Tourismus ist keine Entwicklungshilfe

Antje Monshausen
„Entwicklungsfaktor Tourismus“

Unter dem Titel „Entwicklungsfaktor Tourismus“ hat der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) eine umfangreiche statistische Analyse der Ausgaben von deutschen Reisenden in Entwicklungs- und Schwellenländern vorgestellt. Die Studie erlaubt eine differenzierte Betrachtung der Höhe und Art der Ausgaben vor Ort und ermöglicht eine vorsichtige quantitative Abschätzung daraus resultierender Beschäftigungseffekte. Damit leistet die Studie einen spezifischen Beitrag zur notwendigen und vielschichtigen Diskussion um die Rolle des Tourismus bei der Wirtschaftsentwicklung ärmerer und sich entwickelnder Länder. Weiterreichende Interpretationen zu entwicklungspolitisch relevanten gesellschaftlichen Wirkungen sind jedoch nicht möglich. Die Studie belegt vielmehr, dass die Gleichung „Tourismus = Entwicklung“ ganz allgemein nicht haltbar ist.

Während der Nachweis, dass die Reisenden Devisen in ökonomisch schwache Länder bringen, noch hinreichend banal ist und die Studie dazu belastbare Zahlen liefert, schwächeln die Erkenntnisse zu breiteren gesellschaftlichen und sozioökonomischen Wirkungen erheblich. So verbessere sich global gesehen der Bildungsindex der Bevölkerung in einem Entwicklungs- oder Schwellenland um 0,02 Punkte, wenn sich die Anzahl der international Reisenden verdoppelt. Eben diese Verdoppelung führt laut Studie zu einem verbesserten Zugang zu Elektrizität von 0,7 Prozent. Weiterhin wurde der Zusammenhang zwischen der Einkommensgleichheit und der Anzahl der Reisenden untersucht. Während die Gleichheit mit steigenden Touristenzahlen zu Beginn zunimmt, scheint der Tourismus auf längere Sicht einer Gleichverteilung der Einkommenssteigerungen entgegenzuwirken. Alle Detailergebnisse der Studie zusammengefasst bleibt der Eindruck, dass die vorschnelle Gleichsetzung von Tourismus und Entwicklung auf Grundlage der statistischen Analysen eher in Frage gestellt als bekräftigt wird.

Erschreckend ist nicht nur der geringe Nutzen des Tourismus, sondern auch die Bedingungen, unter denen dieser überhaupt erreicht wird: Eine Verdoppelung der internationalen Tourismusankünfte bedeutet eine extreme Zunahme von Flügen auf der Mittel- und Langstrecke. Der dabei entstehende Klimaschaden, der die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern besonders trifft, bleibt ohne Berechnung. Dieses „Entwicklungsszenario“ ist alles andere als nachhaltig und verschlechtert die Lebenssituation insbesondere armer Bevölkerungsteile. Dass diese realen ökologischen Kosten unberücksichtigt bleiben, ist eines der größten Defizite der Studie. Einseitig auf internationalen Tourismus und quantitatives Wachstum zu setzen, wird die externe Abhängigkeit von Entwicklungs- und Schwellenländern weiter erhöhen und diese im Fall von Naturkatastrophen und Reisewarnungen besonders treffen.

Über rein ökonomische Betrachtungen hinausgehen

Das soll nicht heißen, dass Tourismus grundsätzlich mehr schadet als nutzt. Doch bedürfen die Zahlen einer Überprüfung auf lokaler Ebene. Dabei darf Tourismus nicht isoliert und unter rein ökonomischen Vorzeichen betrachtet werden. Die Frage, welche Art von Tourismus in welchem Umfang gewollt ist, muss vor Ort gemeinsam von Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft ausgehandelt werden. Wirtschaftliche Impulse auf der einen Seite, Menschenrechtsschutz, sinnvolle Tragfähigkeitsgrenzen und Nachhaltigkeitsstrategien auf der anderen Seite schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich.

In Bezug auf Entwicklungs- und Schwellenländer bedeutet dies, die Potenziale für regionalen und nationalen Tourismus systematisch und verantwortungsvoll zu entwickeln und Tourismus als einen von vielen Beiträgen zu einer differenzierteren Wirtschaftsstruktur zu verstehen. Die vielfach zu belegenden sozialen und ökologischen Negativeffekte und Verwerfungen massentouristischer „Monokulturen“ dürfen nicht wiederholt werden.

Auch für den Tourismus aus Deutschland bringt die Studie Hausaufgaben auf den Tisch: Wie kann es gelingen, die Ausgaben der Reisenden am Urlaubsort zu erhöhen und die Wertschöpfung dort zu diversifizieren? Im Verhältnis zum Reisepreis, den die Urlauber für Reisen in Entwicklungs- und Schwellenländern zahlen, werden vor Ort nur erschreckend geringe Ausgaben von durchschnittlich 286 Euro pro Person getätigt – und das bei einer Aufenthaltsdauer, die oft über 14 Tagen liegt.

Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft und das mitfinanzierende Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hätten gut daran getan, sich weniger in statistischen Spielereien zu verfangen, sondern die vielfach vorhandenen Erkenntnisse zu den Zusammenhängen von Tourismus und Menschenrechten sowie Reisen und Klimagerechtigkeit zu reflektieren. Denn die Herausforderungen sind immens: Wie sollte sich der Tourismus aus Deutschland in Entwicklungs- und Schwellenländer verändern, damit es vor Ort wirklich dauerhafte positive Veränderungen gibt?

Die Studie verstärkt den Auftrag an die Entwicklungspolitik und internationale Reiseveranstalter, die Potenziale und Risiken des Tourismus aus Deutschland zu reflektieren und Maßnahmen zu ergreifen, damit Menschen im Tourismus würdige Arbeit und existenzsichernde Löhne erhalten, die Umwelt und das Klima möglichst wenig belasten sowie die Beteiligungsmöglichkeiten auch derer, die nicht direkt im Tourismus tätig sind, verbessert werden. Die einfache These vom „Entwicklungshelfer“ Tourismus, der per se positive gesellschaftliche Impulse setzt, allein weil es ihn gibt, wird durch die Studie nicht gestützt.

Entwicklungsfaktor Tourismus. Der Beitrag des Tourismus zur regionalen Entwicklung und lokalen Wertschöpfung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Hg. Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), Berlin, August 2015. 201 Seiten.

(5.612 Zeichen, Dezember 2015, TW 81)

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