Jost Krippendorf ist tot

Ludmilla Tüting

"Er trat gegen Landschaftsfresser und Menschenfresser an - um es in seinem pointierten Ton zu sagen: Gegen jene, die aus egoistischem Gewinnstreben heraus die Natur und die mit der Natur lebenden Menschen ausbeuten", hieß es in einem Nachruf in der Berner Tageszeitung "Der Bund". "Er war der streitbare Visionär, der Vordenker und Mahner, der Berater und Lehrer, der Humanist und kritische Geist mit Weitblick", sagte Professor Hansruedi Müller, der enge Freund und heutige Direktor des FIF, in seiner Abschiedsrede. Am 27. Februar erlag Jost Krippendorf 65jährig einem langen Krebsleiden.

Der Ökonomie- und Ökologieprofessor, der 28 Jahre an der Universität Bern lehrte, davon 18 Jahre als Direktor des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus (FIF), fühlte sich auch vielen Menschen aus dem Umfeld von TOURISM WATCH eng verbunden. Er war es, der 1985 die Arbeitsgemeinschaft "Tourismus mit Einsicht" mitbegründete und ihr entscheidende Impulse gab. "Vision is not something to carry, it carries you". Dieser Ausspruch des Musikers Chuck Spezzano hätte gut auf ihn gepasst, glaubt Claudia Brözel, eine seiner ehemaligen Studentinnen. "In diesem Sinn sollten wir weitermachen".

Jost Krippendorf "geißelte kurzsichtigen Opportunismus und war ein engagierter Fürsprecher des sanften Tourismus", schrieb Walter Däpp im "Bund". "Als Buchautor hatte er eine spitze Feder. Vieles, das er schrieb, darunter Die Landschaftsfresser, Die Ferienmenschen und Alpsegen, Alptraum, war leicht lesbar, aber schwer verdaulich. Er liebte es zu provozieren, hatte Lust daran, wenn er damit die einen faszinierte, die anderen irritierte oder brüskierte."

Ende der 80er Jahre verließ Jost Krippendorf die für ihn zu eng gewordene Tourismusdiskussion: "Wir können unsere Bücher doch nicht gelesen verschicken!". Er baute die Interfakultäre Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie der Universität Bern auf. "Drei Jahre später entzog er sich auch dem universitären Korsett", sagte Hansruedi Müller, "er wurde stiller und vielleicht auch etwas weicher. Aber er begann, sich dort zu engagieren, wo die erkannten Fehler der wirtschaftlichen Entwicklung nicht wiederholt werden dürfen: in den Ländern der 3. Welt. Er wirkte insbesondere in Eritrea, in Bolivien und für einen fairen Handel im Textilsektor in Asien".

"Wir am FIF leben noch heute nach seinem eigenständigen Wissenschaftsverständnis mit drei Grundpfeilern in Forschung und Lehre", betont Hansruedi Müller. Sie lauten:

1. Ganzheitlichkeit, dass zwar von den ökonomischen Kernkompetenzen ausgegangen werden kann, dass aber eine umfassende, also interdisziplinäre Betrachtung zu pflegen ist und man keine Hemmungen zu haben braucht, über den Verstand hinaus, Gefühl, Herz und Intuition einzusetzen.

2. Zukunftsbezogenheit, dass man sich an zukünftigen Herausforderungen orientiert und Lehre, Forschung und Beratung als vorausgedachte Praxis versteht.

3. Engagement, dass man stets aufbauend kritisch ist und sich für die Umsetzung der Erkenntnisse in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung engagiert.

Der Tod von Jost Krippendorf ist ein unersetzlicher Verlust für alle, die ihn näher kannten und mit ihm arbeiteten. "Er war ein Networker", sagte Sohn Marc, " mit einem oder zwei "t". Trösten wir uns mit seinen Visionen für eine hoffnungsvolle Zukunft und mehr Menschlichkeit in allen Lebensbereichen. Bemühen wir uns, sie zu leben.

Stichworte: