Nachhaltigkeit in der nationalen Tourismusstrategie verankern

Laura Jäger

Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht die Entwicklung einer nationalen Tourismusstrategie vor. Inzwischen finden erste Treffen unter Federführung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie statt, um der Tourismusstrategie eine konkrete Form zu geben. Tourism Watch fordert in diesem Zusammenhang, dass die Strategie Rahmenbedingungen für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus in, nach und aus Deutschland schafft. Dazu darf die Tourismuspolitik nicht nur als reine Standortpolitik betrachtet, sondern muss als globale Gestaltungsaufgabe verstanden werden.

Outgoing-Tourismus als wichtigen Bestandteil der Strategie etablieren

Immer mehr Deutsche zog es 2017 im Urlaub in die Ferne. Neun Millionen Urlauberinnen und Urlauber aus Deutschland besuchten ein Entwicklungs- oder Schwellenland. Die Potentiale für die deutsche Tourismuswirtschaft in diesen Ländern sind enorm, damit geht allerdings auch eine gestiegene Verantwortung einher. Ein klarer Bezug zum Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte in der Tourismusstrategie bietet die Möglichkeit, die Erwartungshaltung der Bundesregierung an international tätige Unternehmen auch im Tourismus zu verdeutlichen.

Nachhaltigkeit entlang der touristischen Wertschöpfungskette erfassen

Es gilt in der Tourismusstrategie, Nachhaltigkeit im Sinne der Agenda 2030 entlang der gesamten touristischen Wertschöpfungskette klar zu definieren, von der An- und Abreise über die Aktivitäten im Zielgebiet bis zu den Übernachtungen. Dazu bedarf es der Entwicklung eines geeigneten Indikatoren- und Monitoringsystems, was nicht nur quantitatives Wachstum im Tourismus erfasst, sondern auch die tatsächlichen Wirkungen des Tourismus auf nachhaltige Entwicklung. Nur so können positive Entwicklungsimpulse gestärkt und Risiken für Mensch und Umwelt minimiert werden.

Zweifelsohne ist der Tourismus einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftszweige. Damit nehmen allerdings auch Ressourcenverbrauch und Klimawirkungen enorm zu. Aus diesem Grund sollte die Tourismusstrategie den Sektor als treibende Kraft bei der dringend notwendigen Verkehrs- und Mobilitätswende erkennen und klare Reduktionsziele entwickeln.

Nachhaltigkeit für Reisende transparenter machen

Viele Deutsche möchten gerne nachhaltig verreisen. Allerdings klafft nachweislich eine große Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Anzahl der Umwelt- und Nachhaltigkeitssiegel im Tourismus allerdings auf etwa 150 verdoppelt. Eine staatlich getragene Co-Zertifizierung mit klar definierten Mindestanforderungen an bestehende Siegel – ähnlich dem staatlichen Bio-Siegel - sollte etabliert und durch Kommunikations- und Sensibilisierungsstrategien flankiert werden.

Die nationale Tourismusstrategie sollte sich zu dieser Perspektive bekennen und so eine klare Orientierung für Unternehmen, Reisende und Zertifizierungsinstitutionen geben.

Ressortübergreifende Zusammenarbeit innerhalb Deutschlands stärken

Die Tourismuswirtschaft weist eine komplex verzweigte Wertschöpfungskette auf und tangiert die Lebensbedingungen in den Zielgebieten auf vielfältige Weise. Insofern ist auch eine Zusammenarbeit über die Grenzen von Ressorts hinaus unerlässlich. Ein enger Austausch mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in den Bemühungen zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung im Tourismus ist unerlässlich – ebenso wie die weitere Kooperation mit dem Bundesumweltministerium. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert zunehmend mehr Tourismusprojekte im Globalen Süden. Dementsprechend sollte auch eine enge Abstimmung mit dem BMZ in der Strategie festgeschrieben werden.

Auch das öffentliche Beschaffungswesen sollte in der Tourismusstrategie berücksichtigt werden. Hier gilt es, die Reiserichtlinien von Behörden so weiter zu entwickeln, dass Nachhaltigkeit als ein wichtiges Entscheidungskriterium verankert wird. So sollten klimafreundliche Transportmittel bevorzugt werden und Hotels begünstigt werden, die höchste Anforderungen im Kindesschutz erfüllen. Sollten sich Flugreisen nicht vermeiden lassen, sollten die Beschaffungsrichtlinien öffentlicher Stellen zu einer Kompensation der Emissionen nach höchsten Standards verpflichten.

Entwicklungsprozess partizipativ und transparent gestalten

Es gilt in einem transparenten Verfahren offen zu legen, wie der Entwicklungsprozess der nationalen Tourismusstrategie erfolgen soll. Neben der interministeriellen Zusammenarbeit in diesem Prozess, muss es auch zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure möglich sein, ihre Belange einzubringen.

Stichworte: