Klimabedingte Schäden und Verluste

Sabine Minninger und Christina Kamp
Die Armen trifft es am stärksten

Wetterextreme wie Hitze und Dürren, Starkregen und Stürme nehmen infolge der Erderwärmung an Häufigkeit und Stärke zu. Als klimabedingte „Naturkatastrophen“ führen sie zu großer Zerstörung, wirtschaftlichen Schäden und dem Verlust von Menschenleben. Die Gefahr, Opfer von Klimaextremen zu werden, ist für die Armen ungleich höher. Das gilt für einzelne Länder, aber auch innerhalb großer Tourismusregionen.

Die Karibik, kleine Inselstaaten, Südostasien und Afrika gehören zu den Touristenzielen, die durch die Folgen des Klimawandels besonders gefährdet sein werden. Zugleich sind viele Menschen in diesen Regionen besonders arm und in Katastrophenfällen besonders verwundbar. Schäden und Verluste durch den Klimawandel können sie noch weiter in die Armut treiben.

Durch den regional unterschiedlichen Anstieg des Meeresspiegels verlieren zum Beispiel flache Südseeinseln wie Kiribati und Tuvalu immer mehr Land, die Bewohner ihre Heimat und der Tourismus seine Existenzgrundlage. Schwere Stürme verwüsten vor allem Inseln und Küstenregionen. Auch Hotels und Ferienanlagen bleiben davon nicht verschont. Doch während diese häufig versichert sind und wieder aufgebaut werden können, verlieren die Menschen meist ihr gesamtes Hab und Gut.

Durch extreme Hitze können ganze Regionen unwirtlich oder unbewohnbar werden. Hitzestress wird zur Folge haben, dass Touristen zu heiße Regionen meiden. Zunächst setzt große Hitze vor allem alten und kranken Menschen zu. Doch wenn die Temperaturen, wie von Wissenschaftlern prognostiziert, am Roten Meer schon in wenigen Jahrzehnten auf 55 Grad ansteigen, oder am Persischen Golf sogar auf 60 Grad, können auch junge und gesunde Menschen dort nicht mehr leben. Bereits heute findet bei über 40 Grad in Dubai ein großer Teil des Lebens der Reichen und der Touristen in klimatisierten Innenräumen statt, während die Hitze unter den Gastarbeitern auf den Baustellen der boomenden Golfstaaten schon Todesopfer gefordert hat.

Hitzewellen gefährden die Nahrungsmittelproduktion und ziehen in armen Ländern häufig Dürren und Hungersnöte nach sich. Sie können großflächige Waldbrände auslösen, die dann den Klimawandel weiter anheizen. Ebenso verursachen starke Niederschläge enorme Schäden – in der Landwirtschaft, an Gebäuden und Infrastruktur.

Je ärmer desto verwundbarer

Klimabedingte Naturkatastrophen haben zwischen 2008 und 2013 etwa 140 Millionen Menschen gezwungen, ihr Zuhause zumindest zeitweise zu verlassen. Das entspricht 85 Prozent aller Vertreibungen. Nach Zahlen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) entfielen 1970-2012 die meisten klimabedingten Naturkatastrophen (2.681) und die größten Opferzahlen (915.389) auf Asien. Nord- und Mittelamerika erlitten die höchsten wirtschaftlichen Schäden.

Auch wenn die monetär messbaren Schäden in reicheren Ländern höher sein mögen, ist das Risiko, dass ein Extremereignis die Entwicklung eines ganzen Landes existenziell bedroht, umso größer, je ärmer das Land ist. Was für Staaten gilt, gilt gleichermaßen auch für Gemeinden, Bevölkerungsgruppen und Haushalte: je ärmer, desto verwundbarer.

Nach dem neuen Klimarisikoindex 2016 von Germanwatch waren Honduras, Myanmar und Haiti zwischen 1995 und 2014 am stärksten von klimabedingten Extremereignissen betroffen. Länder mit niedrigem Einkommen rangieren auf den vorderen Plätzen. Einige, wie Bangladesch und die Philippinen, leiden regelmäßig unter Wetterextremen. Andere, wie Pakistan und Haiti, gehören aufgrund weniger, aber besonders verheerender Ereignisse zu den zehn am stärksten betroffenen Ländern.

Schäden und Verluste durch schleichende Veränderungen

Schwieriger als in Katastrophenfällen sind Schäden zu beziffern und zuzuordnen, die durch langsam fortschreitende Klimaveränderungen entstehen. Das gilt zum Beispiel für Ertragseinbußen in der Landwirtschaft aufgrund höherer Temperaturen und schwankender Niederschläge oder durch Versalzung aufgrund des Meeresspiegelanstiegs. Es gilt auch für Schäden durch die Versauerung der Ozeane und steigender Meeresoberflächentemperaturen, die zum Absterben von Korallen führen, Menschen ihre Lebensgrundlage nehmen und auch dem Tauchtourismus ein Ende setzen können. Wassermangel infolge der Gletscherschmelze, zum Beispiel in den peruanischen Anden, wird auch den Tourismus betreffen. Jedoch die Armen werden darunter besonders zu leiden haben. Bei Nutzungskonflikten ziehen sie fast immer den Kürzeren.

Eine noch größere Herausforderung ist die Erfassung von nicht-wirtschaftlichen Schäden wie dem Verlust von Heimat (etwa wenn Insulaner ihre Atolle verlassen müssen), von biologischer Vielfalt (einschließlich wertvoller Ökosysteme) oder von Kulturgut (wie Kult- und Ahnenstätten, die aus religiösen Gründen nicht umgesiedelt werden können).

Brot für die Welt fordert konkrete Maßnahmen

Viele der Armen haben keinen Zugang zu Informationen, Technologien und möglicher Unterstützung zum Klimarisikomanagement. Vor allem in potenziellen Gefahrengebieten müssen Frühwarnsysteme eingeführt und systematische Klimarisikoanalysen durchgeführt werden, wie derzeit in Fidschi. Dies fordert Brot für die Welt in dem Positionspapier „Klimabedingte Schäden und Verluste“, das im Oktober erschienen ist. Die vorgeschlagenen Maßnahmen beinhalten auch eine Überprüfung der Landnutzung und gegebenenfalls einen Stopp der Bebauung sowie die Umsiedlung der Menschen aus Hochrisikozonen. Gut ausgestaltete Klimarisikoversicherungen werden als zentrales Instrument des Risikotransfers unterstützt. Es müsse jedoch sichergestellt werden, dass auch arme und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen einen solchen Versicherungsschutz erlangen können.

„Loss & Damage“ auf der Tagesordnung der Klimaverhandlungen

Die Klimaverhandlungen zielen darauf ab, klimabedingte Schäden und Verluste dadurch zu vermeiden, dass man die Emissionen verringert und die Anpassung an den Klimawandel verbessert. Der Umgang mit entstehenden Schäden und Verlusten hat erst seit der Gründung des Internationalen Warschau-Mechanismus (WIM) 2013 deutlich an Dynamik gewonnen. Auf der Klimakonferenz in Paris bestand weitgehend Einigkeit, diesen Mechanismus weiter zu stärken.

Die Schäden und Verluste durch die Folgen des Klimawandels werden weiter dramatisch zunehmen. Die wenigsten entwickelten Länder und kleinen Inselstaaten brauchen die Solidarität der internationalen Gemeinschaft, um damit umgehen zu können. Die Menschen, die vom Tourismus leben oder davon betroffen sind, brauchen die Solidarität der Tourismusbranche, die wesentlich zum Klimawandel beiträgt und unter den Folgen ebenfalls zu leiden haben wird.

Weitere Informationen:

Klimabedingte Schäden und Verluste. Die politische Herausforderung annehmen und gerecht lösen. Hg. Brot für die Welt. Berlin, Oktober 2015. www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Fachinformatio...

Global Climate Risk Index 2016, Hg. Germanwatch. Bonn, November 2015. http://germanwatch.org/de/download/13503.pdf

(6.693 Zeichen, Dezember 2015, TW 81)

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