Unter unseren Füßen

Susanne Stemann-Acheampong
Sklaverei-Geschichte in Ghana

Bevor ich Elmina zum ersten Mal besuchte, hatte ich viele Wochen in einem einfachen Viertel von Accra verbracht, zwischen eng gedrängten Häusern und Hütten, Kleinhändler-Kiosken und überlasteten Straßen. Dann aber stand ich eines Tages vor der Festung, die im 16. Jahrhundert als São Jorge da Mina von den Portugiesen erbaut und 1637 von den Holländern erobert wurde. Als St. George’s Castle war sie von 1872 bis zur Unabhängigkeit Ghanas in britischem Besitz. Heute gilt Elmina Castle als eine der touristischen Sehenswürdigkeiten Ghanas.

Der erste Eindruck: ein wohl proportionierter Bau, hohe weiße Burgwände, gegliedert durch einen imposanten Turm, Rundbögen und eine Säulengalerie vor einer luftigen Veranda, alles überwölbt vom weiten blauen Himmel – ein berückendes Beispiel europäischer Baukultur und seit 1979 UNESCO-Weltkulturerbe. In der Festung setzt sich dieser Eindruck fort: dekorative Fassaden-Gliederungen aus gelben und roten Backsteinen, elegante Balustraden und kunstvoll geschmiedete Balkongeländer.

Sklavenfestungen als Orte des Schreckens

Aber dann erzählt der Guide in einem der Innenhöfe, wie hier einst gefangene Afrikanerinnen bis zum Zusammenbruch in der Sonne stehen mussten, mit den Fußknöcheln angekettet an zwei großen Kanonenkugeln, weil sie dem Gouverneur sexuell nicht zu Willen sein wollten. Wir werden in den angrenzenden, fensterlosen Gewölbe-Raum geführt, in dem die Frauen bis zu ihrer Verschiffung nach Amerika „eingelagert“ wurden, so eng, dass sie sich kaum den Ausscheidungen und Krankheiten ihrer Mitgefangenen entziehen konnten. Die Ausdünstungen scheinen als übler Geruch noch heute aus den Mauern zu kommen.

Danach tasten wir uns durch eine Reihe stockdunkler Keller. Wenn ein Transport-Segler vor der Küste von Elmina angelegt hatte, um Sklavinnen und Sklaven aufzunehmen, wurden sie in großer Zahl aus den Lagerräumen durch diese Keller getrieben, bis zu einem kleinen Gewölberaum, der nur von einem ganz schmalen Tür-Durchbruch in der Außenwand erhellt wird: dem „Gate of no return“. Dieses „Tor ohne Wiederkehr“ wurde absichtlich so eng gebaut, dass jeweils nur ein einzelner Gefangener hindurch passte. Ein gemeinschaftlicher Ausbruchsversuch in letzter Minute war dadurch ausgeschlossen. Die Sklavinnen und Sklaven wurden von den Wächtern einzeln durch den Ausgang in darunter wartende Kanus gestoßen, die sie dann zum vor Anker liegenden Schiff brachten – zur nächsten und oft letzten Etappe ihrer Versklavung – einer Reise, die sie ohne Wiederkehr in einen unbekannten Kontinent führte oder schon unterwegs den Tod bedeutete.

Rückkehr zum „Gate of no return“

Im Dämmerlicht vor dem „Gate of no return“ sehen wir auf dem Boden Kränze und Blumengebinde aus Plastik liegen. Widmungskarten und Aufschriften auf Deko-Schleifen versuchen die Finsternis zu durchdringen: „In ewiger Erinnerung an unsere Ahnen“, „Wir sind hierher zurückgekehrt, wo Ihr einst herkamt“. Afroamerikanische Besucherinnen und Besucher drücken damit die Verbundenheit mit ihren afrikanischen Vorfahren und ihre Ehrfurcht vor dem Leiden der Ahnen aus, aber auch den Stolz, dass selbst in der Sklaverei das Leben weiter gegeben wurde und sie deswegen nun zum „Gate of no return“ zurückkehren konnten.

Für mich als Europäerin gibt es keine solche tröstliche Ermutigung. Sklavenfestungen wie Elmina Castle erlebe ich nicht nur als „Ortedes Schreckens“, sondern auch als Orte einer historischen Schuld, mit der ich ganz sinnfällig konfrontiert werde – vergleichbar mit dem, was ich als Deutsche bei einer Führung durch das Konzentrationslager Bergen-Belsen gefühlt habe.

Auch hier wird das „Niemals wieder“ betont – allerdings etwas anders akzentuiert: Ein Marmorschild am Ausgang des großen Innenhofs verknüpft die Erinnerung an die Ahnen und ihr Leiden mit dem Wunsch, dass die Menschheit „niemals wieder“ ein solches Unrecht verüben möge und leitet daraus eine entsprechende Verpflichtung für alle Lebenden ab, nicht nur für die weißen Kolonisatoren und deren Nachfahren.

Historische Schuld und heutige Verantwortung

Tatsächlich werden europäische Besucherinnen und Besucher während der Führung durch den „Ort des Schreckens“ nicht ausdrücklich auf die Anklagebank gesetzt. Die Grabinschrift eines holländischen Gouverneurs bezeichnet ihn als gottesfürchtigen, guten Mann. Die ghanaischen Guides lesen die Inschrift zwar mit kritischem Unterton vor und verweisen auf die Zuständigkeiten der Holländer im Sklavenhandel. Ausdrückliche und dramatische Schuldzuweisungen sprechen sie aber nicht aus.

Freilich wird auch nicht thematisiert, wie weit die Afrikaner selbst aktiv in den Sklavenhandel involviert waren: Als Sklavenhändler erbeuteten sie ihre menschliche „Ware“ in kriegerischen Raubzügen und trieben sie in langen Leidensmärschen zur Küste. Als Chiefs der traditionellen Stammesgemeinschaften duldeten sie nicht nur die Gefangenen-Trecks durch ihre Herrschaftsgebiete, sondern verkauften auch missliebige Untertanen und Kriegsgefangene. Die Aufarbeitung und Bewältigung dieser Vergangenheit wird in Ghana noch nicht als kollektive Aufgabe wahrgenommen.

In einem großen hellen Raum des Elmina Castle weist der Guide kritisch auf die Inschrift eines Bibel-Zitats hin: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels“ (Genesis 28:17). Die holländische Burgbesatzung habe hier ihre Gottesdienste gefeiert, ohne daran zu denken, dass zwei Stockwerke tiefer, quasi unter ihren Füßen, die Sklavinnen und Sklaven im Keller litten.

So unsensibel sind die heutigen Besucherinnen und Besucher der Festung gewiss nicht. In unserem ghanaischen Tourismusprojekt KASAPA Centre erlebe ich immer wieder, dass die Gäste das Bedürfnis haben, über ihre Eindrücke und ihre Erschütterung zu sprechen – vor allem, wenn ihnen erst in der Festung von Elmina klar geworden ist, wie weit europäische Länder historisch und wirtschaftlich in den Sklavenhandel verwickelt waren. Manchmal sprechen wir dann auch über ganz aktuelle Formen moderner Sklaverei, zum Beispiel wie wir damit umgehen, dass an heutigen „Orten des Schreckens“ asiatische Fabrikarbeiterinnen billige Ware für unseren Konsum herstellen.

Susanne Stemann-Acheampong und ihr Mann Kofi B. Acheampong leiten das Tourismusprojekt KASAPA Centrein Ghana, das einen nachhaltigen, sozial integrierten Tourismus fördert und mit dem TO DO 2000 für sozialverantwortlichen Tourismus ausgezeichnet wurde.

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