Tourismus in Entwicklungsländern

Renate Wilke-Launer
Mitautor/-en: 
Kösterke, Astrid / von Laßberg, Dietlind / Vielhaber, Armin. Hrsg.: Studienkreis für Tourismus und Entwicklung.

25 Jahre ist es nun her, dass in den „Materialien - Nr. 67” des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter dem neutralen Titel „Tourismus in Entwicklungs­länder” kritisch über die Folgen von Reisen in die Dritte Welt reflektiert wurde. Verfasser dieser fast legendär gewordenen Zusammenstellung waren Peter Aderhold und Armin Vielhaber. Sie sind dem Thema treu geblieben.

2005 haben sie sich wieder an einer Studie zum gleichen Thema beteiligt. Darin sind der inzwischen beachtliche Erkenntnisstand zum Thema zusammengefasst und ausführliche Umfragen unter Reisenden und Veranstaltern aufbereitet. Und bei allem wird bedacht und zum Teil ganz praktisch gefragt, was man tun kann/tun könnte, um die negativen Folgen des Tourismus zu minimieren, den „Bereisten” zu einem besseren Leben und den Reisen­den zu ein paar Einsichten zu verhelfen.

Der anfänglichen Euphorie über den wirtschaftlichen Transfer durch Tourismus war in den siebziger Jahren scharfe Kritik gefolgt, sowohl was den ökonomischen Nutzen als auch die Motive der Reisenden und die Folgen für die Bereisten anging. Getragen vom damaligen Optimismus über den Aufbruch vieler gerade unabhängig gewordener Länder und die Vorstellung, durch Aufklärung Verhaltensänderungen bewirken zu können, wurde die so gern beschworene Völkerverständigung durch Tourismus radikal angezweifelt, hätte man allen noch nicht zum rechten Bewusstsein Gelangten gern das Daheimbleiben verordnet. Inzwischen, das dokumentiert der nun vorliegende Band, ist die Diskussion sehr viel nüchterner geworden, man akzeptiert das Reiseverhalten der Urlauber und versucht nur sanft, es entwicklungsfreundlicher zu gestalten und das mehr oder weniger diffuse Interesse der Gäste an Begegnung und Kultur in die richtigen Bahnen zu lenken.

Der größte Teil der Studie ist eine Auswertung einer repräsentativen und seriös an­gelegten Befragung von (Fern-)Reisenden. Die erste Erkenntnis aus der Statistik: Es werden immer mehr, inzwischen hat der Tourismus in Entwicklungsländer in Deutsch­land einen Marktanteil von 16 Prozent. Erlebnis- und Bildungsmotive spielen bei Fernreisenden eine größere Rolle als bei Nahziel-Reisenden. Sie sind auch an Kontakten mit Einheimischen stärker interessiert. Ein bisschen Begegnung soll schon sein, aber vor allem hat man Urlaub und möchte den eigenen Interessen nachgehen. Dabei gilt ihnen ein deutsch sprechender Reiseleiter des Gastlandes mehr als der aus Deutschland mitgebrachte Führer, ein schönes Bekenntnis zu Authentizität statt angelesenem Wissen. Die negativen Folgen des Tourismus sehen die Gäste durchaus (und stärker als die Reiseveranstalter): zerstörte Natur, Umweltschäden, zugebaute Umgebung, das Aufeinandertreffen von Reich und Arm. Auch Anbieter von Reisen in die Dritte Welt und Vertreter von deren Tourismuszentralen in Deutschland benennen, das ergab eine gezielte Befragung im Sommer 2005, inzwischen die weniger erfreulichen Auswirkungen auf die Zielländer ziemlich deutlich.

