Unter widrigen Umständen gemeinsam Handeln

Christina Kamp
Drei Fragen an Raed Saadeh, Jerusalem Tourism Cluster

Wer sich entschließt, ins „Heilige Land“ zu reisen, tut dies meist erst nach reiflicher Überlegung. Zu groß sind oft die Bedenken, eine Region zu bereisen, die sich immer wieder als Pulverfass erweist. Doch in der geteilten Stadt Jerusalem liegen wichtige heilige Stätten des Judentums, des Christentums und des Islam. Zur Bedeutung von Sicherheit für die Einwohner, die Tourismuswirtschaft und die Besucher Ost-Jerusalems befragten wir Raed Saadeh. Er ist Hotelier im arabischen Teil Jerusalems und hat dort Zusammenschlüsse lokaler Tourismusakteure, wie das „Jerusalem Tourism Cluster” (JTC), initiiert.

TW: Welchen Einfluss hat die Sicherheitslage auf den Tourismus in Ost-Jerusalem?

Raed Saadeh: Die Mauer, die die israelische Regierung um die Stadt gebaut hat, hat die Stadt von ihrem lokalen Markt und ihrem Hinterland abgeschnitten. Damit wurde das Potenzial der Stadt für den inländischen Tourismus erstickt, denn die Einwohner sind dadurch gezwungen, die Stadt zu verlassen, um ihre Freunde und Familien in Ramallah, Bethlehem, etc. zu besuchen.

Ausländische Reisende sind von Fernsehbildern von Gewalt oft verunsichert. Es entsteht – entgegen der Realität – der Eindruck, Jerusalem sei eine gefährliche Stadt. Touristen sind kein Angriffsziel im israelisch-palästinensischen Konflikt. Diese Tatsache wird oft missverstanden, doch Jerusalem ist dadurch ein sehr sicheres Reiseziel.

Die Israelis haben in Bezug auf die palästinensischen Einwohner in der Stadt eine dreigliedrige Strategie entwickelt, angefangen mit einer Phase der Rückentwicklung, in der der palästinensische Stadtteil marginalisiert wird und nicht mehr in der Lage ist, als existenzfähiger und lebendiger Stadtteil zu bestehen. Dies schadet auch der palästinensischen Tourismuswirtschaft. Von 43 Hotels in Ost-Jerusalem im Jahr 2000 sind heute nur noch 28 übrig geblieben. In ähnlicher Weise gilt das auch für Souvenirläden, Kunsthandwerker, etc.

Die zweite Phase ist die Integration, in der das marginalisierte Viertel ganzheitlich und vollständig in das israelische System eingegliedert wird. Sie führt zu einer starken Verfälschung des Kulturerbes und der kulturellen Identität. In der dritten Phase folgt dann die Gentrifizierung.

Eine weitere Herausforderung ist die Saisonalität des Tourismus. Der palästinensische Tourismus in Jerusalem ist stark vom christlichen Pilgermarkt abhängig. Dieser Markt beschränkt sich auf etwa vier Monate im Jahr. Diese Art von Tourismus ist zudem sehr empfindlich gegenüber Änderungen der politischen Lage oder der Sicherheitslage.

TW: Und umgekehrt: Beeinflusst der Tourismus die Sicherheitslage in Jerusalem?

Raed Saadeh: Wenn der Tourismus gut läuft, verändert sich zweifellos die Stimmung in der ganzen Stadt, es scheint Hoffnung am Horizont und die Menschen freuen sich auf positive Veränderungen. Auch die Interaktion mit Touristen wird als positive gestaltende Kraft wahrgenommen, denn sie gibt den Menschen Hoffnung und im direkten Kontakt erfahren Gastgeber und Gäste etwas übereinander.

Der Tourismus ist der wichtigste Motor der Wirtschaft in der Stadt. Seine Wertschöpfungskette ist lang und vielschichtig. Dieser Sektor ist von zentraler Bedeutung für die Belastbarkeit der palästinensischen Gesellschaft in Jerusalem, nicht nur wirtschaftlich, sondern besonders als Entwicklungsinstrument. Der Tourismus kann positive Auswirkungen auf viele Bereiche haben: auf Bildung, den Schutz des kulturellen Erbes, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den interkulturellen Austausch, die Herstellung und Förderung von Kunsthandwerk und auf viele weitere Bereiche menschlicher Entwicklung und Qualifikation.

Wenn der Tourismus gut gemanagt wird und die diffusen Ängste bezüglich eines Besuchs der Stadt Jerusalem überwunden werden, im Wissen, dass Jerusalem eine Stadt für alle ist und jede(n) willkommen heißt, kann der Tourismus eine wichtige positive Rolle spielen.

TW: Worum geht es dem „Jerusalem Tourism Cluster” und wie arbeitet es?

Raed Saadeh: Die Cluster-Methode ist einfach ein Versuch, in einem geografisch definierten Gebiet kollektives Handeln im Zusammenhang mit einem bestimmten im Wettbewerb stehenden Wirtschaftssektor zu erreichen. Das Jerusalem Tourism Cluster (JTC) ist eine gemeindebasierte Initiative, die alle Sektoren bündelt, die direkt oder indirekt mit dem Tourismus zu tun haben. Die Idee dahinter ist, Jerusalems Chancen als Reiseziel zu verbessern. In Abwesenheit der palästinensischen Regierung agieren und wirken wir gemeinsam quasi als Destinationsmanagement-Organisation.

Das JTC hat die Webseite www.enjoyjerusalem.com als Marke und als Marketinginstrument entwickelt. Es hat 2015 die erste wissenschaftliche Konferenz zum Tourismus in der Stadt organisiert und hat einige neue Reiserouten entwickelt und Bücher und Materialien veröffentlicht, um diese zu bewerben. Eine Reihe von Fortbildungsmaßnahmen wurden entwickelt und viel Lobbyarbeit betrieben, um auf Grundlage von Prinzipien, Konzepten und Methoden gemeindebasierter Entwicklung die Vernetzung und Partnerschaften zwischen verschiedenen Bereichen zu fördern und den Tourismus vielfältiger zu gestalten.

Weitere Informationen: http://jerusalemtc.org, www.jerusalemtourismconference.com

(5.294 Zeichen, Juni 2016, TW 83)

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