Tourismus, Müll und Meer

Ute Dilg-Saßmannshausen
Gefahren durch immer mehr Plastik

Über eine Million Besucher entspannen sich jedes Jahr an den Stränden der Malediven und baden im Indischen Ozean. Mit Folgen: Pro Tag produzieren die 101 Urlaubsressorts und 157 Hausboote über 140 Tonnen an Müll. Das ist etwa ein Viertel des gesamten Abfalls, der auf den Malediven produziert wird.

Das hat eine Erhebung des Tourismusministeriums des Landes im Jahr 2015 ergeben. Tendenz steigend. Ein Teil davon wird jeden Tag nach Thilafushi verschifft. Seit 1992 landen in der ehemaligen Lagune Sonnencremeflaschen, Mülltüten, Batterien, Reifen, Essensreste und anderer Müll. Thilafushi ist die Müllkippe im Inselreich der Malediven. Sie ist mittlerweile die höchste Erhebung des Landes. Gastarbeiter aus Bangladesch stochern auf der Müllkippe nach Glas und verwertbarem Metall. Der Rest verbrennt nahezu unsortiert oder landet letztlich im Wasser.

Plastik im Meer gefährdet Tier und Mensch

Mehr als 10 Millionen Tonnen Plastikabfälle gelangen jedes Jahr in die Weltmeere. Im Jahr 2025 könnte sich die Menge verzehnfacht haben, so die Befürchtung des Naturschutzbunds (NABU), sollten Mensch und Wirtschaft an ihrem Verhalten nichts ändern. Im Meer hat Plastik eine Haltbarkeit von bis zu 450 Jahren. Durch Salz, Sonne und Reibung wird es zwar langsam zersetzt, doch dadurch werden giftige Inhaltsstoffe freigesetzt. Meerestiere und Seevögel verwechseln die Plastikteile mit Nahrung. Viele sterben dann an inneren Verletzungen oder verhungern mit vollem Magen. Mikroplastikpartikel und gelöste Inhaltsstoffe des Plastiks wie Weichmacher gelangen über Fische und andere Meerestiere in die Nahrungskette des Menschen.

Nach Schätzungen der UN-Umweltprogramms (UNEP) schwimmen bis zu 18.000 Plastikteile auf jedem Quadratkilometer Wasseroberfläche. Das sind etwa 15 Prozent des gesamten Meeresmülls. 70 Prozent davon liegt auf dem Meeresgrund, die restlichen 15 Prozent an den Küsten. Also genau dort, wo Urlauber saubere Strände, unberührte Küstenlandschaften und klares Meerwasser erwarten. So ergab eine Befragung von Touristen auf den Kapverden, durchgeführt von der britischen Travel Foundation, dass herumliegender Müll das Urlaubserlebnis der Besucher schmälert und sich die Touristen vor allem eine bessere Abfallentsorgung an den Stränden wünschten. Derzeit berät die Organisation Hotels in Sal und Boa Vista, wie sie ihr Müllaufkommen senken können.

Verschmutzte Küsten als globales Problem

Doch nicht nur die tropischen Inseln haben ein Müllproblem. Verschmutzte Küsten gibt es mittlerweile weltweit. So erklärte das deutsche Umweltbundesamt im Juni, dass die Belastung der heimischen Meere, also der Nord- und Ostsee, „besorgniserregend“ sei. Bei Untersuchungen an den Nordsee-Stränden wurden im Schnitt 389 Müllteile auf hundert Metern gefunden, an der Ostsee waren es 70 Teile auf hundert Metern. Der Großteil davon ist Plastik. „Wir müssen weg von Einwegplastik und Kurzlebigkeit“, betont Kim Detloff. Der Meeresbiologe leitet das Team Meeresschutz beim NABU-Bundesverband. Er fordert gesetzliche Regelungen zur Reduktion des Kunststoffverbrauchs und bedauert, dass gerade in Deutschland in diesem Bereich oft auf Freiwilligkeit gesetzt werde. „Manche Dinge muss man ordnungsrechtlich regeln.“

Über die Website http://www.gewaesserretter.de organisiert der NABU Müllsammelaktionen an den deutschen Küsten, Flüssen und anderen Gewässern. Dafür arbeitet die Naturschutzorganisation mit den Verbänden der Segler und Kanuten zusammen. Mittlerweile kommen auch immer wieder Anfragen von Tourismusverbänden und Küstenkommunen. Die größte weltweite Müllsammelaktion an den Küsten findet immer im September statt, 2017 zum 31. Mal: der International Coastal Cleanup. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von der US-amerikanischen Ocean Conservancy. 2016 haben 800.000 Freiwillige über 8.000 Tonnen Müll an Küsten weltweit gesammelt, berichtet die Organisation.

Strandreinigung als Umweltbildung und Erwerbsgrundlage

Doch bringen solche Cleanup-Aktionen wirklich eine Entlastung für die Meere? „Wichtig wäre natürlich in erster Linie eine Reduktion von Kunststoff weltweit“, erklärt Kim Detloff. Strandsäuberungen hält er dennoch für sinnvoll, um zu erfassen, wo der Abfall überhaupt herkommt. Erst dann könne man zielgerichtet reduzieren. Außerdem seien sie wichtig für die Umweltbildung. „Wer einmal einen Tag lang Müll gesammelt hat, schnippt seine Zigarette nicht mehr einfach so auf den Boden“, ist Detloff überzeugt. Auch Touristen solle man mit einbeziehen. „Es führt Besuchern vor Augen, dass Müll ein globales Problem ist und dass jeder zur Lösung des Problems beitragen kann.“

Auch das Müllsammelteam der Watamu Marine Association (WMA) nahm 2016 am International Coastal Cleanup teil. Watamu ist ein Ort etwa 150 Kilometer nördlich der kenianischen Metropole Mombasa. Dort arbeiten Umweltschützer, Dorfbewohner, Hotels und Anbieter von Touren mittlerweile zusammen, um das fragile Ökosystem im Wanatu Meeresnationalpark zu schützen. Die Verschmutzung des Nationalparks bedroht die Lebensgrundlage nicht nur der dort lebenden Tiere, sondern auch der Menschen, die vorwiegend vom Tourismus leben.

Deshalb entwickelte die WMA 2009 ein Abfallentsorgungssystem. Ein Team aus vormals arbeitslosen Frauen und Jugendlichen säubert seitdem einmal pro Woche die Strände. Die Abfälle werden in einer örtlichen Recyclinganlage sortiert und für den Verkauf vorbereitet. Sogar Kunst entsteht aus weggeworfenen Flip-Flops und Plastik. Souvenirs aus Meeresmüll für die Touristen werden zur Einkommensquelle. So schließt sich der Kreis zumindest in Watamu.

Weitere Informationen

Die Müll-Hölle von Thilafushi (Deutschlandfunk)

Studie zum Thema Waste Management auf den Malediven (Ministerium für Tourismus)

Fakten Meeresmüll deutsche Nord- und Ostsee (Umweltbundesamt)

Gewässerretter des NABU

International Costal Cleanup

Abfallentsorgung in Watamu, SEED Case Study zu Watamu

Projekt Greener Hotels auf den Kapverden (Travel Foundation)

(September 2017, TW 88)

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