Medizintourismus in Indien

Nikhila M. Vijay
Mit Risiken und Nebenwirkungen

Medizintourismus ist das neue Privatisierungs-'Mantra' des indischen Gesundheits­wesens. Menschen aus reichen Ländern reisen in ärmere Länder, um dort medizini­sche Versorgung in Anspruch zu nehmen und - um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen – auch die touristischen Attraktionen des Ziellandes zu erleben.

In Indien nutzen Ausländer die subventionierten medizinischen Angebote der großen privaten Krankenhäuser und genießen im Anschluss daran ihren Urlaub. Was sie hinterlassen, sind ein paar Dollars für die privaten Institutionen, und einen Haufen Abfall für die arme Bevölkerung, von der drei Viertel sich eine solche medizinische Versorgung in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Erstklassige medizinische Versorgung zu „Dritte Welt“-Preisen

Auch im Rahmen ihrer offiziellen Tourismuspolitik fördern viele Schwellenländer aktiv den Medizintourismus. In Indien versucht die Regierung mit „erstklassiger medizini­scher Versorgung zu Dritte Welt-Preisen“ das Land voranzubringen. Viele indische Privatkliniken entsprechen internationalen Standards, aber die Behandlungskosten betragen nur etwa ein Fünftel bis ein Achtel dessen, was Patienten in den USA, in Großbritannien oder anderen Industrieländern bezahlen müssen.

In einer Studie von McKinsey und dem Spitzenverband der indischen Wirtschaft, der „Confederation of Indian Industry“ (CII), wird geschätzt, dass der Medizintourismus indischen Krankenhäusern bis zum Jahr 2012 Einnahmen in Höhe von 2,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr einbringen wird. Reiseveranstalter und Hotelunternehmen haben medizintouristische Pauschalangebote eingeführt. Sie beinhalten oft die Abholung vom Flughafen, den Service am Krankenbett, Internet-Zugang im Krankenzimmer, inter­nationale Küche und einen Erholungsurlaub im Anschluss an die medizinische Behandlung.

In der indischen Gesundheitspolitik von 2002 heißt es: „Um aus den komparativen Kostenvorteilen der meisten inländischen Gesundheitseinrichtungen im sekundären und tertiären Sektor Kapital zu schlagen, wird diese Politik Angebote für Patienten aus dem Ausland gegen Bezahlung fördern. Die Erbringung solcher Dienstleistungen gegen Bezahlung in ausländischer Währung wird als Export angesehen und kommt in den Genuss aller steuerlichen Anreize, die für Exporterlöse gelten".

Ärzte von Weltklasse, eine exzellente medizinische Infrastruktur und Technologie, Ayurveda und anderes indisches Wissen im Gesundheitsbereich sowie Expertise in westlicher Schulmedizin gehören zu den strategischen Vorteilen Indiens. Viele indische Experten aus dem Gesundheitssektor arbeiten im Ausland. Dies erhöht das Vertrauen ausländischer Patienten, zur Behandlung in ein „Dritte Welt“-Land zu reisen.

Medizintouristen in Indien

Es sind vor allem drei Kategorien von Medizintouristen, die nach Indien kommen. Die größte Gruppe sind die Auslandsinder (Non-resident Indians - NRI), die ihre Heimat regelmäßig besuchen und hier billigere medizinische Angebote, wie z.B. zahnärztliche Versorgung, in Anspruch nehmen. Die zweite Gruppe sind Bürgerinnen und Bürger aus reichen Ländern wie den USA oder Großbritannien, die ihren Urlaub mit medizinischer Behandlung zu niedrigen Preisen verbinden. Zu dieser Gruppe gehören Nicht-Versicherte, die sich eine Behandlung in ihrer Heimat nicht leisten können, und Versicherte, die die langen Wartezeiten, z.B. auf Organtransplantationen oder auf Operationen (z.B. in Großbritannien) umgehen wollen. Wieder andere kommen für Schönheitsoperationen, die von Versicherungen nicht abgedeckt werden, oder als „Fortpflanzungstouristen“, um zuweilen strengere (oft ethisch begründete) rechtliche Bestimmungen in ihren Heimatländern zu umgehen. Die dritte Gruppe sind Patienten aus Afrika oder Ländern der Südasiatischen Vereinigung für Regionale Zusammen­arbeit (SAARC), wo eine erstklassige medizinische Versorgung nicht verfügbar ist.

