"Klimaschutz 100 % inklusive"

Petra Thomas
Der lange Weg zur Akzeptanz der Kompensation im Tourismus

Es ist eine unerfreuliche Tatsache: Flüge verursachen etwa 80 Prozent des gesamten CO2-Aufkommens im Tourismus. Um einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, sollte man daher entweder auf Flüge verzichten, Flugreisen soweit wie möglich reduzieren und dort, wo Flüge unvermeidbar sind  durch Kompensation die entstehenden klimaschädlichen Emissionen ausgleichen. Doch ohne Mobilität  kein Tourismus – gerade in weit entfernte Länder. Deshalb hat das Forum anders reisen als Veranstalterverband für nachhaltigen Tourismus 2003 zusammen mit Germanwatch die Klimaschutzorganisation Atmosfair initiiert.

Gemeinsam unterstützen die Verbandsmitglieder des Forums seitdem die Initiative durch freiwillige Kompensationszahlungen der Gäste. Die Gelder werden zum Beispiel in Biomasse-, Solar- oder Energieeffizienzprojekte investiert, um Treibhausgase an anderer Stelle einzusparen – und zwar in der Menge, wie sie der Urlaubsflug verursacht hat.

Finanziert werden Projekte in Entwicklungsländern, die Klimagase durch erneuerbare Energien oder einen sparsameren Einsatz von Brennstoffen reduzieren. Und mehr noch: Mit den Projekten werden Lebensqualität und Umweltsituation in der Reisedestination verbessert. Die Projekte schaffen Arbeitsplätze, halten Land, Luft und Wasser sauber und versorgen viele Menschen mit Strom und Nahrung.

Dabei wird auf höchste Standards geachtet: Alle geförderten Projekte sind sowohl nach dem Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism – CDM) als auch nach Gold Standard zertifiziert.

Von der Freiwilligkeit zur Einpreisung

Die Veranstalter des Verbandes setzen bei ihrem Angebot auf Aufklärung der Reisenden. Der Zusammenhang zwischen Flugemissionen und Klimaauswirkungen wird erläutert und die Kompensation über Klimaschutzprojekte als ein freiwilliger Weg der Verantwortung jedes Einzelnen aufgezeigt. Diese Information wird dabei gezielt in den Buchungsprozess der Reise eingebunden. Die Bereitschaft seitens der Reisenden die entstehenden Emissionen ihrer Fluganreise in den Urlaub durch eine freiwillige Zahlung an eine Klimaschutzinitiative zu kompensieren, ist bisher leider nicht sehr hoch.

Bis 2014 konnte die freiwillige Kompensationsquote auf etwa fünf Prozent der Reisen gesteigert werden. Damit liegt das Forum anders reisen zwar deutlich über der Quote des Gesamtmarktes, die laut Schätzungen unter ein Prozent liegt. Dennoch möchten die auf nachhaltige touristische Angebote spezialisierten Veranstalter diese Quote zukünftig deutlich erhöhen. Deshalb starteten sie zur Reisesaison 2014 mit einem Pilotprojekt. Hatten bislang alle auf eine freiwillige Zahlung durch die reisenden Gäste gesetzt, begannen insgesamt 17 Veranstalter erstmalig auf dem deutschen Markt, die Kompensationszahlung als festen Leistungsbestandteil in den Reisepreis einzurechnen.

Klimaschutz zu 100 Prozent im Reisepreis inklusive

Lange hatten die Mitglieder diesen Schritt diskutiert. Sie befürchteten durch den erhöhten Reisepreis ihre Reisen nicht mehr konkurrenzfähig anbieten zu können und sorgten sich um preissensible Reaktionen der Gäste, die zu einem Rückgang der Buchungen führen könnten.

Die 17 Pilotunternehmen wählten unterschiedliche Modelle der Einpreisung. Einzelne Veranstalter schritten mutig voran und preisten die Kompensationsbeiträge in ihr komplettes Angebot ein, darunter der Island-Spezialist Contrast Travel und die Trinidad-Experten von Kolibri Reisen. Andere Veranstalter wählten einzelne Reisen aus ihrem Programm aus und rechneten hier die Klimaschutzbeiträge mit ein. Allen gemeinsam ist, dass nicht nur die Anreise sondern die kompletten Emissionen der Reise inklusive aller Transporte und Übernachtungen vor Ort durch die Zahlungen ausgeglichen wurden, um zu Recht mit dem Logo „100 % Klimaschutz inklusive“ werben zu können.

Positive Wirkungen

Mit Spannung erwarteten alle die Reaktionen und Ergebnisse dieses Pionierversuches. Und die erste Bilanz sieht erfolgreich aus. Durch die Inkludierung der Klimaschutzbeiträge in den Reisepreis hat sich die Anzahl der kompensierten Reisen verdoppelt. Ein erster Schritt zur besseren Etablierung des Kompensationsmodells am Markt ist damit geleistet. Doch genügt es nicht, wenn nur eine kleine Anzahl an Veranstaltern innerhalb des Reisemarktes sich mit dem Thema Klimaschutz aktiv auseinandersetzt.

Im Rückblick auf die vergangenen 13 Jahre seit Gründung von Atmosfair zeigt sich, dass es Unterstützung von Seiten der Politik bedarf, um das System erfolgreich im Tourismus zu etablieren. Die Veranstalter des Forum anders reisen haben gezeigt, dass es machbar ist, Klimaschutzbeträge aktiv in den Reisepreis einzurechnen. Doch wird ein veritabler Effekt für den Schutz des Klimas nur dann eintreten, wenn sich die Reisebranche insgesamt der Problematik zuwendet. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche politische Dimension: das Bewusstsein der Öffentlichkeit muss mit weitreichenden Kampagnen geschärft werden, es gilt alle Reisenden für die Kompensation zu gewinnen. Die Rahmenbedingungen für Anbieter, die sich aktiv für Klimaschutz engagieren, müssen verbessert werden – so fordert das Forum anders reisen. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, ein solches Engagement gezielt zu fördern.

Kompensation ist nur der zweitbeste Weg zur Reduktion von Emissionen. Dennoch wäre es hilfreich, wenn Klimaschutzzahlungen selbstverständlicher würden und so akzeptiert, wie etwa die Kurtaxe. In Europa beschwert sich niemand darüber, dass in Badeorten oder Naturregionen ein fester Betrag pro Tag erhoben wird, um die Natur zu schützen und öffentliche Plätze nachhaltig zu pflegen. Genauso wie die Kurtaxe sollte Kompensation ein normaler Bestandteil des Reisepreises sein.

Klimafreundliche Aufbauhilfe für Nepal

Ab sofort planen die Veranstalter des Forum anders reisen ein gemeinschaftliches Klimaschutzprojekt zu fördern. Alle Kompensationszahlungen der Mitglieder fließen für das gesamte nächste Jahr in die Förderung eines neuen Projektes in Nepal. Nach den verheerenden Erdbeben in der Himalaya-Region soll hier gezielt und langfristig der Wiederaufbau von Privathäusern, Schulen, Krankenstationen und Lodges unterstützt werden, indem die Bauten energieseitig mit CO2- und verbrauchsarmen Technologien ausgestattet werden. Von Kleinbiogasanlagen über Solarkocher bis hin zu Photovoltaik und Wasseraufbereitung soll dieses Gesamtkonzept eine kostengünstige und ressourcensparende Versorgung mit Strom, Licht, Warmwasser und Kochmöglichkeiten zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der Bergregion bereitstellen.

Petra Thomas ist Geschäftsführerin des "Forum anders reisen" mit Sitz in Freiburg.

(6.520 Zeichen, Juni 2015, TW 79)

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