Quilombo-Gemeinschaften in Brasilien

Thaís Rosa Pinheiro
Anerkennung durch Tourismus

Brasilien ist das Land mit den meisten Bewohnerinnen und Bewohnern afrikanischer Abstammung außerhalb Afrikas. Das afrikanische Erbe spiegelt sich heute in jedem Bereich der brasilianischen Kultur wider. Jedoch wird dieses Vermächtnis in der brasilianischen Gesellschaft bis heute nicht anerkannt.

Als Quilombos bezeichnet man die Gemeinschaften entflohener Sklavinnen und Sklaven. Diejenigen, die aus den Kaffee- und Zuckerrohrplantagen fliehen konnten und sich der Gewalt und der Ausbeutung des Kolonialsystems widersetzten, sammelten sich in den zurückgezogenen Wäldern Brasiliens und bildeten dort die Quilombo-Gemeinschaften. Die Quilombos, was in der Bantusprache so viel wie „Siedlungen“ bedeutet, wurden damit zu wichtigen Räumen der Zuflucht und zum Symbol des Widerstands gegen die Sklaverei.

Die andauernden Folgen des Sklavenhandels

Während der Zeit des atlantischen Sklavenhandels importierte Brasilien so viele afrikanische Sklavinnen und Sklaven wie kein anderes Land. Rund 5 Millionen Sklavinnen und Sklaven wurden zwischen 1501 und 1866 aus Afrika nach Brasilien importiert. Erst im Jahr 1888 schaffte Brasilien als letztes Land der westlichen Welt die Sklaverei endgültig ab. Als Nachfahren der afrikanischen Sklavinnen und Sklaven sind viele Quilombo-Gemeinschaften auch heute mit verschiedenen Formen des Rassismus konfrontiert.

In der brasilianischen Verfassung von 1988 erlangten sie die Rechte für das Land, was sie historisch besiedelt hatten. Jedoch erhielten seitdem nur wenige von ihnen offizielle Landtitel. So haben von 44 Quilombo-Gemeinschaften im Bundesstaat Rio de Janeiro nur fünf formelle Landerechte. Der institutionelle Rassismus behindert nach wie vor den Prozess der Anerkennung ihrer Landtitel durch die Regierung und treibt die Marginalisierung der Quilombo-Gemeinschaften weiter voran. Die zunehmende Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft bedroht die Landrechte vieler Gemeinschaften und zwingt sie in städtische Gebiete umzusiedeln, um ihr Überleben zu sichern. Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auf ihre traditionellen Lebensweisen zur Folge.

Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit institutionellem Rassismus ist der Zugang zu Bildung. Bereits im Jahr 1824 wurde der Zugang zur Bildung als Gesetz in der brasilianischen Verfassung verankert. Zu dieser Zeit wurden die Nachkommen afrikanischer Sklavinnen und Sklaven jedoch nicht als rechtmäßige Bürger angesehen und ihnen das Recht auf Bildung verwehrt. Auch heute ist der  Bildungsstand in vielen Quilombo-Gemeinschaften weiterhin niedrig. Bislang müssen viele Kinder ihre Gemeinschaften verlassen, um den Schulunterricht zu besuchen. Dabei müssen sie entweder lange und kostspielige Wege zu einer Schule zurücklegen oder sie ziehen zu ihren Verwandten in die städtischen Zentren. Viele dieser Schulkinder schließen ihre Schulausbildung nicht ab und haben später Probleme einen guten Job zu finden.

Tourismus als Weg der Heilung

Das afrikanische Erbe in Brasilien ist ein wesentlicher Bestandteil des sozialen, historischen und des wirtschaftlichen Fundament des Landes. Obwohl dieser Teil der Geschichte nie niedergeschrieben wurde, hielten mündliche Überlieferungen die Erinnerungen am Leben. Der ethnische Tourismus in Brasilien spielt eine zentrale Rolle, um die individuellen und kollektiven Erinnerungen zusammenzubringen und die Traditionen und Werte der marginalisierten Quilombo-Gemeinschaften wertzuschätzen. Gemeindebasierter Tourismus schafft die Möglichkeit, Geschichte und Kultur der Quilombos für Besucherinnen und Besucher sichtbar zu machen und gleichzeitig eine Einkommensmöglichkeit für die lokalen Gemeinschaften zu schaffen.

Für die Quilombo-Gemeinschaften ist es nicht leicht, die schwierigen Zeiten des Sklavenhandels in Erinnerung zu rufen und sich mit den Ungerechtigkeiten auseinanderzusetzen, die ihren Vorfahren widerfuhren. Die Auseinandersetzung ist jedoch auch ein heilender Prozess für die Gemeinschaften. Denn er zeigt, dass aus der Not starke und widerstandsfähige Gemeinschaften entstanden sind. Indem die Gemeinschaften ihre eigenen Geschichten erzählen, bringen sie den Reisenden die Realität des Kampfes und des Widerstands der Quilombos näher und erlangen Wertschätzung für ihre Kultur und ihr Land. Der Tourismus ermöglicht in diesem Fall den Dialog und bringt Geschichten zum Ausdruck, die seit Jahrhunderten unsichtbar waren.

Teilen von Geschichten und Traditionen

Beispielsweise öffnet die Quilombo do Grotão, eine kleine Gemeinschaft in Niterói im Bundesstaat Rio de Janeiro, ihre traditionellen Samba-Treffen für interessierte Besucherinnen, Besucher und Reisende. Bei diesen sogenannten Rodas gibt es verschiedene Formen von Samba: eine ursprüngliche Form von Samba (Samba de Raiz), ein Glaubenssamba, der jeden ersten Sonntag des Monats stattfindet und einen Beschützer oder Heiligen (Orixa) ehrt, und seit Kurzem auch ein Frauensamba, bei dem ausschließlich Frauen singen und musizieren. Andere Erlebnisse können auf Anfrage mit der Gemeinschaft geplant werden, darunter auch Capoeira (brasilianische Kampfkunst) und die Vermittlung der Geschichte des Samba.Renatão, das Gemeindeoberhaupt, sagt: „23 Menschen arbeiten jeden Sonntag. Die meisten verkaufen traditionelles Kunsthandwerk oder Mahlzeiten an die Touristinnen und Touristen, wie zum Beispiel Feijoada, ein Eintopf aus Bohnen mit Rind- und Schweinefleisch“. Mehr als 30 Prozent der Gemeinschaft ist direkt an dem Projekt beteiligt und profitieren durch den Tourismus. Somit hält die Gemeinschaft ihre kulturellen Traditionen und ihre afrobrasilianischen Erinnerungen am Leben.

Für die Besucherinnen und Besucher bietet der Tourismus eine Möglichkeit über sich über ihre Geschichte und auch ihre Probleme der Gemeinschaften auszutauschen. Für die Quilombo-Gemeinschaften bietet er eine Möglichkeit, die Sichtbarkeit für ihre Probleme zu erhöhen und sich für ihre Rechte stark zu machen. Sie nutzen ihr afrobrasilianisches Erbe und ihre starken Bindungen zu ihrem Land als eine Form des Widerstands gegen kulturelle Auslöschung, zunehmende Umweltzerstörung und eben Rassismus.

Thaís Rosa Pinheiro besitzt einen Master of Science im Studienfach Social Memory. Sie ist die Gründerin von Conectando Territorios, einem regionaler Reiseveranstalter, der sich auf kleine und nachhaltige ethnische Tourismusprojektespezialisiert hat, die die lokale Kultur und die Geschichte der Gemeinschaften vermitteln.

Übersetzung aus dem Englischen: Robert Wenzel

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