Nachhaltige Energie für alle

Christina Kamp
Welttourismustag 2012 wirft Fragen zur Energiegerechtigkeit auf

Als in großen Teilen Indiens Ende Juli die Lichter ausgingen und in der Hauptstadt Neu-Delhi die U-Bahn stehen blieb, machte die Nachricht vom Energiedefizit der aufstrebenden Wirtschaftsmacht vor allem im Westen Schlagzeilen. Es war der bislang größte Stromausfall in der Geschichte der Menschheit. Laut Nachrichtenmeldungen "betraf" er über 600 Millionen Menschen – doch in den über 20 nördlichen, östlichen und nordöstlichen Bundesstaaten, in denen die Stromversorgung zusammenbrach, ist ein großer Teil der Bevölkerung noch gar nicht an das Stromnetz angeschlossen.

Bei Knappheit sind Energiefragen auch Verteilungsfragen – und Fragen der Energiegerechtigkeit. So erklärte der indische Energieminister den gigantischen "Blackout": Einige Bundesstaaten hätten mehr Strom abgerufen als ihnen zustehe und so eine Überlastung der Stromnetze verursacht. Doch nicht nur in Indien, auch in vielen anderen Entwicklungs- und Schwellenländern müssen weite Teile der Bevölkerung immer wieder mit Stromausfällen leben. Ca. 1,5 Milliarden Menschen weltweit haben gar keinen Zugang zu modernen Formen der Energieversorgung.

Da Energie für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung von zentraler Bedeutung ist, haben die Vereinten Nationen das Jahr 2012 zum "Internationalen Jahr nachhaltiger Energie für alle" erklärt. Die "Energy Action Agenda" umfasst drei Ziele, die bis zum Jahr 2030 erreicht werden sollen: Die Sicherung des allgemeinen Zugangs zu einer modernen Energieversorgung, eine Verbesserung der Energieeffizienz um 40 Prozent und die Erhöhung des Anteils der erneuerbaren Energien auf 30 Prozent.

Hoher Energieverbrauch im Tourismus

Es bleibt noch viel zu tun, um diese Ziele tatsächlich zu erreichen. Zum diesjährigen Welttourismustag am 27. September ruft Taleb Rifai, Generalsekretär der Welttourismusorganisation (UNWTO), alle Beteiligten im Tourismus dazu auf, ihren Teil dazu beizutragen. Eine angepasste, nachhaltige Energieversorgung hilft, den Lebensstandard der Menschen deutlich zu verbessern und macht wirtschaftliche Entwicklung – und auch Tourismus – oft erst möglich.

Der Tourismus könnte ein Vorreiter auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit im Energiesektor sein, meint die UNWTO. Der Tourismus verbraucht Energie, um Umsätze zu erzielen und Gewinne zu machen. Der größte Anteil des Energieverbrauchs entfällt auf den Transportsektor, insbesondere auf den Flugverkehr, Kreuzfahrtschiffe und den Individualverkehr, die große Mengen an fossilen Brennstoffen verbrauchen und klimaschädliche Emissionen verursachen.

Doch auch Hotellerie und Gastronomie verbrauchen Energie, z.B. für Lüftungs- und Klimaanlagen, Heizung, Warmwasser, Beleuchtung, Fernseher und Minibars auf den Zimmern, Wäscherei, Küchengeräte, Büro, Swimming Pools und Wellnessbereiche. Damit belasten sie die öffentlichen Stromnetze, je nach Versorgungsgrad unter Umständen zu Lasten und auf Kosten der einheimischen Bevölkerung. Einige Regierungen, z.B. die des südindischen Bundesstaates Kerala, subventionieren den Stromverbrauch von Tourismusunternehmen.

In der Regel reagieren Flughafenbetreiber, Hoteliers und Privatpersonen, die es sich leisten können, auf die unsichere Stromversorgung, indem sie eigene Generatoren anschaffen – Dieselgeneratoren, die alles andere als umweltfreundlich sind. Während die Nachbarschaft im Dunkeln sitzt, bekommen die Hotelgäste von der Energieknappheit im Land so kaum etwas zu spüren.

Die Verantwortung der Tourismusbranche

Damit die Tourismuswirtschaft zur einem Vorreiter werden kann, müssen Verhaltensänderungen auf Seiten der Touristen, wirksame und weitreichende Initiativen auf Seiten der Privatwirtschaft sowie auf Umweltverträglichkeit ausgerichtete staatliche Anreiz- und Sanktionsmechanismen helfen, den Energieverbrauch im Tourismus deutlich zu verringern. Rasch und einfach umzusetzen sind Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz.

Der sparsame Umgang mit Energie in Ländern mit Energieknappheit ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist der notwendige Beitrag zum Klimaschutz. Auch der Tourismussektor muss die Energiewende hin zu erneuerbaren Energieträgern schaffen. Technische Innovationen bieten erhebliches Potenzial, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Doch angesichts der hohen Wachstumsraten im Tourismus ist es eine Herkulesaufgabe, den Energieverbrauch und die Emissionen auch in absoluten Zahlen zu verringern.

Der Welttourismustag soll das Bewusstsein für diese Herausforderung schärfen. Investieren Tourismusbetriebe in eine eigene, nachhaltigere Energieversorgung, zum Beispiel in Photovoltaik- oder Biogasanlagen, entlasten sie die öffentlichen Stromnetze und mindern ihre Auswirkungen auf das Weltklima. Unterstützen sie zudem die Entwicklung einer umwelt- und klimafreundlichen Energieinfrastruktur, die auch der ortsansässigen Bevölkerung zugute kommt, leisten sie ihren Beitrag zur Energie-gerechtigkeit.

(4.988 Zeichen, 69 Zeilen, September 2012)

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