Konkurrenzdruck am Berg

Thomas Döhne
"Machtkampf am Everest – Sherpas, Bergsteiger und die blutige Eskalation eines Konflikts"

"Machtkampf am Everest" ist eine spannende Aufsatz- und Interviewsammlung, in der versucht wird, die Hintergründe einer dramatischen Konfrontation zwischen drei europäischen Profi-Bergsteigern in Nepal und einer Gruppe Sherpas zu erhellen. Trotz zahlreicher Überlappungen der 25 Einzelbeiträge ist es eine kenntnis- und facettenreiche Publikation, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Expeditions- und Tourismusindustrie im Everestgebiet befasst.

Der blutige Streit im Camp 2 am Aufstieg zum Gipfel des Mount Everest (nep. Sagarmatha) ereignete sich Ende April 2013, ausgerechnet im Umfeld des 60. Jahrestags der Everestbesteigung. Er hatte ein großes Echo in nepalischen und internationalen Medien ausgelöst und das Klischee vom friedfertigen, kulturübergreifenden Miteinander im Angesicht der majestätischen Himalaya-Bergriesen auf verstörende Weise angekratzt. Die Geschehnisse in 7.000 m Höhe und die Konflikteskalation aus Perspektive einiger direkt Beteiligter sowie namhafter Autoren und Interviewpartner bilden den Kern des Buches.

Sehr eindrücklich werden die Bedrohlichkeit des Angriffs, sowie die Traumatisierung und Todesangst des Schweizer Extremkletterers Ueli Steck und seiner beiden Kollegen Simone Moro und Jon Griffith angesichts der massiven Gewaltbereitschaft ihrer Angreifer geschildert. Auslöser der Eskalation war, dass ein Team einheimischer Sherpas an der Lhotse-Wand Fixseile befestigte, als die drei Profibergsteiger zu Camp 3 aufsteigen wollten und dort queren mussten. Von den Sherpas zur Umkehr aufgefordert, setzten sie ihren Aufstieg abseits der Normalroute fort, ohne ein Seil zu benutzen oder die Arbeiten der Sherpas zu behindern. Dennoch kam es zu einem Wortgefecht und einer kleinen Rangelei, die Sherpas brachen ihre Arbeit ab. Auch die drei Bergsteiger entschlossen sich zur Rückkehr ins Camp. Dort wurden sie wenig später von einer aufgebrachten Menge von ca. 100 Sherpas mit Steinen angegriffen. Der Zivilcourage einiger Unbeteiligter ist zu verdanken, dass die Gewalt schließlich abebbte und es nicht zu Schlimmerem kam. Doch der Schock sitzt tief, die vertrauensvolle Zusammenarbeit am Berg hat einen Knacks erlitten.

Kommerzialisierung des Expeditionstourismus

Die Autoren des Buches geben unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie es zu einer solchen Eskalation hatte kommen können. Fest steht, dass die in den letzten Jahren entstandene Expeditionsindustrie am Everest nicht mehr viel mit der "Bergromantik" aus Hillarys Zeiten zu tun hat. Es ist ein hartes Geschäft geworden, bei dem es um die finanziellen Interessen internationaler und einheimischer Expeditions- und Tourismusanbieter und die Konkurrenz zwischen einheimischem Logistikpersonal und ausländischen Bergsteigern sowie zwischen den Profibergsteigern und den kommerziellen Anbietern geht.

Am Mount Everest, so beschreibt es etwa Nick Paumann in "Der manische Berg", sei ein soziales Gefüge entstanden, das nur während der Klettersaison existiere und von den Interessen der kommerziellen Expeditionsanbieter dominiert werde. Diese Unternehmen sind meist in ausländischer Hand. Kunden würden bis zu 110.000 Dollar pro Person zahlen, um sich auf den Everest führen zu lassen. Die Anbieter wiederum schlössen Verträge mit den Sherpas ab, die für sie als Träger, Köche oder Bergführer arbeiten. Kommerzielle Expeditionsleiter würden es heute selbst Berg-Laien ermöglichen, für 65.000 Dollar aufs Dach der Welt zu steigen.

Bummeltempo als Risikofaktor

Auch Martin Becker bezieht sich in seinem Beitrag "Die Sherpas sind die wahren Helden", der auf einem Interview mit Profibergsteiger Ralf Dujmovits beruht, auf den wachsenden Konkurrenzdruck am Berg. In den Basislagern würden sich heute Gipfel-Aspiranten aus aller Welt tummeln und am Gipfel könne es schon mal eng werden. Im Rekordjahr 2007 hätten 604 Bergsteiger den höchsten Punkt der Erde erreicht, 2012 habe es zwei Spitzentage gegeben: am 19. Mai mit 334 Gipfelbesteigungen und am 27. Mai mit 140. Die Gipfelaspiranten brächten immer weniger Qualifikation, untaugliche Ausrüstung und keine ausreichende Ausdauer mit. Am Hillary Step, einer zwölf Meter hohen Felsstufe in 8.760 Metern Höhe, kämen viele über die Engstellen nicht in akzeptabler Zeit hinweg, müssten Wartezeiten in Kauf nehmen, der Flaschensauerstoff gehe ihnen aus und plötzlich säßen sie in der Todesfalle.

Hajo Netzer zieht in "Tatort Everest: Streit am höchsten Berg – Kommerz, Neid oder Eitelkeit?" ein ernüchterndes Fazit: "Die Grundproblematik, dass sich die Einheimischen als Dienstleister in Lebensgefahr begeben – oft für überehrgeizige, den Herausforderungen nicht gewachsenen Touristen – wird bestehen bleiben. Ebenso wenig werden die (Bergsteiger-) Stars auf "ihren" Everest verzichten."

Machtkampf am Everest – Sherpas, Bergsteiger und die blutige Eskalation eines Konflikts. Piper Verlag GmbH, München 2013, 176 Seiten, ISBN 9783890294438.

(4.740 Zeichen, 62 Zeilen, September 2013)

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