So bleibt am Ende der Lektüre ein durchaus harmonischer Eindruck: man versucht auf­zuspüren, was die potentiellen Reisenden wollen und entsprechende Programme anzubieten (Veranstalter), sucht sie durch Werbung ins eigene Land zu locken (Tourismuszentralen), man will mehr Kundschaft haben, versucht aber gleichzeitig, die schädlichen Auswirkungen des Tourismus zu begrenzen und ist auch nicht abgeneigt, am Rande etwas Gutes zu tun und zu Bildung und Begegnung zu verhelfen. Veranstalter, Entwicklungszusammenarbeit und Aktivisten haben gelernt, zusammenzuarbeiten, was sich auch in der Unterstützung dieser Studie zeigt.

Bei so viel Kooperation vermisst man am Ende die Widersprüche: wie viel Begegnung ist eigentlich möglich, wenn in 12 Tagen ganz Südafrika abgeklappert sein will? Wenn Kapspitze, Tafelberg, Waterfront und Weingebiet nicht ausgelassen werden sollen, bleibt die Township-Tour schnell auf der Strecke. Was passiert, wenn hoch motivierte Frauen ihre Handarbeiten verkaufen wollen, die aus Europa eingeflogenen Gäste aber nur ein Foto machen? Auf wie viel Fremdheit können sich erholungsbedürftige Urlauber wirklich einlassen? Was sind die Vorstellungen der Gastländer? Hätte man zu all diesen Fragen Menschen aus den Zielländern zu Wort kommen lassen, hätte die Studie sehr an Tiefenschärfe und an Problembewusstsein gewinnen können.

Die im ersten Teil der Studie sachkundig referierten Erkenntnisse über die Wirkungen des Entwicklungsländer-Tourismus sind allzu knapp geraten. So bleibt die Leserin etwas ratlos zurück, wenn in einem Satz darauf hingewiesen wird, dass der Entwick­lungsländer-Tourismus eine hohe Arbeitsplatz schaffende Wirkung haben kann und im nächsten Satz gesagt wird, dass andere Untersuchungen zu gegenteiligen Ergebnissen kommen. Weiter unten wird pflichtschuldigst darauf hingewiesen, dass Frauen weniger verdienen und eine erhebliche Mehrfachbelastung zu tragen haben - als wäre das nicht fast überall so. Dagegen hätte man gern mehr erfahren, wie sich der Tourismus auf das Geschlechterverhältnis auswirkt. Und bei den Befragungen der Reisenden hätte man vielleicht auch manches Interessante herausfinden können, wenn man ein Augenmerk darauf gerichtet hätte, ob Männer und Frauen unterschiedliche Erwartungen und Wahrnehmungen haben.

Die Pauschalkritik an der Pauschalreise hat einer differenzierten Betrachtungsweise Platz gemacht, aber das Bewusstsein um die Abhängigkeit so vieler Menschen vom Tourismus, das Wissen um die in Kauf genommenen Folgen und die sich von einem Tag zum anderen ändern könnenden Rahmenbedingungen sind viel beunruhigender als der alte Generalverdacht.

So verdienstvoll der Versuch ist, eine empirische Studie mit grundsätzlicheren Betrachtungen und Zukunftsüberlegungen zu verbinden, stimmt doch das Verhältnis der einzelnen Kapitel zueinander nicht. Hätte man die sehr ausführliche Auswertung der Befragung kräftig gekürzt und die am Ende dokumentierten Beispiele für Verbesse­rungsmaßnahmen und Empfehlungen radikal zusammengestrichen, wäre aus den Beiträgen so vieler kenntnisreicher Menschen ein wirklich rundes Produkt geworden.

Tourismus in Entwicklungsländer. Eine Untersuchung über Dimensionen, Strukturen, Wirkungen und Qualifizierungsansätze im Entwicklungsländer-Tourismus – unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Urlaubsreisemarktes. Von Peter Aderhold, Astrid Kösterke, Dietlind von Laßberg, Armin Vielhaber. Hg. S Ammerland 2006, 268 Seiten, ISBN 3-9810102-1-3.

(6.477 Anschläge, 83 Zeilen, Dezember 2006)

Stichworte: