Philippinische Seeleute

Edwin Dela Cruz
„Perfekte Arbeitskräfte“ in der nicht ganz makellosen Kreuzfahrtindustrie

Mehr als 400.000 Filipinos arbeiten an Bord von Ozeanschiffen, zu denen Frachtschiffe und Tanker, aber auch  Passagier- und Kreuzfahrtschiffe, zählen. Damit gehören die Philippinen zu den führenden Entsendeländern für Arbeitskräfte auf See. Die Philippine Overseas Employment Administration (POEA), die philippinische Regierungsbehörde für Arbeitsmigration, gab 2015 bekannt, dass von knapp 404.000 philippinischen Seeleuten rund 161.000 zur Kategorie der nicht-nautischen Seeleute zählen, das heißt, dass sie nicht als Maschinen- oder Deckarbeiter tätig sind. Dieser Kategorie werden auch Service-Berufe an Bord von Kreuzfahrtschiffen zugeordnet, wie Kabinenmitarbeiter, Kellner, Barmänner und -frauen, Küchenhilfen und ähnliche Positionen.

Das Grundgehalt dieser Gruppe von Crewmitgliedern auf den Kreuzfahrtschiffen ist, im Gegensatz zu ihren nautischen Kollegen, extrem niedrig und variiert zwischen US$175 und US$ 350 im Monat. Teilweise wird dieses niedrige Lohnniveau damit begründet, dass das Grundgehalt durch Trinkgelder aufgestockt wird. Dieses ist aber abhängig von der Zufriedenheit der Gäste und macht die Mitarbeitenden dadurch anfällig gegenüber Ausbeutung und Missbrauch. Es gibt viele dokumentierte Fälle von sexueller, körperlicher und verbaler Gewalt gegenüber Mitarbeitenden auf Kreuzfahrtschiffen durch Gäste und Vorgesetzte.

“Innerhalb der ethnisch diversen Arbeitskräfte der Kreuzfahrtindustrie machen philippinische Seeleute die größte nationale Gruppe auf den Schiffen aus. Die Tatsache, dass verhältnismäßig viele Filipinos  in den  Serviceberufen auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten, spricht dafür, dass sie als ‚perfekte Arbeitskräfte‘ anerkannt sind. Ein Überblick der Literatur von Kreuzfahrtunternehmen, Kreuzfahrtgästen, der philippinischen Regierung und ihrer Behörden lassen darauf schließen, dass philippinische Seeleute als Arbeiter mit Qualitäten wie ‚hart arbeitend‘, ‚flexibel‘, ‚unterwürfig‘, ‚familienorientiert‘, ‚fröhlich‘ und ‚nett‘ porträtiert werden.“ schreibt Mark Oliver Salariosa Llangco in seiner Doktorarbeitüber das Arbeitsleben von philippinischen Angestellten an Board von Kreuzfahrtschiffen (S.57).

Die ‚perfekten Arbeitskräfte‘ mit unperfekten Verträgen

Aufgrund dieser Zuschreibungen werden Filipinos von der Kreuzfahrtindustrie als ‚perfekte Arbeitskräfte‘ wahrgenommen – ihre Arbeitsbedingungen hingegen sind oftmals hochgradig  problematisch. Vom Moment der Rekrutierung an - wenn den angehenden Seeleuten glamouröse Jobs und die Chance, die Welt zu sehen, versprochen werden - werden sie ausgebeutet. Mehr und mehr Kreuzfahrtunternehmen etablieren zwar ihre eigenen Trainingscenter, wo zukünftige Arbeitnehmer vor allem in den Bereichen Hotellerie und Gastronomie auf Kosten der Unternehmen ausgebildet werden. Trotzdem müssen immer noch zu viele Arbeiter teure Zertifizierungskurse und Trainings von Rekrutierungsagenturen durchlaufen. Dort arbeiten sie häufig  als unbezahlte Praktikanten, ohne Gewissheit tatsächlich angestellt zu werden.

Wenn es zu einer Anstellung auf einem Kreuzfahrtschiff kommt, dann geschieht dies unter dem Standardvertrag der POEA (POEA Standard Employment Contract). Sein größter Nachteil ist, dass die Anstellung, die in der Regel zwischen 3 und 11 Monaten dauert, als ein einmaliges Anstellungsverhältnis konzipiert ist. Es gibt keine Sicherheit auf eine Folge- oder gar Festanstellung. Die Verträge müssen jedes Mal aufs Neue ausgehandelt werden. Es macht auch keinen Unterschied, ob die philippinischen Kreuzfahrtmitarbeitenden nur einen oder bereits zwanzig Arbeitsverhältnisse vorweisen können. In den meisten Fällen werden die philippinischen Arbeitsmigranten der Kreuzfahrtindustrie niemals festangestellte, sondern bleiben dauerhaft befristete Arbeitskräfte.