Zu Risiken und Nebenwirkungen…

Mit dem Boom des Medizintourismus in einem Land wie Indien sind jedoch eine ganze Reihe Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Dazu gehört beispielsweise das Problem der umweltgerechten Entsorgung von Krankenhausabfällen oder der illegale Handel mit Organen. Während die medizinische Versorgung der indischen Bevölkerung sehr zu wünschen übrig lässt ist, werden mit knappen Steuermitteln Privatkliniken für die Reichen subventioniert.

Krankenhausabfälle: Infektiös und gesundheitsgefährdend

Es ist hinreichend bekannt, dass das moderne Gesundheitssystem große Mengen an Krankenhausabfällen verursacht, und das heutige Entsorgungssystem wirft viele Fragen auf. Nach Angaben der indischen Nichtregierungsorganisation „Toxics Link“ entsteht pro Krankhausbett im Durchschnitt ein Kilogramm Abfall pro Tag. Davon werden zehn bis 15 Prozent als infektiös, fünf Prozent als gesundheitsgefährdend und der Rest als hausmüllähnliche Abfälle eingestuft. Eine große Privatklinik in städtischer Umgebung produziert bis zu zwei Millionen Tonnen Abfall pro Jahr.

Viele Krankenhäuser verbrennen die verschiedenen Arten von Abfall – vom Büroabfall bis hin zu pathologischen Abfällen aus dem Operationssaal – in Müllverbrennungs­anlagen. Dies ist eine effektive Methode: effektiv, um hochgiftige Dioxine, Quecksilber, Blei und andere gefährliche Stoffe in die Luft zu blasen, die die menschliche Gesund­heit und die Umwelt bedrohen.

Die Kosten einer umweltverträglichen Entsorgung von Krankenhausabfällen sind in dem Preis, den Ausländer für ihre medizintouristischen Pauschalangebote bezahlen, nicht enthalten. Dies ist einer der Gründe, warum diese Angebote für Ausländer so „kostengünstig“ sind.

Organtransplantationen: Alles andere als „Spenden“

Um illegale Organtransplantationen zu unterbinden, hat die indische Regierung 1994 ein Gesetz verabschiedet, das den Verkauf von Organen unter Strafe stellt. Mit diesem Gesetz werden erstmals Standards für Krankenhäuser festgelegt, die Organtransplan­tationen durchführen, und wer rechtlich überhaupt als Organspender in Frage kommt. Doch aufgrund ineffizienter Regulierung und Korruption im Gesundheitssystem ist der illegale Organhandel in Indien weit verbreitet. In einer Studie über den Handel mit Nieren in Indien stellte Dr. Madhav Goyal von Geisinger Health System in den USA 2002 fest, dass 96 Prozent der Teilnehmer der Studie ihre Niere zum Preis von rund 1.000 US-Dollar verkauft hatten, um Schulden zu bezahlen. Einige Jahre nach dieser „Organspende“ hatte sich der Gesundheitszustand der meisten Probanden deutlich verschlechtert, und häufig auch ihre wirtschaftliche Situation. Zum Zeitpunkt der Organspende lebten 54 Prozent der Probanden unter der Armutsgrenze. Zum Zeit­punkt der Untersuchung, einige Jahre später, waren es 71 Prozent.

