Schmelzende Gletscher, biblische Fluten

Thomas Döhne
Klimawandel im Himalaya

Heftige Monsunregen haben Ende August 2008 in Nepal und dem angrenzenden indischen Bundesstaat Bihar eine gewaltige Flutkatastrophe ausgelöst. Nach einem Dammbruch hat der Kosi, einer der großen Himalaya-Flüsse, die in den Ganges münden, seine Fließrichtung um 120 Kilometer nach Osten verschoben. Zahlreiche Gebiete im Südosten Nepals und in Bihar sind überschwemmt.

Nach offiziellen Angaben wurden etwa 250.000 Häuser zerstört, mehr als drei Millionen Menschen wurden obdachlos, Hunderte starben in den Fluten. Ein Teil der 1.600 betroffenen Dörfer konnte inzwischen mit Hilfsgütern versorgt werden. Etwa 500.000 Menschen wurden in Notunterkünften untergebracht. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht absehbar, da der Regen weiter anhält. Dass die Schleusenanlagen nicht ausreichend gewartet wurden und der Hochwasserschutz zwischen den nepalischen und den indischen Behörden schlecht koordiniert ist, wird als Ursache dieser Katastrophe angesehen.

Himalaya zunehmend uncool Unverkennbar zeigen sich hier Folgen des Klimawandels. Seit Jahren berichten Bauern in Nepal, Indien und Bangladesch darüber, dass der Monsunzyklus sich verändert hat und Wetterextreme zunehmen. In der höchsten Gebirgskette der Welt sind diese Auswirkungen sogar stärker als im Weltdurchschnitt. Wissenschaftler beobachten eine dramatische Gletscherrückbildung. Schneefelder und natürliche Eisflächen verschwinden, die Gletscher schrumpfen. Durch die Gletscherrückbildung wird die natürliche Speicherfunktion für Wasservorräte vermindert. "Das Verschwinden der Eisflächen und Schneefelder bedeutet, dass in der Trockenzeit weniger Wasser zur Verfügung steht. Wenn wir in die Zukunft blicken, müssen wir mit trockeneren Trockenzeiten und regenreicheren Regenzeiten rechnen", erklärt Mats Eriksson, Gletscherforscher am renommierten "International Centre for Integrated Mountain Development" (ICIMOD) in Kathmandu, das die Gebirgsökologie der Hindukuschregion erforscht. Steigende Temperaturen bedeuten, dass mehr Energie im hydrologischen Zyklus verfügbar ist und die Niederschläge in der Regenzeit heftiger werden. Statt steter, gemächlicher Schauer ist zunehmend mit heftigen Regenfällen zu rechnen, die sehr zerstörerisch sind. Die Gletscher des Himalaya sind gigantische Wassertürme von lebenswichtiger Bedeutung für 1,3 Milliarden Menschen, die im Einzugsgebiet der großen Himalaya-Flusssysteme leben. Die gesamte Wirtschaft hängt von der ökologischen Funktionsfähigkeit von Flusssystemen wie dem Indus, Brahmaputra, Ganges, Yangtse und dem Gelben Flusses ab – bei der Strom- und Energieerzeugung, der Landwirtschaft und der Industrieproduktion. Auch für den Tourismus spielen sie eine wichtige Rolle – und das nicht nur an den berühmten heiligen Stätten.

Himalaya-Tourismus und der gefühlte Klimawandel In diesem Jahr sind nach Angaben der Tourismusbehörde bis Ende August 224.679 Touristen mit dem Flugzeug nach Nepal eingereist. Das ist erfreulich in einem Land, in dem Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, von dem mehr als 200.000 Menschen profitieren. Doch die Touristen reisen mit großem "ökologischen Rucksack". Während im Tiefland große Gebiete überschwemmt sind, müssen Tanklaster die Hotels in Kathmandu mit Wasser beliefern. Die Fluten haben wichtige Überlandstraßen zerstört und zu Versorgungsengpässen geführt. Während die Touristen die Teuerungen mit ihrer Kaufkraft kompensieren können, leidet die arme Bevölkerung zusätzliche Not. Angesichts des hohen Ressourcenverbrauchs muss neu überlegt werden, wie nachhaltiger, gemeindenaher Tourismus in Nepal und in der gesamten Himalaya-Region in Zukunft aussehen muss, damit Klimawandel und Naturzerstörung nicht weiter forciert werden. Einstweilen gibt es noch keine schlüssigen Konzepte.

Ewiges Eis wird nackter Fels Ende Juli 2008 berichteten Bergsteiger darüber, dass sich die Eisfelder auf dem Mount Everest gegenüber dem Vorjahr sichtbar zurückgebildet hätten und sie selbst in 8.600 Meter Höhe streckenweise über nackte Felsen geklettert seien. Wenn so ein Schneefeld schmilzt, kommt manches zum Vorschein, was die Freude am Naturerlebnis trüben kann: Flaschen, Plastikmüll, Batterien, Elektroschrott und andere Hinterlassenschaften früherer Reisegruppen und Expeditionen, mitunter auch eine gut konservierte Leiche. Gelegentliche Aufräumaktionen und Expeditionen zur Müllbeseitigung haben in erster Linie symbolischen Wert. Das zunehmende Auftreten von Wetterextremen führt zu spürbaren Veränderungen bei der Wahrnehmung von Naturerlebnissen und bei Begegnungen mit den Menschen in den jeweiligen Reiseländern. Die überfluteten Gebiete in Ostnepal und Bihar zählen zwar nicht zu den Hauptreisezielen. Doch angesichts der unvermeidlichen Kollision des Bergtourismus, der Naturnähe sucht, mit den fühlbaren Folgen des Klimawandels, drängt sich eine Neubestimmung der Erlebnisinhalte für nachhaltigen Tourismus förmlich auf.

Aufräumarbeiten Mitte September beginnt wegen des angenehmen Klimas in Nepal die Hauptreisezeit. Gerade hat die nepalische Regierung in den von den Fluten betroffenen Gebieten Ostnepals den Notstand ausgerufen. Wegen des anhaltenden Regens wird es noch eine Weile dauern, bis die Wassermassen des Kosi in das ursprüngliche Flussbett zurückfließen. Die Aufräum- und Reparaturarbeiten können vermutlich erst nach dem Ende der Monsunzeit im Oktober beginnen. Ebenso lange müssen die Überlebenden mit Essen und Unterkünften versorgt werden, da sie nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Wie sie langfristig ihren Lebensunterhalt sichern können, steht noch nicht fest. Indiens Premierminister Manmohan Singh bezeichnete die Überschwemmungen in Bihar bei einem Besuch in der betroffenen Region als "nationale Katastrophe". Es wird wohl nicht die letzte sein – weder in Indien noch in Nepal.

Dr. Thomas Döhne ist freier Journalist und entwicklungspolitischer Berater. (5.936 Anschläge, 81 Zeilen, September 2008)

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