Tourismus auf Kosten der Kultur?

Melissa Bayer
"Kultur all inclusive"

Von Museumshops bis zum Indianertourismus, von Papua-Neuguinea bis Namibia, vom UNESCO-Weltkulturerbe bis zum touristischen Kleinunternehmer beschäftigt sich der Sammelband "Kultur all inclusive" mit dem Einfluss von (Massen-)tourismus auf Kultur im weitesten Sinne. Er umfasst zwölf Aufsätze, vor allem von Kultur- und Sozialanthropologen. Sie betrachten unterschiedliche Thematiken, ohne dabei den Blick für das große Ganze zu verlieren.

Bereits im Vorwort ist der Anspruch formuliert, dass es hier nicht nur um trockene Theorie, sondern um gelebte Praxis geht. Dazu wird zum einen tief in die Kiste der Grundlagenliteratur gegriffen, zum anderen finden Feldforschungen und relativ neue Ansätze, wie beispielsweise die bislang nur wenig durchgeführte Übertragung der Akteur-Netzwerk-Theorie auf Tourismus-Studien, ihre Anwendung. So liefert das Buch in der Diskussion, ob (Massen-)tourismus für die Kultur nun Authentizitätsverlust oder Wiederbelebung bedeutet, ein umfassendes Bild verschiedener Positionen: Die Kalam in Papua-Neuguinea haben beispielsweise einen Weg gefunden, den Rahmen ihrer Beteiligung am Tourismus eigenständig festzulegen und schaffen es so, kulturelle Transformation selbst zu gestalten. Das Beispiel des Indianertourismus in Nordamerika zeigt allerdings, dass diese Selbstbestimmung nicht mehr greift, sobald Verhaltensregeln zwar negative Einflüsse des Tourismus minimieren, diese Regeln aber gleichzeitig kreative und wirtschaftliche Entwicklungen einer Kultur hemmen und so zu einem Erstarren der Kultur führen. Die Betrachtung der touristischen Kleinunternehmer im Senegal verdeutlicht darüber hinaus, inwieweit eine Anpassung an touristische Nachfragemuster nötig ist, um in diesem Geschäft ein Einkommen erzielen zu können.

Das Buch schafft eine Abkehr von unreflektierten Äußerungen wie "Der Tourismus macht die Kultur kaputt". Sowohl die Wirtschafts- als auch die Kulturwissenschaften werden zu einer offeneren Herangehensweise an das Forschungsfeld Tourismus aufgefordert. Die Autoren beantworten in dem Sammelband nicht leicht und verständlich die Frage, ob Tourismus eine Kultur nun positiv oder negativ beeinflusst –doch genau darin liegt seine Stärke. Es räumt vor allem mit alten Vorurteilen auf und bietet Anregungen zur weiteren gedanklichen Auseinandersetzung.

Kultur all inclusive. Identität, Tradition und Kulturerbe im Zeitalter des Massentourismus. Von Burkhard Schnepel, Felix Girke, Eva-Maria Knoll (Hg.). Transcript Verlag, Bielefeld, 2013. 346 Seiten. ISBN 978-3-8376-2089-4

(2.304 Zeichen, Dezember 2013)