Konfrontation mit dem eigenen Selbst

Birgit Gappa
"Das Selbst und die Fremde - Über psychische Grenzerfahrungen auf Reisen"

Kann man auf Reisen verrückt werden? Oder gar: Kann man vom Reisen verrückt werden? So lautet die Eingangsfrage, der Jens Clausen in seinem Buch “Das Selbst und die Fremde“ nachgeht. Eine ungewöhnlich anmutende Fragestellung, wird doch die Zeit des Reisens allgemein als Zeit der Bereicherung, der Entspannung und als Erquickung für Körper, Geist und Seele verstanden und herbeigesehnt.

Doch wie Clausen in seinem Buch belegt, zeigen Erfahrungsberichte und literarische Beschreibungen (z. B. von Goethe, Hölderlin oder Rilke) sowie einige wenige Untersuchungen, dass gerade Menschen auf Auslandsreisen anfällig sind für “Störungen des Selbst“. Sie geraten in den Strudel von Einsamkeit, Verlassenheit, seelischer Irritation, erleben die Schwierigkeiten innerer und äußerer Abgrenzung, werden von Angst- und Panikattacken verunsichert oder durch Depressionen oder Psychosen handlungsunfähig. Bei vielen Menschen sind diese Erlebnisse mit sich selbst auf Reisen der Auslöser für eine lang anhaltende, schwere psychische Erkrankung und auch bei Menschen, die zuvor keineswegs psychisch auffällig waren, können diese oder ähnliche Krisensymptome auftreten.

Das Buch “Das Selbst und die Fremde“ von Jens Clausen beruht auf einer Dissertation am Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Münster und stützt sich auf umfangreiche Recherchen. Auch wenn die übersichtliche Gliederung des Buches und die Titel der einzelnen Kapitel und Beiträge durchaus neugierig machen, ist das Buch keine leichte Kost. Für psychiatrisch interessierte Laien und Fachleute allerdings, ebenso wie für Menschen, die die im Buch beschriebenen Phänomene von sich selbst kennen, ist es mit Sicherheit eine ausgesprochen interessante Lektüre zu einer bislang kaum systematisch untersuchten Fragestellung.

Das Selbst und die Fremde. Über psychische Grenzerfahrungen auf Reisen. Von Jens Clausen. Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie-Verlag, Bonn 2007, 340 Seiten, ISBN 978-3-88414-422-0.

(2.091 Anschläge, 29 Zeilen, März 2008)

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