Rügen: Der Koloss von Prora

Christian Hlavac
Mitautor/-en: 
Schwartz, Uwe (Hrsg.)

In Prora auf Rügen, am breiten Ostseestrand zwischen Binz und Mukran, treffen Spaziergänger auf rätselhafte, kilometerlange Bauten, die in keiner Weise zu den Seebädern und Fischerdörfern Rügens passen. Die Fassaden scheinen in ihrer Länge kein Ende zu nehmen und setzen sich in Ruinenreihen fort. Es sind die Reste einer Anlage, die vor fast siebzig Jahren das erste Prunkstück einer Serie gigantischer "Kraft durch Freude"-Seebäder der nationalsozialistischen Propaganda werden sollte, aber nie fertig gestellt wurde. Prora ist somit auch Zeugnis deutscher Tourismus-Geschichte. Die Nazi-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" mit ihren Seereisen und geplanten Seebädern wird oft als Vorläuferin der modernenMassentourismus-Anbieter bezeichnet. 20.000 Betten auf fünf Kilometern Länge sprechen in Prora für sich.

Das reich illustrierte und aufmüpfig-engagierte Buch schließt sehr gut an das Werk "Paradiesruinen. Das KdF-Seebad der Zwanzigtausend auf Rügen" (sieheBuchbesprechung in TW 9/Nov. 1996, S. 10) an. Es geht auf die Tourismusgeschichte Rügens ein und schildert – im Gegensatz zum Buch "Paradiesruinen" - sehr genau die Nutzung des Geländes durch die "Nationale Volksarmee" (NVA) der DDR zwischen 1952 und 1990, u.a. als NVA-Erholungsheim. Viel Platz wird auch den zahlreichen, oft vergeblichen Versuchen einer (touristischen) Nachnutzung des riesigen Geländes gewidmet. Die politischen Querelen über die zukünftige Nutzung und der schleichende, teils absichtlich herbeigeführte Verfall der Anlage wirft ein düsteres Bild auf den Umgang mit der NS-Geschichte. Ingesamt betrachtet ist das Buch ein Aufruf und Hilfeschrei der "Museumsmeile Prora" gegen den Verfall und die aus Autorensicht verfehlte Politik im Umgang mit dem "KdF-Seebad auf Rügen".

Joachim Wernicke, Uwe Schwartz (Hg.): Der Koloss von Prora auf Rügen. gestern – heute – morgen. Verlag Museum Prora,Prora auf Rügen 2003, 132 S., zahlreiche Fotos, ISBN 3-7845-4900-4

(1.973 Anschläge, 23 Zeilen, Oktober 2004)

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