„Peak Oil“ und seine Bedeutung für den Tourismus

Harald A. Friedl
Der schwierige Weg in eine postfossile Zukunft

Öl dominiert heute mit circa 40 Prozent die globale Energieversorgung. Insgesamt ist die Weltwirtschaft noch immer zu 80 Prozent von fossilen Energieträgern abhängig. Wohlstandssicherung setzt eine unbeschränkt steigerbare Verfügbarkeit von billigem Öl voraus. Doch „Peak Oil“ – das Ende des billigen Öls – steht dem quasi als Naturgesetz entgegen. Die Prognosen für die Tourismuswirtschaft werden dadurch grundlegend in Frage gestellt.

Erstmals wurde Öl vor 150 Jahren in Pennsylvania und Deutschland gefördert und löste den fossilen Energieträger Kohle sukzessive ab. Es hat eine höhere Energiedichte, ist besser transportfähig und die Förderkosten sind zunächst gering. So wurde es zur Basis für ein historisch einmaliges Wirtschaftswachstum.

Die dynamische Integration von immer mehr Ländern in den Weltmarkt und das Wachstum des internationalen Tourismus ließen den Bedarf an Öl bis 2012 auf 88 Millionen Fass pro Tag ansteigen. Das entspricht 44 Supertankern – täglich. Rund zwei Prozent davon verbraucht allein der Flugverkehr, also etwa 700 Supertanker jährlich. Ein wahrer „Ölrausch“ habe laut Daniele Ganser, Öl-Historiker und Friedensforscher, den gesamten Globus erfasst. Besonders das an Öl arme Europa habe sich dadurch in eine gefährliche Abhängigkeit von billigem Öl gebracht.

Was heißt "Peak Oil"?

Der erdölgeologische Begriff „Peak Oil“ bezieht sich auf das glockenförmige Produktionsprofil, das jedes entdeckte Öl- und Gasfeld aufweist. Nach etwa zehn Prozent Ausbeutungsgrad sinkt der Druck im Feld und damit auch die Förderrate. Darum können Ölfelder nur bis zu 20 Prozent „konventionell“, also zu geringen Kosten, ausgebeutet werden. Ist der globale Fördergipfel überschritten, so ist die Ölversorgung zwar noch nicht gefährdet, es bedeutet aber das Ende des billigen Öls.

Lieferengpässe werden nun durch „unkonventionelle Ölförderung“ kompensiert, die unter schwierigen technischen Bedingungen oder unter hohem Energie- und Wassereinsatz erfolgt. Wird die Förderung technisch zu aufwändig, wird sie finanziell wie energetisch (gefördertes Öl minus dafür verbrauchtes Öl) ein Verlustgeschäft.

Der globale Peak Oil: 2006

Aufgrund des strategischen Wertes des Öls für Länder und Unternehmen sind keine verlässlichen Informationen über „gesicherte Reserven“ verfügbar. Der globale „Peak Oil“ ist daher schwierig zu errechnen. Im „World Energy Outlook 2010“ wurde er bei konventionellem Öl bei 70 Millionen Fass/Tag auf das Jahr 2006 festgelegt. Seit damals konnte die globale konventionelle Ölförderung trotz des hohen Ölpreises nicht mehr ausgeweitet werden. Heute weisen bereits 33 von 48 Ölförderländern Produktionsrückläufe auf. Seit 1981 wird global mehr Öl verbraucht als neu entdeckt.

Konsequenzen für den Tourismus

Für Ganser beginnt 2006 „der Anfang vom Ende des Erdölrausches“. Steigende Ölkosten verteuern sämtliche Produktionsprozesse und Transporte. Im Tourismus sind die Fluggesellschaften am stärksten betroffen. Deren Kosten für Kerosin machen 20 bis 30 Prozent der Betriebskosten aus. Ölpreise über 100 US-Dollar übersteigen selbst umfassende Einsparungen und müssen – wie schon 2006/07 – auf die Kunden abgewälzt werden.

Das drückt die Nachfrage und darunter leiden besonders Zielgebiete, die von Langstreckenflügen abhängig sind, wie z.B. die Malediven oder Dubai. Nahe gelegene Ziele, die mit sparsameren Verkehrsmitteln erreichbar sind, profitieren theoretisch davon. Praktisch aber führten massive Ölpreissteigerungen in der Vergangenheit (1. Ölschock 1974, 2. Ölschock 1979-80, Kuwait-Krieg 1990, Rekordölpreis weit über 100 US-Dollar 2007-2008) stets zu Rezession, Arbeitslosigkeit und Finanzturbulenzen.

Bei Konsumenten und in Unternehmen werden dann Reisekosten eingespart, was den Tourismus weiter ausbremst. Um die Versorgung mit billigem Öl zu sichern, „investiert“ der Westen in Ressourcenkriege wie in Kuwait und Afghanistan, im Irak und in Libyen, durch die westliche Ölförderfirmen bevorzugt Zugriff auf umkämpfte Ölvorkommen erlangen. Die unmittelbaren „Peak Oil“-Folgen werden dadurch nur hinauszögert. Der hohe Preis solcher militärischen Interventionen ist der soziale Zerfall betroffener Regionen, verbunden mit Terrorismus und Massenflucht, was wiederum Touristenströme versiegen lässt. Tourismusdestinationen wie der Nahe Osten und Nordafrika verschwinden großräumig von der touristischen Weltkarte.

Wachstumsprognosen der UNWTO – Wünsche ans Christkind?

Entgegen solchen vorausschauenden Überlegungen wird Tourismus von der Welttourismusorganisation (UNWTO) unkritisch als zuverlässiger Wachstumsmotor beschworen. Zwar stieg das internationale Tourismusaufkommen seit 1995 im Jahresdurchschnitt um 3,8 Prozent, doch brach es während der Ölpreis-, Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 spürbar ein. Damals standen sogar in Dubai die Baukräne still. Erst als die Ölpreise infolge der globalen Rezession und sinkenden Ölnachfrage nachgaben, bekam der Tourismus wieder Aufwind.

Seither prognostiziert die UNWTO für 2030 optimistisch 1,8 Milliarden internationale Touristenankünfte. „Öl“, geschweige denn „Peak Oil“, sucht man im Vokabular der UNWTO vergeblich – was solche Prognosen zu Wunschdenken mit Propaganda-Effekt entwertet. Nachhaltigkeit im Tourismus würde dagegen bedeuten, sich zukünftigen Herausforderungen offen zu stellen, statt sie zu negieren. Um Widerstandsfähigkeit zu entwickeln, führt kein Weg vorbei an massiven Investitionen in nachhaltige Energie, an spürbar reduziertem Konsum mit weitgehendem Verzicht auf Fernreisen und an einem regionalen, klimaschonenden und energiesparenden Tourismus.

Harald A. Friedl ist Professor für Tourismusethik und nachhaltige Tourismusentwicklung am Institut für Gesundheit und Tourismusmanagement an der FH Joanneum in Bad Gleichenberg, Österreich.

Weitere Informationen:

Dubai – die letzte Erfolgsstory fossiler Wachstumsträume? Von Harald A. Friedl, und Susanne Becken. In: Egger, Roman & Luger, Kurt (Hg.). Tourismus und mobile Freizeit (S. 367-394). Books on Demand, Nordersted, 2014.

(5.559 Zeichen, September 2015, TW 80)

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