Unnütz oder unverzichtbar?

Wolfgang Strasdas
Zertifizierung für nachhaltigen Tourismus in Deutschland

Nachhaltigkeit ist ein weit gefasstes Konzept, unter dem sich alles Mögliche verstehen lässt. Um Beliebigkeit zu vermeiden, muss klar definiert werden, was z.B. ein nachhaltiges Tourismusunternehmen oder eine nachhaltige Destination ausmacht. Und es muss glaubhaft überprüft werden, ob Unternehmen, die behaupten, nachhaltig zu sein, es auch tatsächlich sind.

In Zeiten zunehmend komplexer globaler Lieferketten ist es kaum noch möglich, sich persönlich zu überzeugen, ob ein Produkt nachhaltig ist oder nicht. Gesetzliche Regelungen greifen in den meisten Fällen nicht weit genug. Dies gilt insbesondere auch für den internationalen Tourismus. Unabhängige Zertifizierung ist daher ein zentrales Instrument, Konsumenten und Geschäftspartnern anhand nachprüfbarer Nachhaltigkeitskriterien Orientierung zu geben. Der (relative) Erfolg von Bio- und Fair-Trade-Produkten wäre ohne Zertifizierung nicht möglich gewesen.

Laut Reiseanalyse (FUR 2014) geben 42 Prozent der Befragten an, ein „klares Siegel/Gütezeichen“ wäre hilfreich für ein nachhaltigeres Reiseverhalten. Den allerwenigsten sind solche Zertifikate jedoch bekannt, obwohl in Fachkreisen geradezu von einem „Label-Dschungel“ gesprochen wird. Konstatiert wird weiterhin, dass es zwar eine Vielzahl von Zertifikaten gebe, jedoch im Vergleich dazu kaum zertifizierte Tourismusunternehmen. Kann man daraus den Schluss ziehen, das Instrument freiwilliger Zertifizierung sei gescheitert und man brauche stärkere gesetzliche Regulierung? Oder müsste mehr für eine stärkere Verbreitung und einen größeren Bekanntheitsgrad der Gütezeichen unternommen werden? Wie anspruchsvoll und wie glaubwürdig sind schließlich die existierenden Zertifikate selbst?

Analyse von Tourismus-Zertifizierungen

Diesen und weiteren Fragen geht seit Ende 2015 ein Forschungsprojekt nach, welches das Zentrum für Nachhaltigen Tourismus (ZENAT) der Hochschule Eberswalde im Auftrag des Bundesumweltministeriums bearbeitet. Insgesamt wurden in Deutschland 34 tourismusbezogene Zertifizierungssysteme identifiziert, die 44 Zertifikate an unterschiedliche Zielgruppen – überwiegend Beherbergungsbetriebe – für Nachhaltigkeit oder Umweltfreundlichkeit vergeben.

Die Zertifizierung nachhaltiger Destinationen ist ein neuerer Trend. Die Zahl zertifizierter Einheiten ist mit ca. 4.500 erstaunlich hoch, wobei hier jedoch ein Großteil auf die segmentspezifischen Siegel „Wanderbares Deutschland“ und „Partner der Nationalen Naturlandschaften“ entfällt. Die Marktabdeckung liegt im Beherbergungsbereich bei ca. fünf Prozent, bei Reiseveranstaltern und Reisebüros sehr deutlich darunter. Höhere Marktanteile sind lediglich bei zertifizierten Golfplätzen und Qualitäts-Naturparken zu verzeichnen.

Viel Umwelt, wenig Soziales

Die Qualität der Zertifizierungssysteme wurde anhand ihrer Inhalte (Bandbreite, Anspruch, Detaillierungsgrad) und ihrer Verfahrensweisen (Vergabevoraussetzungen, Transparenz, Verifizierung) bewertet. Die Bewertung orientierte sich an den Global Sustainable Tourism Criteria (GSTC), der ISO 26.000 und dem Standard der International Social and Environmental Accreditation and Labelling Alliance (ISEAL Alliance). Bei der Analyse in Deutschland ist ein klares Übergewicht ökologischer Kriterien (56 Prozent) festzustellen. 36 Prozent beziehen sich auf ökonomische, Qualitäts- und Managementaspekte und nur acht Prozent auf soziale Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit im umfassenden Sinne wird nur von jedem zehnten Zertifizierungssystem abgedeckt. Es werden meist Leistungskriterien abgefragt. Nur die Hälfte der Zertifizierer fordert eine kontinuierliche Verbesserung der Unternehmens-Performance oder der dahinter stehenden Prozesse und Managementsysteme.

Die Mehrheit der untersuchten Zertifizierungssysteme wendet unabhängige Überprüfungsverfahren an, doch werden bei mehrjähriger Vergabe zu selten Zwischen-Audits durchgeführt. Die Transparenz der Standards ist in den meisten Fällen gegeben. Insgesamt zeigt ein Drittel der Systeme bei einzelnen Aspekten aber deutliche Schwächen. Fünf Standards können inhaltlich und strukturell als besonders hochwertig eingestuft werden.

Wirksamkeit erhöhen

In einem Experten-Workshop wurde der Sinn von Zertifizierung von der Mehrheit der Teilnehmenden bestätigt. Es bestand auch weitgehender Konsens, dass hohe Ansprüche an Zertifizierungssysteme gestellt werden sollten. Punktuell hätte es dank Zertifizierung Fortschritte in Richtung nachhaltiger Tourismus gegeben, etwa im Bereich Green Meetings. Doch herrschte fast unisono Einigkeit darüber, dass die Wirksamkeit von Zertifizierungssystemen durch verschiedene – vor allem staatliche Maßnahmen – erhöht werden müsste. Die Tourismusunternehmen und -verbände erwarten sich dabei vor allem Fördermaßnahmen, wie eine Bezuschussung der Zertifizierungskosten. Doch gab es auch viele Stimmen, die klare Qualitäts-Standards für Zertifizierungssysteme forderten, sei es in Form von unverbindlichen Empfehlungen bis hin zu einem staatlichen Mindeststandard, ähnlich dem „Bio-Sechseck“ bei Lebensmitteln.

Freiwilligkeit reicht nicht aus

Letzteres erscheint angesichts der geringen Verbreitung wirklich umfassender Nachhaltigkeitszertifikate unumgänglich. Bisher haben sich im Tourismus vor allem Zertifizierungssysteme halbwegs erfolgreich etabliert, die einen eng gefassten Ansatz verfolgen. Die Tourismuswirtschaft in Deutschland konnte bis dato nicht demonstrieren, dass sie freiwillig in substanziellem Maße zu einer nachhaltigen Entwicklung beigetragen hat. Aber auch die Konsumenten können sich angesichts 4.500 zertifizierter Betriebe und Destinationen und zahlreicher Ratgeber (wie etwa dem „Wegweiser durch den Label-Dschungel“) nicht damit herausreden, es gebe keine nachhaltigen Angebote und keine diesbezüglichen Informationen. Insofern ist hier ein Marktversagen zu konstatieren, das ein stärkeres staatliches Eingreifen erfordert.

Prof. Dr. Wolfgang Strasdas ist Leiter des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus (ZENAT) an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung, Eberswalde.

(5.856 Zeichen, März 2016, TW 82)

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