Schlechte Arbeitsbedingungen an Bord

Die Arbeit an Bord der Schiffe selbst kann monoton, ermüdend und stressig sein. Trotz geregelter Arbeitszeiten müssen die Mitarbeiter häufig Überstunden machen. Auch sind sie den Elementen und den Risiken einer Seereise ausgesetzt. Wenn sie krank werden oder sich verletzten, ist es oftmals nur schwer möglich, ihre Rechte geltend zu machen. Denn der POEA Vertrag macht es Seeleuten nicht leicht, medizinische Behandlung, Krankengeld oder Erwerbsunfähigkeitsleistungen in Anspruch zu nehmen. Um Ansprüche auf Kompensation aufgrund von Verletzungen und Krankheit, oder Todesfallleistungen geltend zu machen, müssen sie beweisen, dass ihre Erkrankung durch die Arbeit verursacht wurde. Dies ist ein langer und schwieriger Prozess, bei dem anwaltliche Unterstützung benötigt wird. Diese ist zum einen teuer und die Erfolgsaussichten sind gering, weil die Anwälte der Seeleute oftmals großen professionellen Anwaltskanzleien gegenüberstehen.

Die soziale Dimension von Arbeitsmigration

Die sozialen Kosten, die die Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen mit sich bringt, betreffen nicht nur die philippinischen Seefahrer selbst, sondern auch die Gemeinschaften, aus denen sie stammen. Die Auswirkungen werden dabei am stärksten von den Kindern wahrgenommen. Eine UNICEF Studievon Melanie M. Reyes aus dem Jahr 2008 beleuchtet, wie die Migration von Eltern, permanent oder temporär, extrem belastend  für Kinder sein kann, die sich nach elterlicher Fürsorge sehnen. Verwirrungen bezüglich Geschlechterrollen können auftreten und die Kinder  sind anfälliger für Missbrauch und können untypische Konsummuster entwickeln. Die Abwesenheit eines Elternteils in der Kindheit kann sich auch im Erwachsenenalter noch auswirken, z.B. durch das gehäufte Auftreten von Eheproblemen. Jedoch ermöglicht das Einkommen des abwesenden Elternteils auch den Zugang zu Bildung und birgt materielle Vorteile, wie zum Beispiel verbesserte Wohnverhältnisse.

Die philippinische Regierung als Motor der Arbeitsmigration

Trotz der sozialen Kosten wird die philippinische Bevölkerung dazu angehalten, im Ausland zu arbeiten, egal ob auf Kreuzfahrtschiffen oder an Land. Die Regierung verfolgt damit eine Arbeits-Export Strategie. Diese starke Fokussierung der Regierung auf eben jenen Export der eigenen Bevölkerung beruht vor allem auf der schlechten nationalen Wirtschaftslage, die durch hohe Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist. Die Rücküberweisungen der Arbeitsmigranten sind so ein wichtiger Pfeiler der Wirtschaft geworden. Nach Daten der philippinischen Statistikbehördebetrug die Summe der Überweisungen, die von Seeleuten ins Land geschickt wurden, im Jahr 2014 5,6 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Zuwachs von fast 10% seit 2013. Grund genug für die Regierung die philippinischen Seeleute unterbezahlt, fügsam und ohne feste Beschäftigung zu halten.

Ganz aktuell besteht die Gefahr, dass die Rechte von Seeleuten auf Kreuzfahrtschiffen noch weiter abgeschwächt werden, um sie weiterhin ‚marktfähig‘ zu halten. Dies soll durch einen separaten POEA Vertrag bewirkt werden. Viele der Schutzmaßnahmen des alten Vertrages für Seeleute würden wegfallen. Die Regierung möchte diese Verträge durchsetzen, da ihre Arbeits-Export Strategie Seeleute als Ware versteht, die man verkaufen kann, anstatt als menschliche Wesen mit Rechten und Würde. Sie werden daher weiterhin als ‚perfekte Arbeitskräfte‘ in einer nicht ganz makellosen Kreuzfahrtindustrie gehalten. Nur eine organisierte und vereinigte Stimme der Kreuzfahrtseeleute kann dieses System durchbrechen.

Edwin Dela Cruz ist Präsident des International Seafarers Action Center (ISAC) Philippines Foundation, einer gemeinnützigen zivilgesellschaftlichen Organisation, die Seeleute dabei unterstützt, ihre Rechte geltend zu machen und sich für ihr Wohlergehen einsetzt.

Stichworte: