. 73). Schlampigkeiten, Wiederholungen und terminologische Kapriolen verstellen nicht nur den Blick auf ein in der Tat interessantes Thema, sondern machen weitgehend noch das Wenige zunichte, was der Autor mit seinen Recherchen zu diesem Buch zutage gefördert hat. Damit bleibt eine ernstzunehmende und für ein großes Publikum geschriebene kritische Auseinandersetzung mit den Entwicklungen auf dem Reisemarkt weiterhin ein Desiderat.

Rüdiger Liedtke: Das Urlaubs Kartell. Der Reisemarkt im Griff der Konzerne. Frankfurt am Main 2002, Eichborn Verlag, 167 Seiten, ISBN 3-8218-3911-2