Nach einem Bericht in der Zeitschrift „Frontline“ benötigen in Indien rund 100.000 Menschen pro Jahr dringend eine Nierentransplantation. Hinzu kommen schätzungs­weise zwei Millionen Menschen mit Nierenproblemen. Die in Indien durchgeführten Transplantationen werden jedoch auf weniger als 3.000 pro Jahr geschätzt – ein Bruchteil der Fälle, in denen eine Nierentransplantation nötig ist. Dies zeigt, dass in Indien selbst eine große, ungedeckte Nachfrage besteht. Eine Chance bekommen nur diejenigen, die dafür entsprechend zahlen können, und dies ist nicht die breite Mittel- und Unterschicht. Gleichzeitig „exportiert“ Indien Organe, um mehr wirtschaftliches Wachstum zu erreichen.

Ein weiteres berüchtigtes Land für Organtransplantationen ist China. Nach einem Bericht in „NewScientist.com“ hat China sich im November vergangenen Jahres internationalem Druck gebeugt und sich bereit erklärt, die Praxis des Transplantationstourismus aufzugeben. In China wurden reiche Westler mit „gespendeten“ Organen behandelt, die von zum Tode verurteilten Gefangenen gestammt haben sollen.

Der Zugang der einheimischen Bevölkerung zu Gesundheitsversorgung

Wächst die Zahl der Medizintouristen weiter, so werden die Kosten im privaten Gesundheitssystem in Indien mit großer Wahrscheinlichkeit in die Höhe schnellen. Dadurch werden noch weniger Menschen Zugang zu ausreichender Gesundheits­versorgung haben. Bei einigen Behandlungen wie beispielsweise der Dialyse, ist das heute schon der Fall.

Die Nachfrage nach den Leistungen privater Kliniken als Folge des Medizintourismus-Booms wird aller Voraussicht dazu führen, dass diese Kliniken weiter ausgebaut werden. Dafür wird mehr medizinisches Personal gebraucht. Kurzfristig besteht eine Lösung darin, Ärzte aus dem öffentlichen Gesundheitswesen anzuwerben, oder qualifi­ziertes medizinisches Personal aus Kleinstädten oder kleineren Krankenhäusern in die Metropolen zu locken, in denen fast alle großen privaten Kliniken angesiedelt sind. Dadurch verlieren immer mehr Menschen den Zugang zu bezahlbaren medizinischen Leistungen. Gegenwärtig stehen in Indien nach UN-Angaben ca. 60 Ärzte pro 100.000 Menschen zur Verfügung. In den USA sind es 256, in Großbritannien 230, in Deutsch­land 337. Gelingt es der Regierung nicht, medizinische Versorgung bereitzustellen, die sich auch ärmere Bevölkerungsgruppen leisten können, so wird dies die gegenwärtige Situation weiter verschlimmern.

Druck auf die Regierung

In Indien wird der private Gesundheitssektor bereits stark subventioniert – zum Beispiel mit ermäßigten Einfuhrzöllen auf medizinische Geräte und Steuererleichterungen. Dieser Sektor wird von der Regierung noch mehr Subventionen verlangen und dies mit höheren Einnahmen durch den Medizintourismus begründen. Eine beunruhigende Entwicklung, denn durch die Subventionierung des Privatsektors werden die begrenz­ten Mittel, die die Regierung für das öffentliche Gesundheitswesen zur Verfügung hat, noch weiter zurückgehen. Nach dem Bericht über die menschliche Entwicklung 2006 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), betragen die Ausgaben der Regierung für das öffentliche Gesundheitswesen in Indien 82 US-Dollar (Kaufkraft­parität) pro Jahr (bzw. 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts), verglichen mit 5.711 US-Dollar in den USA, 2.389 US-Dollar in Großbritannien und 3.001 US-Dollar in Deutschland. Warum sollen unter diesen Bedingungen die indischen Steuerzahler die private medizinische Versorgung für die reichen Länder subventionieren?

Nikhila M. Vijay ist Ingenieurin für medizinische Gerätetechnik und Mitglied von „Kabani – the other direction“, einer Initiative aus Kerala (Indien), die sich für eine nachhaltigere Tourismusentwicklung einsetzt.

Redaktionelle Bearbeitung und Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp

(10.382 Anschläge, 137 Zeilen, März 2007)

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